Vielen Bewerbern bereitet die Forderung einer Angabe des Gehaltswunsches in der Bewerbung Kopfzerbrechen. Während sich Jobwechsler an ihrer vorherigen Vergütung zumindest grob orientieren können, tappen zahlreiche Berufseinsteiger hilflos im Dunkeln. Wie hoch ist mein Marktwert überhaupt? Was, wenn ich zu viel fordere? Habe ich einen Vorteil, wenn ich „günstiger“ bin als meine Mitbewerber? Doch eine Frage quält besonders: Warum fragen Unternehmen überhaupt nach dem Gehaltswunsch und geben in der Stellenausschreibung nicht einmal eine grobe Vergütungsspanne an? Möchten sie vielleicht bewusst einen Konkurrenzkampf erzielen und dadurch möglichst „billige“ Arbeitskräfte rekrutieren?

Personaler Bewerber nach seinem Gehaltswunsch
Bildnachweis: iStock.com/shironosov

Inhalt
1. Leiden alle deutschen Arbeitgeber plötzlich unter Geldnot?
2. Ist die Frage nach dem Gehaltswunsch das Resultat des Preisdumpings geiziger Arbeitgeber?
3. Ein Perspektivwechsel: Der Bewerber kann sein Gehalt „frei“ bestimmen
4. Bewerber müssen ihren Marktwert kennen
5. Ein hohes Gehalt ist möglich – muss aber gerechtfertigt sein
6. Employer Branding: Viele Arbeitgeber sind besser als ihr Ruf
7. Ja, Arbeitgeber sind geizig – aber anders, als Sie vielleicht denken!
8. Fazit: Geld ist nicht alles im (Berufs-) Leben und Arbeitgeber sind besser als ihr Ruf

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Leiden alle deutschen Arbeitgeber plötzlich unter Geldnot?

Wenn es um Geld geht, kochen die Gemüter schnell hoch. Das Thema Gehalt schlägt deshalb derzeit in den öffentlichen Medien große Wellen. Viele Unternehmen starten eine Einsparungsmaßnahme nach der nächsten. Und jeder Arbeitgeber hat eine scheinbar plausible Ausrede, weshalb er „nicht so viel bezahlen kann“. Die einen sind noch ein Startup und haben angeblich nicht allzu große finanzielle Möglichkeiten, die anderen müssen sich gegen internationale Konkurrenz in Billiglohnländern behaupten und können daher nicht das „deutsche Gehaltsniveau“ erfüllen. Die Frustration bei vielen Arbeitnehmern steigt und steigt. Sie fühlen sich unterbezahlt, nicht wertgeschätzt und oftmals von ihren Arbeitgebern auch belogen, wenn diese trotz Einsparungsmaßnahmen am Ende des Jahres Überschüsse in Milliardenhöhe verzeichnen. Dass einige deutsche Arbeitgeber wirklich unter Geldnot leiden mag der Wahrheit entsprechen. Aber so viele? Das erscheint doch sehr zweifelhaft!

Ist die Frage nach dem Gehaltswunsch das Resultat des Preisdumpings geiziger Arbeitgeber?

Wenn es also nicht am Geldmangel liegt, wieso fordern viele Arbeitgeber in ihren Stellenausschreibungen dann die Angabe eines Gehaltswunsches durch den Bewerber?

Weil sie dadurch ein Preisdumping erwirken und den „billigsten“ Bewerber herausfiltern möchten, lautet für viele Menschen die logische Schlussfolgerung.

Auch hier möchten wir nicht abstreiten, dass das bei einigen Unternehmen durchaus der Fall sein mag. Doch ist ebenso infrage zu stellen, dass es sich dabei um die breite Masse handelt. Viele Arbeitgeber sind nämlich deutlich besser als ihr Ruf und verfolgen mit der Forderung keine rein egoistischen Sparziele. Im Gegenteil: Aus der richtigen Perspektive sieht die Möglichkeit der Angabe eines individuellen Gehaltswunsches sogar nach einer echten Chance für die Bewerber aus.

