Macht-Idioten im Top-Management gibt es viele. Skrupellosigkeit allein aber ist kein Erfolgsfaktor, so eine US-Studie.

Konkurrenzorientierte, rücksichtslose Führungskräfte sind in den obersten Etagen häufig vertreten. Sie wirken unsympathisch, hart und manipulativ. Und meistens, so die Annahme, haben sie damit Erfolg. Durch ihre skrupellose Art kümmern sie sich in erster Linie um sich selbst und ihre Interessen.

Führungsexperte und Psychologie-Professor Cameron Anderson sowie sein Forschungsteam haben die sich hartnäckig haltende Annahme, dass nur „die Harten in den Garten kommen“ und Erfolg oft eine gewisse Skrupellosigkeit voraussetzt, dennoch widerlegt.

In einer Untersuchung hat Anderson, welcher an der Stern School of Business (New York University) als Professor des Jahres ausgezeichnet worden ist, herausgefunden: Es braucht mehr als Skrupellosigkeit und Dominanzstreben, um von Karrierevorteilen profitieren zu können. Zwar sei aggressive Dominanz durchaus ein Einflussfaktor. Aber erst in Kombination mit weiteren Persönlichkeitsmerkmalen wäre der Erfolg garantiert. Sofern diese nicht vorhanden seien, so der Forscher, hätten solche Machtmenschen im Vergleich zu anderen keinen wesentlichen Benefit.

In der Studie wurden verschiedene Persönlichkeiten mit Schwerpunkt auf die Ausprägung ihrer Wesenszüge der berühmten „Big Five“ (Offenheit, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Neurotizismus) untersucht. Personen, bei denen das Merkmal „Verträglichkeit“ wenig ausgeprägt ist, werden grundsätzlich als diffizile Persönlichkeiten wahrgenommen, die kaum einfühlsam, freundlich oder „sozial verträglich“ sind.

Aufstieg und Fall: Defizite im Sozialverhalten können den Erfolg kosten

Der Forscher warnt auch: Eine schlechte Nachricht sei, dass sowohl Personen mit gesunden als auch toxischen Merkmalen gleichermaßen an der Spitze landeten, aggressive und skrupellose Führungskräfte aber langfristig die echte Gefahr für Unternehmen darstellten.

Vor allem sind es die fehlenden Soft Skills wie Kritikfähigkeit, Empathie und manchmal auch Teamfähigkeit, die eine langfristige Karriere im Top-Management heute erschweren, weil die sozialen Kompetenzen und der Umgang mit Menschen immer mehr in den Fokus rücken.

Man könnte auch sagen: Der Erfolg von toxischen Führungskräften, die es bis an die Spitze geschafft haben, ist „subjektiv“. Denn die einzigen, die von aggressiv-destruktiven Verhaltensweisen profitieren, sind sie selbst – und auch das nicht immer. Die Attraktivität einer Arbeitgebermarke sinkt, wenn der Chef zum Problemfall für Angestellte wird. Unternehmen riskieren damit ihren Ruf. Für sie bleibt entweder die Option, die sich zerstörerisch verhaltenden Führungskräfte zu behalten und einen Imageschaden in Kauf zu nehmen oder diese zu ersetzen, um sich selbst nicht zu schaden.

Laut Forscher: Auf diese Erfolgsfaktoren kommt es wirklich an

Skrupellose Machtmenschen mögen mit ihrem Wesen manchmal zwar die Karriereleiter erklimmen, aber es seien vor allem folgende Faktoren, die außerdem notwendig, aber nicht immer vorhanden sind, um langfristig erfolgreich zu sein, so die Wissenschaftler:

  • Die Fähigkeit, Menschen für sich zu gewinnen: Führungspersonen, die in der Lage sind, Verbündete für sich zu gewinnen und Menschen so auf ihre Seite zu ziehen, sind tendenziell erfolgreicher als die, die nur aggressiv und skrupellos sind.
  • Soziales Wohlwollen und Zwischenmenschlichkeit: Langfristig erfolgreich in Führungspositionen sind die, die neben einer gesunden Durchsetzungsfähigkeit auch für ihre Mitarbeiter Gutes wollen und Wert darauf legen, ihnen wohlwollend gegenüberzutreten.
  • Fachliche Kompetenz: Eine Grundvoraussetzung für Erfolg als Führungskraft ist das fachliche Know-how und Können. Damit spielen auch Hard Skills nach wie vor eine der bedeutsamsten Rollen.

Dieser Wesenszug verspricht mehr Erfolg als Skrupellosigkeit

Eine spezielle Gruppe von Menschen sei laut Anderson besonders erfolgreich, wenn es um Karrierevorteile ginge. Demnach ergaben die Untersuchungen, dass vor allen Personen mit dem ausgeprägten Wesensmerkmal „Extraversion“ profitierten.

Das Merkmal zeichnet sich durch Offenheit, Geselligkeit und Kontaktfreude aus. Menschen, die keine Scheu davor haben, in sozialen Gruppen präsent zu sein und welche, die die Nähe anderer bewusst suchen, könnten deshalb einen Pluspunkt haben.

