Es gibt viele Möglichkeiten, ein Unternehmen zu organisieren und zu strukturieren. In den meisten Firmen herrschen klare Hierarchien, die von starken Gefällen geprägt sind. Auch wenn hierarchische Strukturen für Ordnung und exakt geklärte Zuständigkeiten stehen, haben sie ein sehr großes Problem: Ehe eine Idee von unten oben in der Etage der Entscheider angekommen ist, geht meist viel Zeit ins Land. Weitaus flexibler sind die meisten Startups organisiert. Sie setzen bewusst auf flache Hierarchien und das Mitspracherecht der Mitarbeiter. Dass es jedoch auch ganz ohne Hierarchien funktionieren kann, beweisen Unternehmen, die in einer sogenannten Holokratie organisiert sind. Vor allem Entrepreneure sollten diesen Begriff auf dem Schirm haben, es könnte nämlich sein, dass er sich zum absoluten New Work-Trend in 2017 entwickelt.

Inhalt
1. Was ist Holokratie?
2. Wie kann das funktionieren?
3. 3 verschiedene Meeting-Formen
4. Welche Auswirkungen hat Holokratie auf Unternehmen?
5. Holokratie in Deutschland
6. Holocracy – Management-System der Zukunft?

Was ist Holokratie?

Wenn Sie noch nie etwas vom Begriff Holokratie gehört haben, sind Sie sicherlich in guter Gesellschaft. Tatsächlich handelt es sich hierbei um ein recht unbekanntes Phänomen. Das bedeutet jedoch keinesfalls, dass es nicht interessant wäre, darüber zu berichten. Ganz im Gegenteil.

Holokratie ist eine besondere Art, Unternehmen zu organisieren beziehungsweise zu managen: Hierarchien und Ebenen werden vollständig abgeschafft. Das Konzept geht auf den US-amerikanischen Unternehmer Brian Robertson zurück. Dieser hat die Holokratie entwickelt und erstmals in seiner Firma Ternary Software Corporationeingesetzt.

Info: Der Name Holokratie setzt sich aus dem griechischen holos für „vollständig“ und -kratie für „Herrschaft“ zusammen.

Das große Anliegen der Organisationsform für Unternehmen ist eine transparente und flexible Entscheidungsfindung – und zwar auch in großen und besonders vielschichtigen Unternehmen, die meist durch die zahlreichen Hierarchien gelähmt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, haben alle Mitarbeiter – egal, in welcher Position sie arbeiten – die Möglichkeit, ihre Meinung einzubringen und sich somit aktiv am Entscheidungsprozess zu beteiligen. Wenn man so will, ist jeder ein kleines Stückchen Chef.

Wie kann das funktionieren?

Alle entscheiden und keiner hat das letzte Wort? Für viele klingt das Konzept der Holokratie im ersten Moment nach Büro-Anarchie. Immer mehr Unternehmen, die sich für diese Form der Organisation entscheiden und Holokratie damit zum New Work-Trend machen, beweisen hingegen das Gegenteil. Wichtig ist nämlich einzig und allein, kein Chaos ausbrechen zu lassen.

Das (offene) Geheimnis der Holokratie sind klare und unmissverständliche Zuständigkeiten. Jeder Mitarbeiter – so die ursprünglichen Überlegungen von Brian Robertson – nimmt eine bestimmte Rolle ein und wird Teil eines Kreises. Durch diese Einordnung weiß jeder genau, was er zu tun hat – und welche Bereiche er ignorieren kann. Nur wenn jeder Mitarbeiter in seiner Rolle bleibt und nicht aus der Reihe tanzt, kann die Holokratie in der Praxis funktionieren. Das bedeutet allerdings nicht, dass Rollen starr sind. Es ist durchaus möglich, in andere Rollen und Kreise zu wechseln.

Weiterhin ist auch die „Doppel-Verlinkung“ der einzelnen Kreise wichtig für das Funktionieren der Holokratie. Diese stehen nämlich keinesfalls für sich allein, sondern sind miteinander verbunden. Das geschieht, indem Vertreter eines Kreises in einen anderen „entsandt“ werden.

Last but not least möchten wir Sie an dieser Stelle kurz auf das Konsent-Prinzip hinweisen, welches in der Holokratie zur Entscheidungsfindung eingesetzt wird. Es funktioniert folgendermaßen:

  • Mitglieder bleiben auch in Diskussionen in ihrer Rolle
  • Einwände werden nur aus der Rolle heraus begründet
  • gibt es keine aus der Rolle begründeten Einwände, wird das als Zustimmung gewertet

3 verschiedene Meeting-Formen

Das Wort „Meeting“ löst in vielen Arbeitnehmern ein ungutes Gefühl aus. Der Grund: Sie sind selten ergebnisorientiert und häufig pure Zeitverschwendung. Auch in der Holokratie sind Meetings vorgesehen – allerdings in klar definierten Formen:

  • operative Meetings: Schwerpunkt ist die Steigerung der Effizienz bestimmter Projekte
  • strategische Meetings: Schwerpunkt sind zentrale Fragestellungen
  • Steuerungsmeetings: Schwerpunkt ist die (Neu-)Vergabe von Rollen und Verantwortung

Welche Auswirkungen hat Holokratie auf Unternehmen?

