Laut Forschungsergebnissen nutzen Führungskräfte loyale Mitarbeiter eher aus. Ist es „nur“ ethische Blindheit – oder egoistische Bosheit?

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Ein fiktiver Angestellter namens John, 29 Jahre alt, hat Wissenschaftlern der Universitäten West Virginia und Arizona zu einer wichtigen Erkenntnis verholfen. Knapp 1.400 Führungskräfte wurden in einer Studie befragt, inwiefern sie bereit wären, John Mehrarbeit und auch Sonderaufgaben, die nichts mit dem eigentlichen Job zu tun hatten, ohne Bezahlung zuzuteilen. Denn das Unternehmen, für das John tätig sei, wäre in dem fiktiven Szenario knapp bei Kasse und müsste Kosten sparen.

Das Ergebnis zeigt: Wenn der Charakter Johns von den Forschern zuvor als besonders „loyal“ beschrieben wurde, neigten viele Führungskräfte selektiv dazu, ihn mit Überstunden sowie zusätzlicher Verantwortung ohne Bezahlung auszubeuten. Ein Empfehlungsschreiben, in dem John als loyalen Charakter definiert wurde, soll die Bereitschaft der Befragten erhöht haben, ihm ohne Bezahlung zusätzliche Arbeit aufzutragen.

Die Studienautoren betonen zudem: Je eher ein Mitarbeiter bereit wäre, Sonderaufgaben ohne Bezahlung zu übernehmen, desto größer sei auch die Wahrscheinlichkeit, dass dessen Ruf, loyal zu sein, wachse – und das sei ein Teufelskreis, weil eine größere Loyalität zu noch mehr Ausbeutung führe.

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Warum werden loyale Mitarbeiter ausgenutzt?

Studienautor Matthew L. Stanley stuft die Praktik, loyale Mitarbeiter auszunutzen, nicht als pure „Bosheit“ ein. Er selbst spricht von „ethischer Blindheit“ (Ethical Blindness). Eine Annahme, die vor allem bei Arbeitnehmern, die solchen Praktiken ausgesetzt sind, auf Kritik stoßen dürfte. Denn Betroffene fühlen sich oft nicht wertgeschätzt, brennen eher aus und bekommen hierfür nicht einmal eine Gegenleistung in Form von mehr Lohn.

Grundsätzlich meint der Begriff „Loyalität“ die Treue gegenüber anderen Personen (Partner, Freunde, Kollegen) oder etwa Unternehmen (Arbeitgeber), denen wir uns verbunden fühlen und mit denen wir gemeinsame Interessen und Ziele verfolgen. Eine loyale Haltung gilt in unserer Gesellschaft seit jeher als moralisch erstrebenswert und eine hohe Tugend. Wie die Forschungsergebnisse zeigen, hat Loyalität aber nicht nur moralisch erstrebenswerte Seiten.

Wie können Unternehmen sich aus dem Teufelskreis befreien?

Auch wenn die Ergebnisse ein schlechtes Licht auf die moralische Maxime werfen: Loyalität solle nicht einfach ausgelöscht werden – denn das sei den Studienautoren nach nicht das primäre Ziel der Forschung. Loyalität sei wichtig und viele Unternehmen schätzten loyale Mitarbeiter auch für ihr Engagement und entlohnten diese entsprechend. Dennoch sei es wichtig, die gravierenden Folgen der negativen Seiten von Loyalität zu beheben.

Um treue Mitarbeiter nicht auszunutzen, ist deshalb vor allem die Arbeit an den ethischen Werten eines Unternehmens wichtig: Wofür steht ein Unternehmen, wie werden Entscheidungen getroffen, auf welcher Basis treffen vor allem Führungskräfte eine Entscheidung? Ethisch blinde Flecken gehören dringend aufgearbeitet.

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Wichtig: Neben „ethisch blinden“ Personen existieren auch toxische Führungskräfte, die ihre Entscheidungen systematisch zum Nachteil bestimmter Mitarbeiter, aber zu ihrem eigenen Vorteil auslegen. Vor allem in modernen, fortschrittlichen Unternehmen sind solche Praktiken längst nicht mehr nachhaltig – und die Stellen anders zu besetzen, ist deshalb die einzig logische Konsequenz.

Die Bedeutung der ethischen Blindheit – und ihre fatalen Folgen

Was aber verbirgt sich hinter ethischer Blindheit – und warum soll sie ausgerechnet auf Führungskräfte zutreffen, die Mitarbeiter ausnutzen? Ethisch blinde Menschen handeln der Definition nach unwissentlich oder unabsichtlich so, dass es ihrem Umfeld oder betroffenen Personen eigentlich schadet, die Akteure aber selbst annehmen, richtig zu handeln. Sie sind unfähig, ihre Entscheidungen im ausführenden Moment so zu treffen, dass diese auf moralisch vertretbaren Prinzipien beruhen.

