Ungeduld, Angst, Wut: Als Führungskraft erlebst du, wie negative Emotionen dich zu impulsiven Handlungen verleiten. Was dein Gehirn damit zu tun hast und wie du dich besser regulierst.

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Stress: Der Alltag einer Führungskraft

Du stehst unter Zeitdruck und steckst in einem Verkehrsstau fest. Während des Meetings reagierst du laut oder ungeduldig auf den Einwand eines Kollegen, den du mitten im Satz unterbrichst.

So oder so ähnlich erlebst du dich als Führungskraft, wenn deine Amygdala gerade aktiv ist. Diese Hirnregion ist ein Teil deines limbischen Systems – und genau dort sitzt die Angst.

Wie beeinflusst meine Amygdala mein Führungsverhalten?

Das lateinische Wort Amygdala heißt übersetzt „Mandelkern“. Diese Region im Gehirn ist allen voran für Emotionen sowie Erinnerungen zuständig. Im Mittelpunkt stehen Ängste und Wut.

Kurz: Wenn deine Amygdala gerade aktiv ist, wirst du es häufig mit starken Emotionen zu tun bekommen.

Werden Ängste aktiviert, wechselst du zum Beispiel in den Kampf- oder Verteidigungsmodus. Fürchtest du um einen wichtigen Geschäftsdeal und merkst, wie sich jemand in deine Entscheidungen einmischt, reagierst du daraufhin aggressiv, ungeduldig oder gereizt. Die Amygdala ist auch für körperliche Reaktionen zuständig. Bei Ärger, Angst oder Wut spürst du etwa, wie dein Herz plötzlich rast und deine Atemgeschwindigkeit zunimmt.

Was sind die Folgen?

Im Alltag einer Führungskraft wird dieser Zustand manchmal zum Dauerzustand. Die reaktiven, impulsiven Handlungen und Gefühle nehmen Überhand. Wichtig zu wissen ist, dass viele Prozesse im Mandelkernkomplex unterbewusst ablaufen. Du hast zunächst also keine direkte Kontrolle darüber, wenn du dir der Emotionen nicht bewusst bist.

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Mögliche Folgen:

  • Stress: Dein Blutdruck erhöht sich und dein Stresspegel steigt.
  • Fehlende Emotionsregulation: Du kannst negative Emotionen nicht oder nur schlecht regulieren.
  • Das Umfeld als Ventil: Du schimpfst oder „schnauzt“ Angestellte und Teamkollegen an.
  • Mangelnde Empathie: Es fällt dir schwer, zuzuhören, sodass du andere unterbrichst. Du hast das Gefühl, die einzig richtige Meinung zu vertreten.
  • Suche von Schuldigen: Du beginnst, die Verantwortung für deine Fehler auf andere zu schieben.
  • Überlebensmodus: Du bist ständig wachsam und befürchtest das Schlimmste.

Welchen Einfluss nimmt der präfrontale Cortex auf meine Emotionen?

Das Problem mit der Amygdala: Eigentlich sind Ängste und auch Wut wichtig für das Überleben. So konnten unsere Vorfahren rechtzeitig in den Überlebensmodus wechseln, flüchten, kämpfen und sich verteidigen, wenn Gefahr drohte.

Als Führungskraft bist du aber nicht in diesem Ausmaß auf einen solch starken Modus angewiesen. Dennoch wird unsere Amygdala aktiv, wenn wir uns bedroht fühlen – und schon schaltest du in einen reaktiven, wütenden Angstzustand.

Jeder Mensch und jede Führungskraft besitzt jedoch zwei Modi. Denn neben der Amygdala ist auch dein sogenannter präfrontaler Cortex aktiv. Auch dieser steuert unser Verhalten auf entscheidende Weise, aber anders als der Mandelkern. Der präfrontale Cortex wird manchmal als „Regisseur“ unseres Gehirns bezeichnet. Der Unterschied zur Amygdala ist, dass diese Region Emotionen in bewusste Gefühle „umwandeln“ kann.

Das heißt:

  • Bewusste Steuerung: Mit der Hilfe dieser Hirnregion nimmst du entscheidenden Einfluss auf deine Handlungen und Reaktionen.
  • Logisches Denken: Du kannst rationale, logisch nachvollziehbare Schlüsse ziehen und Entscheidungen treffen.
  • Einfühlsamkeit: Du kannst ausgeglichen sein und besser zuhören, wenn diese Hirnregion aktiv ist.
  • Bessere Emotionsregulation: Du kannst Emotionen in ein „Gesamtbild“ integrieren und diese besser regulieren, sodass du – zumindest, wenn keine „echte“ Gefahr droht – nicht ängstlich, wütend oder gereizt auf deine Umwelt reagierst.

Wie erreiche ich diesen Zustand als Führungskraft?