Die Situation in den meisten klassischen Unternehmen sieht folgendermaßen aus: Ein Angestellter hat zwar einen Kernbereich (beispielsweise Marketing), in dem er arbeitet, übernimmt aber häufig auch andere Aufgaben (beispielsweise Kommunikation). Dennoch hat er gar kein bis sehr wenig Mitspracherecht und kann sich nicht aktiv an der Gestaltung der Firma beteiligen.

Im Falle der Holokratie wäre der Mitarbeiter ebenfalls Teil des Marketing-Teams – beziehungsweise des Marketing-Kreises, um den Vokabeln von Brian Robertson treu zu bleiben. Er (oder sie) kann sich für Online-Marketing (speziell Social Media Marketing) viel mehr begeistern als für Offline-Marketing. Da der Vorgesetzte das weiß, erhält der Angestellte die Rolle des Social Media Marketing-Mitarbeiters. Er befasst sich ausschließlich mit diesem Bereich und hat sehr viel Entscheidungsgewalt. Da es keine Hierarchien und auch keinen Teamleiter im klassischen Sinne gibt, muss er nicht erst auf das grüne Licht eines anderen warten, sondern kann kreative Ideen sofort eigenständig umsetzen. Die Person, die im klassischen Gefüge dafür verantwortlich gewesen wäre, die Idee abzusegnen, hat wiederum mehr Zeit, sich um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern.

Anhand dieses fiktiven Beispiels wird sehr schön deutlich, was die großen Vorzüge der Holokratie sind. Wird die Organisation konsequent durchgesetzt, hat das die folgenden Auswirkungen auf ein Unternehmen:

  • Die Mitarbeiter sind zufrieden mit ihrer Arbeit (da sie nur das machen, was sie mögen und entscheiden dürfen)
  • Die Mitarbeiter arbeiten produktiver
  • Das Unternehmen kann flexibler auf Veränderungen reagieren (ist agiler)
  • Die Entscheidungsfindung ist transparent und für alle nachvollziehbar

Nicht zuletzt muss natürlich auch darauf hingewiesen werden, dass die holocracy, wie Holokratie im Englischen genannt wird, auch Auswirkungen auf den Arbeitsalltag von Chefs, Teamleitern und Managern haben. Zu sagen, dass diese all ihre Macht abgeben, ist die falsche Herangehensweise an das Prinzip. Führungspersonen haben zwar nicht mehr die alleinige Entscheidungsgewalt, dafür aber wieder viel mehr Spielräume und Zeit, sich auf andere Dinge zu konzentrieren. Auch hier kommt wieder der Punkt der Produktivität zum Tragen.

Info: Unternehmen, die Holokratie einführen wollen, finden im Internet eine ausführliche, frei zugängliche Anleitung. Zusätzlich können auch spezialisierte Unternehmensberater konsultiert werden.

Holokratie in Deutschland

Die Organisation von Unternehmen in Form der Holokratie ist noch recht jung. Brian Robertson hat seine Gedanken erst im Jahr 2015 in einem Buch („Holacracy: The Revolutionary Management System that Abolishes Hierarchy“) festgehalten. Dennoch folgen schon jetzt erstaunlich viele Unternehmen seinem Vorbild. Das wohl bekannteste ist Zappos, das US-amerikanische Vorbild von Zalando, das rund 1.500 Mitarbeiter beschäftigt. Doch auch hier in Deutschland gibt es immer mehr Chefs, die sich für die Holokratie und gegen die starren Hierarchien entscheiden. Bekannte Beispiele hierfür sind:

  • Soulbottles: Ein Hersteller für Trinkflaschen aus Berlin
  • Blinkist: Ein Unternehmen, das umfangreiche Sachbücher in Kurzform (dank Holokratie inzwischen auch als Audio) anbietet
  • eine Abteilung der Telekom

Holocracy – Management-System der Zukunft?

Es ist davon auszugehen, dass die Holokratie in den nächsten Jahren noch mehr Fahrt aufnehmen und weitere Unternehmen erreichen wird. Warum? Weil es sich hierbei um eine Ausprägung der modernen Arbeitswelt handelt, die auch dem Thema New Work zugeordnet werden kann. Arbeitnehmer von morgen wollen ein flexibles, individuell gestaltbares und erfüllendes Arbeitsumfeld. Genau das kann ihnen die Holokratie bieten. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass sich der Trend weiter durchsetzen wird. Ob er andere Entwicklungen wie das Jobsharing oder CoWorking ablösen wird, bleibt abzuwarten. Letztendlich ist es auch immer auch das Zusammenspiel verschiedener Modelle und Trends, das den Reiz von New Work ausmacht.

Kommentieren