Ein Perspektivwechsel: Der Bewerber kann sein Gehalt „frei“ bestimmen

Wie immer im Leben ist es wichtig, eine Problematik aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Wenn wir einmal die „schwarzen Schafe“ unter den Arbeitgebern vernachlässigen und stattdessen die Perspektive der „seriösen“ Unternehmen einnehmen, ist die Forderung eines Gehaltwunsches in der Stellenausschreibung eigentlich als beidseitige Chance angedacht – und durchaus auch im Interesse des Bewerbers. Es werden nämlich keinesfalls immer die „günstigsten“ Bewerber eingestellt und ein künstliches Preisdumping ist weder angebracht noch notwendig. Stattdessen wollen die Unternehmen eigentlich nur sichergehen, dass der Bewerber einerseits grob im Budget liegt – und keine völlig unrealistischen Erwartungen mitbringt – und dieser andererseits im Falle der Einstellung mit seinem Gehalt zufrieden ist. Schließlich hat er es dann ja selbst ausgesucht und hat somit eigentlich keinen Grund zur Klage. Das Konzept geht allerdings nur auf, wenn der Bewerber sich eben nicht einschüchtern lässt und ein künstlich niedriges Gehalt fordert, welches so ganz und gar nicht seinen Vorstellungen entspricht.

Bewerber müssen ihren Marktwert kennen

Ein besonders geringes Gehalt wirkt auf professionelle Personaler nicht unbedingt attraktiv. Ganz im Gegenteil:

Wer zu wenig einfordert, verkauft sich unter Wert, strahlt dadurch ein sehr geringes Selbstbewusstsein aus und hat eher schlechte Karten im Einstellungsprozess.

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Ja, auch eine zu bescheidene Gehaltsforderung in der Bewerbung kann also zum Ausschlusskriterium mutieren. Auf der anderen Seite sind natürlich auch viel zu hohe Vergütungsvorstellungen unangebracht. Sie werden als arrogant aufgefasst und wenn Sie überhaupt eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhalten, wird die Frage nach der Rechtfertigung Ihres hohen Gehalts gewiss nicht lange auf sich warten lassen. Für Sie als Bewerber ist es deshalb unerlässlich, Ihren Marktwert realistisch einschätzen zu können. Gerade Berufseinsteiger tun sich damit allerdings denkbar schwer. Gehen Sie deshalb wie folgt vor, um angemessene Gehaltsvorstellungen zu entwickeln:

  • Recherchieren Sie im Internet nach branchen- und positionsüblichen Gehältern.
  • Sprechen Sie mit Bekannten aus der Branche und fragen Sie diese nach freiwilligen (!) Auskünften zu ihrem Gehalt.
  • Informieren Sie sich über etwaige Tarif- oder Betriebsvereinbarungen, die für das Unternehmen gelten.
  • Berücksichtigen Sie die Unternehmensgröße, die Region sowie die aktuelle Marktlage des Betriebs.
  • Holen Sie sich Informationen von Bekannten aus dem Unternehmen ein, wenn vorhanden.
  • Versuchen Sie ansonsten Ihr Glück in (anonymen) Foren im Internet.

Aber Achtung: Gerade, wenn es um Geld geht, neigen Menschen zum Aufrunden. Nehmen Sie daher nicht jede Aussage für voll, sondern pendeln Sie Ihre Vorstellungen auf einem gesunden Mittelwert ein.

Lese-Tipp:Einstiegsgehalt: So klappt’s mit der Gehaltsvorstellung

Ein hohes Gehalt ist möglich – muss aber gerechtfertigt sein

Wenn Sie Ihren Marktwert kennen, können und sollten Sie diesen auch in der Bewerbung einfordern.

Auch die Durchsetzung einer höheren Gehaltsvorstellung ist dabei möglich. Sie will nur gerechtfertigt und nachvollziehbar sein.

Ob Sie es glauben oder nicht: Viele Arbeitgeber zielen schlussendlich auf eine Bezahlung ab, die beide Seiten als fair empfinden. Haben Sie eine außergewöhnlich hohe Gehaltsvorstellung, können diese aber zum Beispiel durch absolvierte Weiterbildungen, herausragende Qualifikationen oder besonders lange Berufserfahrung rechtfertigen, stehen Ihre Chancen auf eine Zusage ebenso gut wie bei einem Bewerber mit geringerer Gehaltsvorstellung in der Bewerbung. „Mein guter Freund Herr Mustermann verdient aber genauso viel“, reicht als Rechtfertigung dafür allerdings nicht aus.