Jetzt wird es interessant: Gibt es überhaupt einen Weg, die Amygdala bewusst zu trainieren und dich so als Führungskraft zu verbessern?

Das Kernproblem ist, dass impulsivem und reaktivem Verhalten oft unbewusste Stimulationen vorausgehen, derer wir uns eben nicht „ganz bewusst“ sind. Hier setzt du an.

Wichtige Schritte, die du jetzt unternehmen kannst:

1.) Entlaste dein Gehirn:

Damit du deine Emotionen erkennen und regulieren kannst und dich ausgeglichener fühlst, gilt es, dein sonst so aktives Gehirn etwas zu entlasten. Mit deinem präfrontalen Cortex ist dein sogenanntes Arbeitsgedächtnis verbunden. Dieses ist für das logische Denken, die Sprache, das Lesen und Verstehen verantwortlich.

Entspannen und Auspowern können helfen. Sportwissenschaftler Dr. Werner Schwarz empfiehlt sportliche Betätigung. So soll regelmäßiges Lauftraining das Gehirn entlasten und uns mit Energie versorgen.

Was dir außerdem hilft:

  • Meditation
  • Yoga
  • Journaling
  • sozialer Austausch (z.B. Gruppenaktivitäten)
  • Wandern und Zeit in der Natur

2.) Werde dir deiner Emotionen bewusst:

Nur wer das Problem kennt, kann eine passende Lösung finden – und das Problem sind jene Emotionen, die dir unbekannt sind.

Versuche deshalb herauszufinden, was du spürst: Ist es Angst, die hinter deiner Reaktion steckt? Fühlst du dich wütend oder hilflos? In welchen Situationen reagierst du jetzt ungeduldig, gereizt oder impulsiv?

Halte inne, bevor du handelst – und verorte zunächst diese Emotionen, um dich besser zu verstehen. Schimpfst du mit einem Angestellten, weil dieser wirklich schlechte Arbeit geleistet hat? Oder hast du selbst Zeitdruck, eine Enttäuschung erlebt oder gerade privat eine Krise, die dich von Grund auf verunsichert und Ängste triggert?

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3.) Verurteile dich nicht:

Eine wissenschaftliche Untersuchung der Universität Erlangen zeigt, dass Selbstmitgefühl deinen Stresspegel wesentlich reduzieren kann. Als spätere Folgen von hohem Stress kann es übrigens zu Diabetes oder Herz-Kreislauf-Problemen kommen.

Wir alle sind manchmal wütend, ängstlich und unausgeglichen – und das führt zu hohem Stress und impulsivem Auftreten. Weil Führungskräfte besondere Aufmerksamkeit genießen und oft im Mittelpunkt des Geschehens stehen, ist dein Verhalten und dein Gefühlszustand jedoch viel präsenter und sichtbarer. Umso größer ist jetzt die Gefahr, sich selbst dafür zu verurteilen.

Wie Selbstmitgefühl aussehen kann:

  • tröstende Worte dir selbst gegenüber
  • achtsam sein
  • dir selbst verzeihen
  • in schwierigen Zeiten nach Unterstützung suchen und annehmen

4.) Stelle dir die richtigen Fragen:

  • Bist du überzeugt, dass du absolut im Recht bist?
  • Gibt es neben deiner eigenen Wahrheit noch andere Perspektiven, die du dir anschauen solltest?
  • Wofür bist du selbst verantwortlich?

Wenn du überzeugt bist, die einzig korrekte Meinung zu vertreten und Fehler nur bei anderen zu finden, sind das starke Anzeichen dafür, dass deine Amygdala besonders aktiv ist. Du möchtest die Verantwortung nicht übernehmen, um Ängste, Fehlschläge oder Schamgefühle zu vermeiden. Vor allem als Führungskraft möchten wir nicht, dass andere uns in einer solchen Position sehen.

Reflektiere dein Verhalten, indem du dir selbst die genannten Fragen stellst und diese ehrlich beantwortest.

Unser Zusatztipp für dich

Eine wesentliche Rolle bei bedrohlichen Gefühlen spielt heute nicht die Gefahr um die körperliche Unversehrtheit. Vielmehr geht es darum, die eigenen Wert- und Moralvorstellungen zu verteidigen, wenn wir eine Bedrohung spüren. Dann schalten wir auf Angriff.

Das bedeutet: Die „innere“ Arbeit an dir und dich selbst besser zu verstehen, ist der wichtigste Ansatzpunkt, um zum Beispiel als Führungskraft wichtige Unternehmenswerte, „äußere“ Werte, zu vermitteln.

Bevor du dich mit deinem Umfeld und den äußeren Umständen beschäftigst, solltest du dich deshalb deiner eigenen inneren Welt widmen. Lerne dich kennen und verstehen, um großartig zu führen.

Bildnachweis: koongtita/istockphoto.com

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