Viele Experten, Studien und Medien versuchen immer wieder herauszufinden, woran es denn nun liegt, dass so wenige Frauen in Führungspositionen aufsteigen. Der Diplompsychologe und Managementberater Werner Dopfer hat dafür jetzt eine ebenso simple wie umstrittene Erklärung: Männer wollen schlichtweg nicht von Frauen geführt werden. Was auf den ersten Blick diskriminierend wirkt, erklärt er aber auf den zweiten Blick äußerst plausibel aus tiefenpsychologischer Sicht.

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Inhalt
1. These: Die Frauenquote wird durch rebellierende Männer bekämpft
2. Auch Erwachsene werden vom „inneren Kind“ geleitet
3. Ursachen: Warum Männer starke Frauen (unbewusst) ablehnen
4. Der Weg aus dem Dilemma heißt „geschlechterspezifische Führung“
5. Fazit: Die Führung der Zukunft kombiniert das Beste aus beiden Welten

These: Die Frauenquote wird durch rebellierende Männer bekämpft

Warum es so wenige Frauen in hoher hierarchischer Position, Aufsichtsräten oder sogar einer CEO-Stellung gibt, scheint bis heute ein ungelöstes Rätsel zu sein. Die Rolle der Frau in der Kindererziehung sei schuld, sie stünden sich selbst im Weg oder seien schlichtweg nicht so karrieregeil wie ihre männlichen Kollegen, heißt es – und vermutlich ist an alledem auch tatsächlich etwas Wahres dran.

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Aber solange die Ursachen für den geringen Frauenanteil in der Managementebene noch nicht endgültig geklärt sind, doktert die Politik eben erst einmal an den Folgen herum. Deshalb wurde im Jahr 2016 die Frauenquote eingeführt, wonach in börsennotierten und voll mitbestimmungspflichtigen Unternehmen fortan mindestens 30 Prozent der neu zu besetzenden Aufsichtsratsposten jeweils an Frauen vergeben werden müssen, wie im Artikel „Studie belegt: Frauen sind die besseren Führungskräfte!“ bereits geschildert. Hier heißt es zudem: Frauen seien zwar die geeigneteren Führungskräfte, allerdings aufgrund der

  • schwierigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie,
  • mangelnden Gender-Diversity im Unternehmen,
  • zu geringen Förderung von Frauen für Führungspositionen und
  • männerdominierten Unternehmenskulturen

im Berufsleben und damit beim hierarchischen Aufstieg benachteiligt. Ob es also wirklich daran liegt, dass die Frauenquote selbst jetzt nach ihrer offiziellen Einführung nur sehr langsam Wirkung zeigt? Nein, behauptet der Psychologe Werner Dopfer. Er hat eine simple Erklärung für die geringe Frauenquote in Führungsetagen, nur ist diese stark umstritten und Männer hören sie gewiss nicht gerne:

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Männer möchten schlichtweg keine Frau als Führungsperson, weil sie sich dadurch unbewusst an ihre Mutter erinnert fühlen und zu rebellieren beginnen.

Das stimmt doch überhaupt nicht! Wie werden wir Männer denn hier dargestellt! Unverschämtheit! Sieht so gerade Ihre Reaktion aus? Damit sind Sie nicht alleine, denn die These schlägt derzeit in den Medien große Wellen und ist wild umstritten. Doch Werner Dopfer möchte nicht provozieren. Er liefert stattdessen eine plausible und fundierte psychologische Erklärung für seine Behauptung.

Auch Erwachsene werden vom „inneren Kind“ geleitet

Gerade im Berufsleben wird von Menschen stets ein „erwachsenes“ und „professionelles“ Auftreten erwartet. Natürlich sind eine gewisse persönliche Reife und Selbstkontrolle durchaus wünschenswerte und karriereförderliche Eigenschaften. Doch sind sie leider selbst bei erwachsenen Personen äußerst selten anzutreffen. Das liegt daran, dass ein Großteil des Verhaltens eines Menschen unbewusst gesteuert wird. Wer sich nicht regelmäßig in Selbstreflexion übt, weißt häufig überhaupt nicht, warum er eigentlich gerade wütend, traurig oder unsicher ist. Viele nehmen vielleicht nicht einmal wahr, dass sie sich aktuell trotzig oder rebellisch verhalten. „Wie ein kleines Kind“, lautet dann oft die Beschreibung eines außenstehenden Beobachters. Und tatsächlich ist darin ein wahrer Kern zu finden. Machen wir hierzu einen kurzen Ausflug in die menschliche Tiefenpsychologie:

Exkurs: Die psychologische Forschung geht zum derzeitigen Stand davon aus, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen maßgeblich in seinen ersten drei bis fünf Lebensjahren entwickelt. Die Erfahrungen, das Lebensgefühl, die Ängste & Co, welche das Kind bis dahin mitnimmt, wird es anschließend für den Rest seines Lebens mit sich tragen. Solche frühkindlichen Verhaltensweisen, Ängste oder auch Lebenseinstellungen später wieder loszuwerden, ist nur durch eine Therapie und harte Arbeit – oder aber einschneidende Lebensereignisse – möglich. Jedes Kind durchläuft demnach in seiner frühen Entwicklung folgende Phasen:

  1. Im ersten Lebensjahr entwickelt das Baby das sogenannte Urvertrauen. Es erfährt also, dass es seiner Außenwelt sowie den Menschen entweder vertrauen kann oder aber auch misstrauen muss, dass diese ihm wohlgesinnt sind und seine Bedürfnisse erfüllt werden. Bereits hier wird also das grundlegende Lebensgefühl eines Menschen geprägt.
  2. In der zweiten Phase lernt das Kleinkind zwischen dem zweiten und dem dritten Lebensjahr, dass es eine eigenständige und von der Mutter unabhängige Person ist. Die Erfahrungen in dieser Phase bestimmen später über Autonomie und Selbstbewusstsein oder Scham und Selbstzweifel. Auch eine gesunde Bindung zur Mutter ist jetzt eminent wichtig, um eine spätere Beziehungsfähigkeit herstellen zu können.
  3. Im Zuge des vierten und des fünften Lebensjahres bildet das Kind durch die Erkundung seiner Umwelt, Eigeninitiative sowie Nachahmung seiner Vorbilder (in der Regel Eltern und Geschwister) ein Gewissen aus.

Zusammenfassend bedeutet das: Das Verhalten eines Menschen wird maßgeblich durch seine Erfahrungen in den ersten fünf Lebensjahren bestimmt. Da er sich an diese aber in der Regel nicht mehr bewusst erinnern kann, ist auch die bewusste Steuerung von Worten, Handlungen & Co nur selten möglich. Wenn Männer nun also beginnen, Frauen in Führungspositionen zu bekämpfen, geschieht dies in der Regel unbewusst und ist nicht in einem „schlechten Charakter“ oder einer „sexistischen Persönlichkeit“ verankert, sondern ein völlig natürliches Phänomen, welches noch aus der Kindheit stammt. Es geht hier also nicht um Schuldzuweisungen à la

„Alle Männer verhalten sich diskriminierend“,

sondern darum, frühkindliche Verhaltensmuster aufzudecken, sie in das Bewusstsein sowohl der Männer als auch der Frauen zu rücken und konkrete Handlungsanweisungen zu geben, wie Frauen in Führungspositionen mit dem Dilemma umgehen können.

Ursachen: Warum Männer starke Frauen (unbewusst) ablehnen

Die Ursache dafür, dass Männer Frauen in Führungspositionen unbewusst ablehnen, ist eine, die Sie gewiss nicht gerne hören und schon gar nicht zugeben werden: Männer haben Angst vor starken Frauen. Der Gedanke, dass eine Frau hierarchisch über ihnen steht und dadurch „mächtiger“, „stärker“ oder „dominanter“ ist als er selbst, hebelt die als natürlich empfundene Geschlechterrolle aus und versetzt einige Männer geradezu in Panik. Zwar findet so ein Kräftemessen oder Ringen um die Macht auch häufig zwischen Männern statt, doch sind sie im Umgang damit versiert. Aber wie sie mit einer Frau in der Führungsposition umgehen sollen, diese Frage überfordert viele Männer. Sie sind es schlichtweg (noch) nicht gewohnt.

„Zwischen Männern wirkt der Groll anziehender zuweilen als die Liebe.“
(August Graf von Platen-Hallermünde)

Viele Männer kennen ein solches Dominanzgefüge zwischen Mann und Frau nur aus einer Situation: der zwischen Kind und Mutter. Dadurch beginnen sie, ihre frühkindlichen Erfahrungen mit der Mutter auf die weibliche Führungskraft zu projizieren – völlig unbewusst, versteht sich. Die Folge: Wie ein kleines Kind, das versucht, die Grenzen seiner Mutter auszutesten und sich von der Abhängigkeit beziehungsweise Dominanz zu lösen, beginnen Männer häufig noch im Erwachsenenalter, subtil gegen eine weibliche Führungsperson zu rebellieren. Sie wollen schlichtweg nicht mehr

„von Mama bevormundet werden“.

Die Folge: Viele Frauen in Führungspositionen spüren den unterschwelligen Widerstand, vielleicht sogar konkrete Ablehnung, der Männer in ihrem Verantwortungsbereich, können sich diesen aber nicht erklären. Es macht sich also Verunsicherung auf beiden Seiten breit – und schuld daran ist schlussendlich niemand.