Employer Branding: Viele Arbeitgeber sind besser als ihr Ruf

Nicht alle Arbeitgeber sind von Natur aus geizig und auf unfaire Gehälter getrimmt.

Und selbst wenn, bleibt vielen in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels keine andere Wahl, als ihre Einstellung zu ändern. Schließlich fehlt es in immer mehr Branchen an ausreichend qualifiziertem Nachwuchs. Die Unternehmen müssen also höhere Gehälter zahlen, um die Fachkräfte nicht früher oder später an die „großzügigere“ Konkurrenz zu verlieren. Die meisten Arbeitgeber in Deutschland sind also sogar besser als ihr Ruf. Manche eben freiwillig und andere müssen gezwungenermaßen tiefer in die Geldbörse greifen, um den Nachwuchs für ihr Unternehmen zu sichern. Stichwort: Employer Branding. Mit falscher Bescheidenheit schneiden sich Bewerber also ins eigene Fleisch. Vor allem in vom Fachkräftemangel betroffenen Branchen kann sich etwas mehr Mut durchaus auszahlen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Ja, Arbeitgeber sind geizig – aber anders, als Sie vielleicht denken!

Das Fazit, weshalb so viele Arbeitgeber einen Gehaltswunsch in der Bewerbung einfordern, lautet also: Ja, Arbeitgeber sind geizig. Doch sie wünschen sich durch die Forderung kein künstliches Preisdumping und die gezielte Auswahl des „günstigsten“ Bewerbers. Sie möchten stattdessen die Kosten für eine hohe Mitarbeiterfluktuation senken sowie für das Recruiting, die Einarbeitung neuer Mitarbeiter und Zusatzkosten durch unzufriedene, unmotivierte, unproduktive oder häufig kranke Angestellte.

Wer sich sein Gehalt selbst ausgesucht hat, ist damit schließlich tendenziell zufriedener, dadurch auch motivierter, produktiver, dem Unternehmen gegenüber loyaler, langfristig gesünder – und auf lange Sicht eben auch „günstiger“.

Zudem werden die Kosten für unnötige Bewerbungsgespräche eingespart, wenn die Vorstellungen im Fall der Fälle eben doch zu weit auseinanderklaffen. Schwarze Schafe sind dabei natürlich nicht auszuschließen, doch glücklicherweise eher die Ausnahme als die Regel.

Fazit: Geld ist nicht alles im (Berufs-) Leben und Arbeitgeber sind besser als ihr Ruf

Anstatt jetzt also Geld, Zeit und Energie darauf zu verschwenden, deutsche Arbeitgeber pauschal als geizig, egoistisch und unfair zu verteufeln, sollten Bewerber die Möglichkeit einer Gehaltsangabe in der Bewerbung als Chance begreifen, ihren Marktwert ermitteln und einen Gehaltswunsch äußern, mit dem sie auch wirklich zufrieden wären – der aber dennoch realistisch und logisch nachvollziehbar ist. Zudem lassen sich auch andere Argumente für einen Arbeitgeber finden, die ein unterdurchschnittliches Gehalt wieder wettmachen können: Flache Hierarchien beispielsweise, flexible Arbeitszeiten, die Möglichkeit eines Sabbaticals, Familienfreundlichkeit und und und…

Lese-Tipp: „Sabbatical – Die Auszeit vom Job richtig planen

Geld ist ja bekanntlich nicht alles im Leben, nicht einmal im Job. Und wenn Sie jetzt „Doch“ antworten, seien Sie eben ab sofort etwas mutiger bei Ihren Gehaltsverhandlungen. Viele Arbeitgeber sind schließlich an einer Win-Win-Situation interessiert. Jammern und den deutschen Unternehmen den schwarzen Peter zuschieben hat jedenfalls noch nie eine Veränderung bewirkt. Das müssen Sie schon selbst in die Hand nehmen!

Oder was denken Sie? Sind wirklich alle deutschen Arbeitgeber unfair und geizig? Oder machen vielleicht (auch) die Bewerber Fehler im Umgang mit ihrem Gehaltswunsch? Welche Änderungen lassen sich Ihrer Meinung nach aufgrund des Fachkräftemangels in naher Zukunft erwarten? Und wie bewerten Sie das Thema aus der Sicht eines Personalers? Wir freuen uns auf Ihre rege Diskussion sowie individuelle Meinungen in den Kommentaren!