Erschöpfungszustände und psychisches Leid erschweren den Wiedereinstieg ins Berufsleben. SOS-Tipps und gesunde Wege, wieder durchzustarten.

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Überlastung, Erschöpfung, Rückzug: Wer den Job aufgibt, weil nichts mehr geht, befindet sich in einem mentalen und/oder körperlichen Notzustand. Viele Arbeitnehmer erleben irgendwann die ersten Anzeichen eines Erschöpfungszustands. Doch nur wenige gestehen sich ein, dass Körper und Psyche gerade wichtige Signale senden.

Daten des DAK-Psychoreport 2020 zeigen: Seit dem Jahr 2000 sind Fehltage drastisch angestiegen. Der Anstieg beträgt ganze 137 Prozent. Vor allem das psychische Leid von Arbeitnehmern ist nicht mehr zu leugnen, weil die Diagnose „Depression“ die meisten Krankmeldungen ausmacht. Oft bleibt nur die Option, den Job auf Eis zu legen.

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Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Wiedereinstieg?

Bist du einmal raus, fällt es schwer, den Wiedereinstieg ins Berufsleben und damit einen Neustart zu wagen. Die große Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt? Die Antwort hängt in erster Linie von deiner individuellen Krankheitsgeschichte und der Schwere deiner psychischen Belastung ab. Eine Rücksprache mit behandelnden Ärzten und Therapeuten ist deshalb wichtig, bevor du die Entscheidung fällst, deinen Job wieder aufzunehmen.

Von zentraler Bedeutung ist bei solchen Entscheidungen, ob ein Rückfallrisiko besteht und wie groß dieses ist. Wer gelernt hat, gesunde Grenzen im Job zu setzen und sich gut um sich zu kümmern sowie mit belastenden Gefühlen wie Scham und Schuld umzugehen, kann den ersten Schritt in Richtung Berufsalltag wagen.

Nach Depression, Angststörung, Burnout: So steigst du wieder im Job ein

Ob deine mentale Gesundheit wegen der Arbeit gelitten hat oder ob es andere Auslöser (Trauma, Verlust, Trennung) für deinen seelischen Gesundheitszustand gab: Hier kommen Wege und Möglichkeiten, die es dir erleichtern, Anschluss zu finden und im Beruf wieder durchzustarten – auf gesunde Weise.

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1. Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM)

Viele Arbeitnehmer fordern das sogenannte betriebliche Eingliederungsmanagement (BEM) nicht ein, obwohl es ihnen zusteht und auch Arbeitgeber davon profitieren können: Seit 2004 ist es Gesetz für Arbeitgeber, dass sie Mitarbeitern eine Wiedereingliederung ermöglichen sollen, wenn diese länger als sechs Wochen oder aber häufiger wegen ihrer Erkrankung gefehlt haben.

Konkret bedeutet es, dass Arbeitnehmer zum Beispiel stufenweise eingegliedert werden, während die Arbeitsbelastung nur langsam zunimmt. Für Arbeitgeber ist dieses Modell, welches auch als „Hamburger Modell“ bekannt ist, keine finanzielle Belastung. Denn während dieser Phase ist der Arbeitnehmer offiziell noch arbeitsunfähig, sodass Kranken- oder Rentenversicherung die Kosten tragen. Ziel ist vor allem, eine erneute Arbeitsunfähigkeit zu verhindern, indem Faktoren untersucht und verbessert werden, die zu einer körperlichen oder seelischen Belastung geführt haben.

Wichtig: Suche dir am besten rechtliche Unterstützung. Das BEM-Gespräch ist manchmal etwas heikel. Wenn Arbeitnehmer sich darauf vorbereiten, sollten sie wissen, dass sie nicht verpflichtet sind, ihrem Chef die Diagnose mitzuteilen. Denn das könnte sich im Ernstfall nachteilig auswirken, wenn dein Arbeitgeber Informationen nutzt, um eine wirksame Kündigung vorzubereiten.

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2. Steigere dich langsam und überstürze nichts

Als Vollzeitkraft wieder direkt durchstarten? Achtung: Auch wenn für dich kein BEM in Frage kommt – ein zu schneller Einstieg mit hohem Arbeitspensum und viel Verantwortung könnte dich schneller wieder aus der Bahn werfen, als dir eigentlich lieb ist. Auch wenn wir uns nach einer beruflichen Auszeit nach Veränderung sehnen: Körper und mentale Gesundheit haben Vorrang. Steigere dich deshalb langsam.

Und: Suche dir vor allem einen Arbeitgeber, der das zulässt. Beachte auch hier noch einmal, dass du grundsätzlich nicht dazu verpflichtet bist, deinem Chef Bericht zu erstatten, wenn es um deine psychische Erkrankung geht. Eine genaue Diagnose musst du also nicht nennen.

