Managergehälter erreichen fürstliche Höhen, während normale Angestellte davon nur träumen. Ist die Arbeit von Vorständen mehrere Millionen wert?

Die Gehaltsschere zu „normalen“ Angestellten wächst

Es sind saftige Summen, die der Dax-Konzern Zalando seinen Vorständen zahlt: Ex-Chef Rubin Ritter hat bei seinem Weggang ganze 89 Millionen Euro mitgenommen. Auch die Pensionen von Top-Vorständen klingen utopisch, während „normale“ Angestellte der Unternehmen davon lediglich träumen können.

Im Pandemiejahr 2021 haben Top-Manager der Dax-Konzerne das 53-fache von dem kassiert, was Durchschnittsmitarbeiter der Unternehmen auf ihrem Bankkonto sehen, so die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Damit haben sich die Gehälter nochmals erhöht. Obwohl es wirtschaftlich immer wieder zu schwächeren Phasen kam, geht die Gehaltsschere zwischen Managern und Angestellten noch weiter auseinander.

Explodierende Gehälter: Warum verdienen Manager so viel?

Die spektakulären Zahlenhöhen lassen viele ratlos zurück. Denn die Nettogewinne sollen während des Corona-Jahres 2020 insgesamt gesunken sein. Und doch profitieren Top-Manager. DSW-Geschäftsführer Marc Tüngler bezeichnet die Vergütung von Vorständen als „intransparent“. Es ist nicht ersichtlich, wie viel Geld tatsächlich in die Taschen von Vorständen und Ex-Vorständen fließt, wenn die Zahlen verklausuliert werden: Wer es sich einfach machen will, greift zu nur schwer greifbaren Formulierungen.

Es stellt sich die Frage, weshalb Manager sich über solch hohe Summen freuen dürfen. Grundsätzlich existieren mehrere Einflussfaktoren und Mechanismen, die das Gehalt der Menschen in den Chefetagen großer Konzerne bestimmen. Muss in Top-Konzernen eine Managerposition neu besetzt werden, steht nur eine kleine Auswahl an geeigneten Kandidaten zur Verfügung. So geht es zum Beispiel um den Marktpreisbildungsprozess, um Angebot und Nachfrage.

Eine Knappheit an Fachkräften im Top-Management sei laut Boston Consulting Group (BCG) keine Überraschung, weil zunehmend weniger Angestellte einen solchen Posten für sich anstrebten. Die BCG geht davon aus, dass in der Bundesrepublik bis 2030 über 340.000 Manager fehlen werden.

Diese Begründung allein reicht aber nicht, um die explodierenden Gehälter nachzuvollziehen. Sicherlich wächst die Zahl mit zunehmender Verantwortung – und von dieser tragen Top-Manager eine Menge. Die Haftung für wirtschaftliche Fehlentscheidungen gehört dazu. Aber auch Aktienkursentwicklungen und Dividendenzahlungen an Aktionäre finden Berücksichtigung. Transparenter wird die Vorstandsvergütung dennoch nicht, obwohl gesetzliche Bestimmungen dies zumindest vereinfachen sollten. Tüngler sieht trotz aller Entwicklungen Nachholbedarf.

Empfinden von Ungerechtigkeit sei Neid: Soziologe verteidigt Superreiche

Soziologe Rainer Zitelmann („Die Gesellschaft und ihre Reichen“) beschreibt die soziale Ungerechtigkeit, die von Normalverdienern immer wieder betont wird, als Neid. Es handle sich um „Angestelltendenken“, so der Autor, dessen Werk für geteilte Meinungen sorgt. Zitelmann ist FDP-Mitglied, Investor und Reichenforscher. Der Kapitalismus sei anderen Wirtschaftsformen deutlich überlegen, so Zitelmann. Aber kaum ein anderes Volk, so der Forscher, sei so „antikapitalistisch“ eingestellt, wie es die Deutschen seien. Seine oft als neoliberal bezeichnete Haltung wird häufig kritisiert.

Gehaltswahnsinn dank „Leistung“: Top-Performance führt zu Bonuszahlungen

Dass Manager teure Fehler machen, ist keine Seltenheit. Dann verlieren Verantwortliche, aber auch Unternehmen und manchmal Angestellte, die entlassen werden müssen. Umgekehrt dürfen sich Top-Performer auf Managementebene über Bonuszahlungen freuen. Prof. Dr. Katja Rost, Soziologin und Kritikerin von Bonuszahlungssystemen, bezeichnet Boni als „Kontrollinstrument“, um Manager von börsenorientierten Unternehmen anzuspornen, Aktionärswünschen nachzukommen.

Zudem kritisiert die an der Universität Zürich lehrende Forscherin, dass ein solches System auch zu Betrug führe und den Fokus von Managern, aber auch von Mitarbeitern lediglich auf das Thema Geld lenke. Bereits 2008 wurde die Soziologin für ihre kritische Stimme gegen variable Zahlungen medial und wissenschaftlich in die Mangel genommen, so Rost.

