Wenn wir weniger als 3.600 Euro netto im Monat auf dem Konto haben, leben wir aktuell unter der Armutsgrenze – so zumindest das Ergebnis einer Sparkassenberechnung.

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Was jeglicher Logik und Vernunft zu widersprechen scheint, ist heute traurige Wirklichkeit, wenn wir von den Berechnungen des Sparkassenverbandes ausgehen. Auf einer Pressekonferenz soll Helmut Schleweis, Bankmanager sowie Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, mitgeteilt haben, dass ein monatliches Nettohaushaltseinkommen in Höhe von 3.600 Euro knapp zum Leben ausreiche. Damit würden wir unter der Armutsgrenze liegen.

Die Zahl sorgt für Verwirrung, zeigt aber auch eine bittere Tendenz: Ist das Leben in Deutschland tatsächlich so teuer geworden? Grundsätzlich sprechen die Energiekrise und auch die Inflation dafür, dass in Zukunft – und bereits jetzt – mehr Geld nötig sein wird als bisher, um Rechnungen zu bezahlen und sich etwas leisten zu können. Ob an der Supermarktkasse, bei Ausflügen mit der Familie oder an der Tankstelle: Die hohen Preise sorgen dafür, dass kaum noch etwas auf dem Konto bleibt.

Hinweis: Es wird nicht erwähnt, ob Singles oder Paare als ein Haushalt definiert werden. Somit bleibt den Angaben des Sparkassenverbandes nach unklar, für wen die Summe in Höhe von 3.600 Euro gemeint ist. Die Quelle für die Zahl wird nicht genannt.

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Wie sah die Armutsgrenze bisher aus?

Bei Alleinstehenden soll die Armutsgrenze im Pandemiejahr 2020 bei 1.126 Euro Nettoeinkommen gelegen haben. Paare mit Kleinkindern, die im selben Jahr 2.364 Euro verdient haben sollen, galten ebenfalls als arm. Im Vergleich zu den Vorjahren haben sich die Schwellenwerte deutlich verändert. So lag die Armutsgrenze für Alleinstehende im Jahr 2016 bei 969 Euro. Bei den Zahlen handelt es sich um Statista-Angaben.

Um Finanzlücken auszugleichen, so der Sparkassenverband, müsse auf Erspartes zurückgegriffen werden. Von den 3.600 Euro bliebe wegen der hohen Preise nichts übrig. Wer keine finanziellen Reserven hat, steht somit vor einer Mammutaufgabe. Häufig müssen Betroffene sich nun etwas Geld bei Familie oder Freunden borgen, was große Überwindung kostet.

Sparkassen appellieren an die Regierung

Die Zahlen machen deutlich, wo deutsche Haushalte heute stehen: Obwohl die Grenzen sich von Jahr zu Jahr nach oben verschieben, bedeutet es nicht, mehr Geld zur Verfügung zu haben – denn mit den Jahren wächst und verändert sich auch die Wirtschaft. Krisen kommen und gehen und sind deshalb ein wichtiger Einflussfaktor. Beispiel: Der Paritätische Armutsbericht 2022 zeigt, dass die Armutsquote während der Pandemie im Jahr 2021 bei insgesamt 16,6 Prozent lag. Das wäre ein Rekord, der traurig sei, und vielleicht anders ausgefallen, wenn die globale Krise nicht gewesen wäre. Es bleiben also Fragen offen.

Weil das Geld auf vielen Konten schlichtweg fehlt, sind Konsument:innen immer seltener bereit, ihr verfügbares Einkommen für Waren und Dienstleistungen auszugeben. Schleweis weist darauf hin, dass die Regierung nun gefragt ist. Es müssten entsprechende Entlastungspakete geschnürt werden, die vor allem denjenigen zugutekommen würden, die arm sind. Vor allem sei nun eine Kostenbegrenzung für die explodierenden Energiepreise wichtig.

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Hoffnung, dass die Situation sich insgesamt verbessert – diese sieht Schleweis nicht. Seines Erachtens müssten die Deutschen sich zunächst darauf einstellen, dass es ungefähr noch bis zu drei Jahre dauern könnte, bis Betroffene sich keine Gedanken mehr darüber machen müssten, ob sie jede Münze zweimal umdrehen müssen.