3. Baue dir ein soziales Netz außerhalb der Arbeit auf

Wenn es dir schlecht geht, ist dein Job zwar eine gute Ablenkung. Dein Job ist aber kein dauerhafter Fluchtort. Gerade Menschen, die aufgrund einer zu hohen Arbeitsbelastung unter Burnout gelitten haben, neigen manchmal dazu, in alte Muster zu verfallen. Vergewissere dich deshalb unbedingt, dass du ein sicheres, stabiles Netzwerk außerhalb deines Jobs hast. Dazu gehören:

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  • gute Freunde
  • Familienmitglieder, denen du dich anvertrauen kannst
  • Gesprächsgruppen (Selbsthilfegruppen)
  • Vereine (Sport, Wandern, Spielgruppen)

SOS-Tipps für den Berufsalltag nach einem Wiedereinstieg

Hat die Seele gelitten, wird es immer wieder Situationen geben, die dich im neuen Berufsalltag triggern können. Ob Konflikte mit Kollegen, strenge Deadlines und Zeitdruck oder ein nicht ganz so angenehmer Kundenkontakt: Möglichkeiten gibt es viele. Für besonders schwierige Situationen haben wir dir einige SOS-Tipps zusammengestellt:

1. Tipp: Höre auf deine körperlichen Signale

Ob Herzrasen oder -stechen, Schweißausbruch, Schwindel oder das Gefühl, dass du dich nicht mehr halten kannst – psychosomatisches Leid ist nicht selten und zeigt sich in unterschiedlicher Form. Höre auf deine Körpersignale und lasse dich ärztlich untersuchen, um organische Ursachen abzuklären. Dafür ist es manchmal notwendig, sich für einige Tage krankschreiben zu lassen – und das solltest du auch unbedingt tun, wenn dein Körper streikt. Schuldig musst du dich hierfür nicht fühlen, auch wenn du direkt wieder fehlst.

2. Tipp: Vertraue dich einem guten Kollegen/einer guten Kollegin an

Oft hilft es, wenn wir Personen in unserer Nähe haben, die uns verstehen, wenn wir beispielsweise eine Panikattacke haben. Sprich deshalb mit einer Kollegin oder mit einem Kollegin. In akuten Situationen werden sie dir helfen können, wenn ihr vorab kommuniziert habt, was zu tun ist.

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3. Tipp: Sprich über deine Probleme, bevor du abbrichst

Der Berufsalltag kann ganz schön überfordernd sein, weshalb vor allem mental vorbelastete Menschen es schwer haben, durchzuhalten. Rückzug und Abbruch sind in schwierigen Situationen deshalb oft die nahestehende Lösung und eine Panikreaktion, die nur allzu verständlich ist. In solchen Situationen hilft es ebenfalls, Gefühle zu verbalisieren. Ob das Gespräch mit guten Freunden oder einem Therapeuten – wichtig ist, dass du nicht sofort in alte Muster verfällst und davonläufst, sondern darüber sprichst. Auch wenn die Situation dir Angst macht.

4. Tipp: Sage „Nein“

Belastende Gefühle und Emotionen im Job können wieder aufflammen, wenn wir zu viele Aufgaben und zu viel Verantwortung auf einmal übernehmen. Wenn du merkst, dass du dich deiner Belastungsgrenze näherst, ist es wichtig, klare Grenzen zu setzen. Auch wenn deine Kollegen sich daran gewöhnt haben, dass du für alle da bist: Jetzt musst du für dich da sein.

Wichtiger Hinweis

Professionelle Hilfe ist nichts, wofür wir uns schämen müssen. Dass es zu wenig Therapieplätze und zu lange Wartezeiten gibt, zeugt auch davon, dass immer mehr Menschen sich trauen, offen über die eigene mentale Gesundheit zu sprechen. Gerade nach einem Burnout oder nach einer diagnostizierten Depression ist es wichtig, Unterstützung zu suchen, um einen sanften Wiedereinstieg ins Berufsleben zu finden und mit seinen Problemen nicht alleine zu bleiben.

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Tipp: Während der Wartezeit auf einen Therapieplatz können Betroffene heute speziell von Psychologen, Ärzten und Entwicklern hergestellte Onlineprogramme in Anspruch nehmen, zu denen auch App-Angebote zählen, an denen Krankenkassen sich finanziell beteiligen oder die Kosten ganz übernehmen. Informiere dich bei deiner Krankenkasse, um über entsprechende Angebote im Bilde zu sein.

Bildnachweis: PeopleImages/istockphoto.com

Anne und Fred von arbeits-abc.de
Foto: Julia Funke

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