Mittlerweile sei das Problembewusstsein in vielen Unternehmen vorhanden, doch die Systeme, die Boni versprechen, nicht mehr so einfach wegzudenken. Obwohl einige neue Unternehmen sich von solchen Systemen zunehmend distanzierten, so die Forscherin, sei dennoch innerhalb der eigenen Reihen eine soziale Ungerechtigkeit zu spüren. Während Manager viel verdienen, müssen sich normale Angestellte mit verhältnismäßig wenig zufriedengeben.

Journalist Nikolaus Blome geht noch einen Schritt weiter: Ungerechtigkeitsempfinden habe nichts mit Neid zu tun. Es könne nicht mit rechten Dingen zugehen, so Blome, wenn Lkw-Fahrer oder eine Kassiererin im Supermarkt dafür zuständig seien, Vorstands-Boni zu finanzieren. Denn das, was Chefs sich leisteten, sei nur aufgrund der „kleine Steuerzahler“ möglich.

Tüngler während Corona-Krise: Manager sollten freiwillig auf Geld verzichten

Bereits 2020 forderte Tüngler von Managern den freiwilligen Verzicht auf ihre Gehälter während der Pandemie. Denn diese seien in der Lage dazu, zumindest zeitweise. Es lässt sich generell darüber streiten, inwiefern die immer weiter auseinandergehenden Gehälter zwischen Führungskräften und Normal-Angestellten für Deutschland tragbar sind und ob ein klein wenig Umverteilung und die Begrenzung von Gehältern ein tiefgreifendes Problem lösen können. Während einige Arbeitnehmer die gigantischen Gehälter selbst als Ansporn nehmen, versinken andere in Hoffnungslosigkeit und Verbitterung.

Immerhin: Nüchtern betrachtet würde „mehr Geld“ für alle aber nicht unbedingt mehr Zufriedenheit bedeuten, wie Studien belegen. Das zeigt auch eine wissenschaftliche Analyse des Forschers Timothy A. Judge, die zum Schluss kommt, dass wir uns mit einem höheren Gehalt nicht automatisch besser fühlen. Dennoch klingen solche Untersuchungen eher nach einem schwachen Trost.

Denn es lässt sich nicht leugnen, dass explodierende Lebenshaltungskosten und steigende Preise, unter denen Normalverdiener leiden, den Blick auf die Top-Gehälter von Top-Managern zunehmend für Wut und Hilflosigkeit in der Bevölkerung sorgen. Vor allem aber ist es die fehlende Transparenz, die ratlos zurücklässt: Trotz gesetzlicher Auflagen wird nicht in jedem Fall ersichtlich, wie es zu solch fürstlichen Auszahlungen kommt.

Dax-Managergehälter im Überblick (Gesamtverdienst für das Jahr 2022)

  • Theodor Weimar (Deutsche Börse): 11,5 Millionen Euro
  • Oliver Zipse (BMW): 10,9 Millionen Euro
  • Belén Garijo (Merck): 10,5 Millionen Euro
  • Timotheus Höttges (Deutsche Telekom): 8,3 Millionen Euro
  • Joachim Wenning (Munich Re): 7,7 Millionen Euro
  • Oliver Blume (VW): 7,4 Millionen Euro
  • Ola Källenius (Mercedes-Benz): 7,1 Millionen Euro
  • Frank Appel (Deutsche Post): 7,0 Millionen Euro
  • Werner Baumann (Bayer): 7,0 Millionen Euro
  • Roland Bosch (Siemens): 6,9 Millionen Euro
  • Carsten Knobel (Henkel): 6,9 Millionen Euro
  • Oliver Bräte (Allianz): 6,8 Millionen Euro
  • Dominik v. Achten (Heidelberg-Cement): 6,3 Millionen Euro
  • Markus Krebber (RWE): 6,2 Millionen Euro

In den USA erhalten Manager noch höhere Summen

Verlassen wir Deutschlands Grenzen und werfen wir einen Blick in die USA, wird deutlich, dass die Managergehälter dort noch utopischer als hierzulande sind. Prof. Dr. Gunther Friedl hat Vorstandszahlungen zum Forschungsthema gemacht.

Die Resultate des Forschers zeigen: Wer als Manager in den USA lebt und arbeitet, kann sich tendenziell über noch höhere Summen freuen. Und sie Summen sind in den letzten Jahren sogar angestiegen. Wie das kalifornische Unternehmen Equilar ermitteln konnte, betrug der Zuwachs während der Pandemie im Jahr 2021 ganze 31 Prozent.

Laut DSW: Managergehälter bleiben weiter intransparent

Welches Gehalt für Manager angemessen ist – darüber streitet die Welt. Bereits 2019 hat der Bundestag eine Deckelung beschlossen, doch kritisiert wird noch immer die Intransparenz an vielen Stellen. Es handle sich um einen Datendschungel, so die DSW. Die Vergleichbarkeit sei nicht gestiegen, sondern gesunken. Man könne kaum durchblicken – und das erschwert die Lage insgesamt.

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