Doch im Grunde überrascht die Erkenntnis nicht, sind es heute doch häufig die charismatischen, zugänglichen Leader, die ihre Autorität zwar bewahren, aber besonders gut bei Arbeitnehmern ankommen und auf Augenhöhe mit ihren Mitarbeitern kommunizieren.

Genau diese Art von sozialer Verträglichkeit, die Menschen mit hoher Extraversion mitbringen, fehlt skrupellosen Machtmenschen, die aggressiv-dominant auftreten und somit ihre Chance, diplomatisch wertvolle Beziehungen aufzubauen und Kontakte zu knüpfen, um langfristig erfolgreich zu sein, vertun.

Warum genießen Egoisten, Manipulatoren und Dominante dennoch scheinbare Erfolge?

Menschen mit aggressivem Wesen sind leistungs- und konkurrenzorientiert. In der Berufswelt treten vor allem narzisstisch veranlagte Mitarbeiter und Führungskräfte jedoch nicht immer mit einer offensichtlichen Aggression auf. Als „dunkle Triade“ wird in besonderen Extremfällen eine Kombination aus Machiavellismus, Narzissmus und Psychopathie bezeichnet.

Eine entscheidende Kunst, die skrupellose Manipulatoren gut beherrschen, ist die, sich situationsbedingt zu verstellen. Sie können charmant sein und sich als gute Zuhörer geben und so ein Verständnis dafür entwickeln, welche Schwächen ihr Opfer hat, um gezielt eigene Interessen durchzusetzen. Diese Machtposition kann ihnen zu einem größeren Karriereerfolg verhelfen.

Höhere Wechselbereitschaft bei Mitarbeitern mit skrupellosen Chefs

Das Treiben skrupelloser Chefs, die wenig bis gar keine Empathie zeigen, Aufgaben diktieren und Mitarbeiter ausnutzen, hat zunehmend Auswirkungen auf die Entscheidungen der Belegschaft. Was Arbeitnehmer vor einigen Jahren wortlos hingenommen haben, wird heute häufiger infrage gestellt – und dies zeigt sich an der Fluktuationsrate und der zunehmenden Wechselbereitschaft. Denn das Verhalten von Vorgesetzten hat mehrere Folgen:

1. Schwache Mitarbeiterbindung

Können Betroffene von Machtspielen und Manipulationen sich nicht auf ihren eigentlichen Job konzentrieren, weil sie wegen des Verhaltens der Führungskraft ständig mit Ängsten und Sorgen beschäftigt sind, hemmt dies nicht nur die Produktivität. Auch die generelle Mitarbeiterbindung steht gänzlich auf der Kippe, was für Unternehmen schädlich ist.

2. Mehr Fehltage

Die Zahl der Krankmeldungen steigt vor allem in den Betrieben, in denen die Häufigkeit der psychischen, aber auch körperlichen Erkrankungen zunimmt. Denn mentale Probleme zeigen sich nicht nur auf emotionaler, sondern auch auf physischer Ebene. Der Druck, der von oben kommt, belastet Seele und Körper, sodass es zu mehr Fehltagen kommen kann.

3. Probleme im Team

Spalten machiavellistische oder manipulative Chefs ihre Belegschaft, werden diese immer wieder gegeneinander ausgespielt. Dies schadet dem Teamzusammenhalt und kann potenziell schädlich für den Erfolg eines Unternehmens sein. Damit sind beide Parteien in Gefahr: Sowohl Mitarbeiter als auch Unternehmen werden zum Opfer.

Wie zeigt sich eine skrupellose Führungskraft?

Ob für Mitarbeiter oder Unternehmen: Es gilt, sich vor Führungskräften, die negativen Einfluss auf Produktivität, Mitarbeiterbindung und Wir-Gefühl nehmen, rechtzeitig und auch präventiv zu schützen. Ein Umdenken der Führungsprinzipien und die Analyse der gelebten Führungskultur sind erste wichtige Schritte, um etwas zu verändern, doch die Umsetzung gestaltet sich schwierig.

Um rücksichtslose und manipulative Führungskräfte zu entlarven, gilt zunächst, die typischen Anzeichen zu erkennen:

  • widersprüchliches Verhalten
  • stark impulsive Reaktionen
  • regelmäßige Machtdemonstration
  • toxisches Arbeitsklima unter der jeweiligen Führung
  • keine Übernahme von Verantwortung und die Förderung von Schuldgefühlen bei Mitarbeitern
  • gezielte Manipulationsversuche

Gut zu wissen: Eine gewisse Durchsetzungskraft muss nicht zwangsläufig mit rücksichtslosem Verhalten gleichgesetzt werden. Denn ein bestimmtes, selbstbewusstes Auftreten kann sogar zum klaren Karrierevorteil werden – wenn gleichzeitig die Menschlichkeit vorhanden ist.

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