Eines der populärsten, aber auch traurigsten Beispiele für ethische Blindheit ereignete sich in den 1970er-Jahren. Als der Autohersteller Ford sein Modell „Ford Pinto“ vertrieb, kam es zu mehreren tödlichen Auffahrunfällen mit einem Brand. Denn wegen des Hecks des Modells war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Benzintank des Autos anfällig für Demolierungen war, was eher zu einem Brand führt.

Dem Unternehmen und vielen Verantwortlichen soll bereits klar gewesen sein, dass hier ein erheblicher Fehler vorliegt. Der Hersteller wurde zwar verklagt. Die Begründung für das „unethische“ Handeln führten die Verantwortlichen jedoch auf die Kostenfrage zurück: Die Kosten für Gerichtsprozesse und Schadenszahlungen, die nach dem Tod von Menschen auf sie zukamen, fielen – im Vergleich zu den Produktionskosten, die sie erneut aufbringen müssten, um den Fehler zu beheben – geringer aus. Das Unternehmen habe sich deshalb aus wirtschaftlichen Gründen dagegen entschieden, für die Kosten einer Konstruktionsänderung am Modell Pinto aufzukommen. Wegen ethischer Blindheit, um Kosten zu sparen, wurde eher ein Menschenleben riskiert, als den Fehler zu beheben.

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Ob Kalkül oder ethische Blindheit: In beiden Fällen kann nachvollzogen, aber niemals entschuldigt werden, warum die Akteure so handeln. Denn das Leid der Betroffenen ist oft groß – und erst im Nachhinein wird den ausführenden Akteuren, wenn überhaupt, klar, welchen Schaden sie angerichtet haben.

Loyale Mitarbeiter: Was können Betroffene selbst tun?

Laut Statista haben deutsche Arbeitnehmer im Jahr 2022 etwa 702 Millionen unbezahlte Überstunden geleistet. Vor allem in prekären Arbeitsverhältnissen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Beschäftigte, die unbedingt auf ihre Jobs angewiesen sind, schnell ausgenutzt werden.

Davon abgesehen: Dass Loyalität häufig ausgenutzt wird, ist kein seltenes psychologisches Phänomen. Häufig steckt dahinter auch die Annahme, dass loyale Menschen – auch wenn sie schlecht behandelt werden – ihre Treue weiterhin aufrechterhalten. Was kannst du selbst tun, wenn du einen loyalen Charakter besitzt, dich aber ausgenutzt fühlst?

1. Reflektiere deine Handlungsmotivation

Auch wenn Loyalität eine Tugend ist: Zu viel des Guten ist in keinem Lebensbereich hilfreich. Loyalität bedeutet zwar, anderen treu zu sein – wenn du dich dafür jedoch permanent selbst aufopferst, bist du dir nicht wichtig genug. Ob die Sehnsucht nach Anerkennung oder die Angst vor Konsequenzen: Hinterfrage deshalb, warum du so handelst, wie du handelst. Welche Motivation steckt wirklich hinter deiner Haltung – und wie „viel“ Loyalität ist vertretbar, um dich selbst nicht zu verlieren?

2. Fordere eine faire Bezahlung ein

Arbeit muss bezahlt werden. Wird kein monetärer Ausgleich vereinbart, ist es möglich, Überstunden abzufeiern oder spezielle Regelungen mit deinem Arbeitgeber zu treffen. So oder so: Fordere eine Bezahlung oder einen Ausgleich für deine Mehrarbeit ein. Vor allem loyale Mitarbeiter drücken selbst ein Auge zu, wenn sie hier oder da eine Sonderaufgabe erledigen und dafür nicht entlohnt werden. Ausnahmen sind okay – aber die fehlende Bezahlung sollte nicht zum Dauerzustand werden. Deine Arbeit ist kein soziales oder wohltätiges Projekt, welches du deinem Arbeitgeber gegenüber ableistest. Du verdienst es, bezahlt zu werden.

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3. Setze klare, gesunde Grenzen

Erwarten Arbeitgeber Loyalität, sollten sie sich aus ethischer Sicht ebenfalls dazu verpflichten, ihren Arbeitnehmern gegenüber loyal zu sein. Das bedeutet auch, ihre gesetzten Grenzen zu respektieren und im Interesse ihrer Beschäftigten zu handeln. Dazu ist es notwendig, dass du selbst dich traust, diese Grenzen zu definieren. Ein „Nein“ ist deshalb nicht nur legitim, sondern auch wichtig, um dich nicht abzuschuften und immer wieder ausgenutzt zu werden.

Fazit

Loyalität ist ein hoher, oft erstrebenswerter Wert – aber auch ein Wert, der vor allem Menschen in Machtposition dazu verleitet, die Treue ihrer Angestellten systematisch auszunutzen. Ob sich dahinter Strategie und Kalkül oder ethische Blindheit verbirgt, sei dahingestellt. Wichtig ist, dass Unternehmen daran arbeiten, loyalen Mitarbeitern mehr Wertschätzung entgegenzubringen und sich fair zu verhalten.

Bildnachweis: Foto von Tima Miroshnichenko/Pexels.com