Sie gehört zu den sieben Todsünden, wird als Hauptgrund sämtlicher Finanz- und Wirtschaftskrisen, zahlreicher Kriege sowie der Umweltzerstörung oder auch des Aussterbens vieler Tierarten gesehen: Die Sprache ist von der Gier. Die Gier nach Elfenbein ist es, der jedes Jahr zehntausende Elefanten zum Opfer fallen. Die Gier nach Geld ist es, welche zahlreiche Banken in den Ruin getrieben hat. Und die Gier nach Macht ist es, die in der Geschichte so viel Kriege und Leid über die Welt gebracht hat. Gier ist wohl eine der schlimmsten im Menschen verankerten Charaktereigenschaften…oder?

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Gieriger Man strebt nach Geld, Ruhm und Macht.
Photo by Tanja Heffner on Unsplash

Inhalt
1. (Hab-) Gier: Was steckt hinter der Todsünde?
2. Gier gehört zur narzisstischen Gesellschaft wie Salz zum Meer
3. Erfolgreiche Menschen sind gierig – aber Gier gefährdet den Erfolg
4. Ausgebrannt? Gier kann der Auslöser für ein Burnout-Syndrom sein
5. Gier als unverzichtbarer Motor unserer kapitalistischen Gesellschaft

(Hab-) Gier: Was steckt hinter der Todsünde?

Die sieben „Todsünden“, auch „Hauptsünden“, wurden als Begriff von der katholischen Kirche geprägt. Neben Neid, Zorn, Wollust, Völlerei, Hochmut und Faulheit zählt dazu ebenfalls die Gier (Geiz, Habgier).

Egal, ob Sie nun katholisch sind und an Sünden glauben oder nicht: Die Gier brachte im Laufe der Zeit viel Leid über die Welt. Wir wagen an dieser Stelle zu behaupten, dass die Gier in jedem Menschen veranlagt ist, ja sogar in vielen Tieren. Warum sonst gab es schon seit Beginn des Lebens Kämpfe um Reviere, Essen oder Herrschaft?

„Nichts genügt dem, welchem genug zu wenig ist.“
(Epikur von Samos)

Heutzutage sind es vor allem Geld, Ruhm oder Macht, wonach die Menschen streben. Doch auch die Gier nach Schönheit, sozialer Anerkennung oder Bewunderung sind bezeichnend für unsere moderne Gesellschaft.

Gier gehört zur narzisstischen Gesellschaft wie Salz zum Meer

Zugegeben: Gier ist keine neue Entwicklung. Sie war schon immer da und wird wohl auch niemals gänzlich „ausgerottet“ sein. Dennoch scheint sie in Zeiten der narzisstischen Gesellschaft völlig neue Ausmaße anzunehmen. Es mag sein, dass der Schein trügt. Doch die Gier wird durch unsere kapitalistische Welt augenscheinlich befeuert. Plötzlich werden Kriege um Öl geführt und Investmentbanker geben in einer Studie offen zu:

Ja,

  • ich würde illegales Insiderwissen zu meinem Vorteil nutzen.
  • ich weiß, dass mein Job unethisches Verhalten von mir erfordert, aber mir ist jedes Mittel zum Zweck recht.
  • ich decke natürlich Gesetzesbrüche meiner Kollegen, wenn ich mir dadurch einen (finanziellen) Vorteil verspreche.

So oder so ähnlich lauten die Ergebnisse einer Umfrage der University of Notre Dame in Kooperation mit der Anwaltskanzlei Labaton Sucharow (Quelle: Handelsblatt Nr. 095).

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Und auch in Deutschland scheinen die Menschen gierig zu sein: Hungern nicht viele Arbeitnehmer nach mehr Gehalt oder der großen Karriere? Möchten nicht zahlreiche Unternehmer noch mehr Geld verdienen und die Konkurrenten abhängen? Wünschen Sie sich nicht ein größeres Auto, das freistehende Eigenheim oder (noch mehr) Bewunderung von Freunden und Bekannten? Von jeder Regel gibt es Ausnahmen. Der Trend in unserer narzisstischen Gesellschaft geht aber leider in eine eindeutige Richtung: Gier!