Der Weg aus dem Dilemma heißt „geschlechterspezifische Führung“

Einsicht ist ja bekanntlich der erste Weg zur Besserung. Werner Dopfer hat seine These nämlich nicht nur in die Öffentlichkeit geworfen, um hier für große Wellen der Empörung und nicht enden wollende Diskussionen zu sorgen. Er wünscht sich viel mehr, dass sowohl bei Frauen als auch bei Männern die Bewusstheit um die Problematik wächst, damit sie ihr Verhalten verändern können und dadurch fortan mehr Frauen in Führungspositionen aufsteigen. Er appelliert daran, in deutschen Unternehmen einen sogenannten „geschlechterspezifischen Führungsstil“ zu implementieren. Damit ein solcher aber optimal funktionieren kann, müssen nicht nur die Männer etwas an ihrem Verhalten verändern, sondern auch die Frauen. Konkret sehen seine Handlungsanweisungen wie folgt aus:

Männer

  • sollten lernen, eine unbewusste Rebellion gegen weibliche Führungskräfte bei sich wahrzunehmen. Dafür ist ein hohes Maß an Selbstreflexion notwendig.
  • müssen verstehen, dass es sich um keine Problematik mit der Frau selbst handelt, sondern um eine Projektion ihrer Mutter aus Kindheitserlebnissen.
  • werden dazu angehalten, sich Frauen und ihren „typisch weiblichen“ Eigenschaften gegenüber – wie Intuition, Gefühlsbetontheit, Kompromissbereitschaft oder intensive Diskussionsbedürftigkeit – offen zu präsentieren und sie als Chance zur persönlichen Weiterentwicklung zu betrachten.

Frauen

  • müssen sich derweil mit der Psyche eines Mannes auseinandersetzen und lernen, seine Verhaltensweisen besser verstehen und nachvollziehen zu können.
  • dürfen sich bei Gegenwind nicht erst recht dominant oder als „Alphafrau“ präsentieren, da dies eine komplette Verweigerungshaltung im Mann auslösen könnte.
  • sollten stattdessen ihre Weiblichkeit nutzen lernen und einen Umgang mit Männern finden, der ihrem Wunsch nach Anerkennung, Selbstbestimmung und „Heldentum“ gerecht wird – dennoch aber stets professionell und zielgerichtet bleibt.
  • in Führungspositionen benötigen deshalb ein grundlegendes Verständnis für die Psychologie des Mannes sowie ein hohes Maß an Selbstreflexion, um ihre Verhalten und dessen Wirkung immer wieder gezielt unter die Lupe zu nehmen.
  • brauchen Akzeptanz und Toleranz gegenüber den „natürlichen“ Verhaltensweisen des Mannes wie Dominanzstreben, Rivalität oder Konfliktfreude – und dürfen sie nicht als „kindisch“ abwerten. Wichtig ist stattdessen, einen konstruktiven Umgang damit zu finden.

Fazit: Die Führung der Zukunft kombiniert das Beste aus beiden Welten

Wenn wir mehr Frauen in Führungspositionen wollen, wird sich der Führungsstil in deutschen Unternehmen also in Zukunft stark verändern müssen. Sowohl Männer als auch Frauen müssen sich ihrer geschlechterspezifischen Besonderheiten sowie der eventuellen unbewussten Rebellion des Mannes gegen die „Mama“ bewusst werden. Sie müssen sich in Selbstreflexion üben und die Unterschiede als Chance begreifen.

Wie immer im Leben, liegt die optimale Lösung nämlich irgendwo in der Mitte – sprich zwischen „typisch männlichen“ und „typisch weiblichen“ Verhaltensweisen. So sind Frauen zum Beispiel umsichtiger, empathischer, kooperativer und kommunikativer als Männer. Männer verfügen hingegen über ein hohes Maß an Zielstrebigkeit, einen großen Drang nach Autonomie sowie wenig Angst vor Konfrontationen. Wenn Sie als weibliche Führungskraft dann noch ein wenig das Ego der Männer „streicheln“, sprich ihnen Lob, Anerkennung und Wertschätzung entgegenbringen, könnte das Dilemma der Geschlechter tatsächlich aufgelöst werden. Schlussendlich wollen Männer schließlich nur das eine…ein kleiner „Held“ sein – so die Aussage von Werner Dopfer!

Was denken Sie? Handelt es sich um eine von Stereotypen geprägte, haltlose These? Oder geben Sie Werner Dopfer – vielleicht sogar aus eigener Erfahrung – Recht? Welche weiteren Tipps oder Anregungen haben Sie zum Thema? Wir freuen uns auf Ihre Diskussion in den Kommentaren!

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