Wichtigste Maßnahme laut Sparkassen-Chef: Energie einsparen

Es liegt fast auf der Hand, in der aktuellen Zeit vor allem Energie zu sparen. Doch Schleweis gibt Bürger:innen explizit diesen Hinweis, um die eigenen Kosten etwas zu senken. Ungefähr 20 Prozent Einsparung an Energie wären nötig, so der Sparkassen-Chef, um die Krisenzeit gut überstehen zu können.

Es fängt beim eigenen Haushalt an und reicht bis in die Büroräume. Wer kann, sollte zum Beispiel auf alte Geräte, die wahre Stromfresser sind, verzichten – und diese so bald wie möglich durch moderne und energieeffiziente Geräte ersetzen.

Die Armut könnte etwa 60 Prozent der Haushalte treffen

Für die Zukunft stellt der Sparkassen-Chef eine Prognose, die verdeutlicht, dass es viele Menschen trifft: Schleweis hat auf der Pressekonferenz den Hinweis gegeben, dass das Geld bei rund 60 Prozent aller Haushalte am Ende der monatlichen Ausgaben nicht genügen würde, um etwas davon auf die „hohe Kante“ zu legen. Wer sparen will, kann es demnach zumindest nicht in Krisenzeiten – oder nur mit großen Abstrichen.

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Vom Sparen abgesehen: Auch sonstige Pläne, die mit etwas höheren Kosten verbunden sind, wie etwa die jährlichen Urlaube mit der Familie, fallen für viele Menschen aus. Ob Weihnachten, Geburtstagsfeiern oder der Wochenendbesuch bei Freunden – überall dort, wo Geld eine Rolle spielt, ist Verzicht angesagt. Denn das Geld, was jetzt noch da ist, wird zum „Überleben“ benötigt.

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Ist es ein Verzicht auf Luxus – oder „echte“ Armut?

„Leben“ wird teurer: Energie wird teurer, Nahrungsmittel werden teurer, Kleidung wird teurer, Pflege wird teurer. Auch wenn 3.600 Euro zunächst nicht nach wenig Geld klingen, sollte die Zahl in Relation gebracht werden. Wegen der hohen Inflation sowie der Energiekrise handelt es sich nicht um eine unrealistische Angabe, wenn das Geld aufgrund der steigenden Kosten gerade so zum Leben ausreicht – etwa für eine Familie mit zwei Kindern.

Dass hierzulande verzichtet wird, zeigen die Resultate einer Umfrage. Nach den Ergebnissen einer Untersuchung des Instituts für neue soziale Antwort (INSA) würden einige der befragten Teilnehmer:innen sogar auf einer ihrer Mahlzeiten verzichten. An der Zahl seien es insgesamt 16 Prozent.

Weitere Ergebnisse im Überblick:

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  • Folgen, wenn die Preise so bleiben: Sofern die Inflation weiterhin bestehen bleibt, würden weitere Befragte zumindest über den Verzicht auf ein reguläres Essen pro Tag nachdenken. Ungefähr 13 Prozent ziehen dies in Betracht.
  • Verzicht auf teure Produkte: Über 40 Prozent der Umfrageteilnehmer:innen haben ihre Kochgewohnheiten bereits geändert. Sie würden demnach seltener zu teuren Nahrungsmitteln greifen. Dazu zählen allen voran Fleisch und Fisch.
  • Weniger Hobbys, kein Urlaub: Neben den veränderten Ess- und Kochgewohnheiten würden ebenfalls fast 40 Prozent auf Aktivitäten verzichten, die sie sonst in ihrer Freizeit planen. Der Urlaub würde ausfallen.

Regionale Unterschiede beachten

Bei der Berechnung der Armutsgrenzen müssen mehrere Faktoren berücksichtigt werden. Gehen wir vom aktuelle EU-Standard aus, wird die Armutsgrenze auf Basis des durchschnittlichen Medianeinkommens (mittleres Einkommen) errechnet. Wem von diesem mittleren Durchschnittseinkommen 60 Prozent im Monat zur Verfügung stehen, der wird als „von der Armut bedroht“ eingestuft.

Wichtig ist, regionale Unterschiede zu berücksichtigen: So können die Lebenshaltungskosten in Berlin zum Beispiel anders als in Magdeburg, Stuttgart oder Hannover ausfallen. Vor allem in Metropolen ist mit vergleichsweise hohen Kosten für Miete, Energie und Nahrungsmitteln zu rechnen.

Bildnachweis: Liderina/istockphoto.com