Erfolgreiche Menschen sind gierig – aber Gier gefährdet den Erfolg

Tatsächlich stehen Narzissmus und Gier in einem engen Verhältnis zueinander. Narzisstische Persönlichkeiten neigen zu einem unstillbaren Durst nach Macht, Reichtum und Erfolg. Sie versuchen dadurch ihre innere Leere zu füllen. Je gieriger sie werden, umso mehr müssen sie allerdings schmerzhaft erfahren, dass dies nicht funktioniert – dass ihre innere Leere im Gegenteil sogar immer größer zu werden scheint.

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Sie begeben sich dadurch in einen Teufelskreis aus Gier, Macht, Geld, Ruhm, Erfolg und noch mehr Gier. So lange, bis sie sich selbst, das Unternehmen oder ihr gesamtes Umfeld in den Abgrund reißen. Gier mag daher zu Beginn einer Karriere zwar der Motor für Disziplin, Fleiß und stetigen hierarchischen Aufstieg sein, kann aber im Laufe der Zeit auch eskalieren und macht genau diesem Erfolg dann früher oder später den Garaus. Jede zehnte Führungskraft in Deutschland zeigt Anzeichen einer Psychopathie. Da ist auch die Gier nicht weit entfernt…

Ausgebrannt? Gier kann der Auslöser für ein Burnout-Syndrom sein

Doch nicht immer ist Gier gleich ein Zeichen für eine krankhafte psychopathische beziehungsweise narzisstische Störung. Sie muss nicht gleich in Extremen ausarten. Stattdessen äußert sie sich auch häufig subtiler, beinahe unsichtbar. Nur noch ein bisschen mehr Gehalt, nur noch einen weiteren Schritt auf der Karriereleiter, nur noch das Eigenheim abbezahlen – dann bin ich zufrieden!

So oder so ähnlich denken viele Menschen und verweilen deshalb im sich immer schneller drehenden Hamsterrad. Oder aber sie haben schlichtweg Angst vor dem Absprung. Davor, sich Schwäche einzugestehen. Doch wer ihn verpasst, hat eine harte Landung vor sich. Die Folge lautet immer öfter: „Burnout-Syndrom“. Die Zahl der Diagnosen steigt von Jahr zu Jahr. Gier kann – muss aber nicht – dafür der Auslöser sein.

Gier als unverzichtbarer Motor unserer kapitalistischen Gesellschaft

Dennoch hat bekanntlich jede Medaille zwei Seiten. Und so kann selbst der Gier noch etwas Positives abverlangt werden: Zwar gefährdet sie in krankhaft ausgeprägter Form den Erfolg eines Individuums oder einer Organisation, doch macht sie diesen wohl dosiert überhaupt erst möglich. Die Gier ist der unverzichtbare Motor unserer kapitalistischen Gesellschaft. Wäre jeder plötzlich zufrieden mit dem, was er hat, und würde die Arbeit niederlegen, käme die Wirtschaft zum Stillstand. Von der Gier loszulassen, das wäre daher zwar für Sie persönlich ein großer Schritt in Richtung Gesundheit und Glück – für die Wirtschaft jedoch ein Desaster.

„Wem das Seinige nicht ausreicht, der ist arm, auch wenn er der Herr der ganzen Welt wäre.“
(Epikur von Samos)

Eine gesunde Mischung aus gierigen und bescheidenen Menschen – das ist, was wir in der deutschen Gesellschaft brauchen, so der Philosoph Richard David Precht im eingangs verlinkten Video. Gut, wenn Sie zu den „nicht-gierigen“, „nicht-psychopathischen“ und „nicht-ausgebrannten“ Individuen zählen. Eine Welt gänzlich ohne Gier ist jedoch zum Stand heute nicht vorstellbar – und auch nicht wünschenswert.

Oder was denken Sie? Welche Erfahrung mussten Sie bereits mit gierigen Menschen machen? Neigen diese Ihrer Meinung nach eher zu beruflichem Erfolg? Und konnten Sie ebenfalls beobachten, dass vor allem psychopathisch oder narzisstisch veranlagte Persönlichkeiten (in Führungspositionen) ausgesprochen gierig sind? Diskutieren Sie über die Kommentarfunktion mit uns!