Ganz oben angekommen – und dennoch unglücklich? Ein „Abstieg“ von der obersten Karrierestufe ist selten gewollt. Für einige Führungskräfte aber ist es eine Sehnsucht, die Sinn ergibt.

Die Arbeitszufriedenheit von Führungskräften ist global um 15 Prozent gesunken. Bei 20 Prozent leidet die Work-Life-Balance und bei 40 Prozent sind Verunsicherungen und Stress in Bezug auf ihre Arbeit gestiegen. Zahlen einer aktuellen Untersuchung des Future Forum (Slack) mit 10.766 Umfrageteilnehmern, unter anderem aus Deutschland und Frankreich. Ob psychischer Druck, körperliches Leid, die Erkenntnis, dass eine Führungsrolle nicht zum eigenen Charakter passt oder andere Beweggründe: Es gibt Chefinnen und Chefs, die nicht mehr führen wollen.

Berufliche Reputation: „Abstieg“ kostet Überwindung

Arbeitsstress und Verantwortungsdruck auf Führungsebene sind naturgemäß groß. Heute steht das gestiegene Risiko für eine Burnout-Erkrankung im Vordergrund, während zuvor Herzinfarkte vor allem als „Begleiterscheinung“ der Chefetagen bekannt waren. In Anbetracht dieser Umstände und der Sehnsucht nach einer gesunden Work-Life-Balance überrascht es nicht, dass einige Führungskräfte einen Rückschritt erwägen.

Manchmal sind es persönliche Gründe, die dazu veranlassen, über diesen Schritt nachzudenken. Hinzu kommt, dass Pandemie, Umstellung auf New Work, der Abschied von alten Strukturen sowie die Einsicht, dass Beschäftigte heute mehr einfordern als es bisher der Fall war, sich belastend auswirken. Wer sich diesem Druck nicht gewachsen fühlt, und er ist wahrhaftig groß, will von der Führungsebene ebenfalls zurück auf die Ebene der „normalen“ Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Doch Abstieg kostet Überwindung: Nicht selten ist die Einsicht, es nicht geschafft zu haben, mit Schamgefühlen verbunden. Auch wenn es ein menschliches Bedürfnis und sogar gesund ist, eigene Grenzen nicht länger zu überschreiten und sich einzugestehen, dass eine Veränderung überfällig ist, kommt die Erkenntnis mit einem Gefühl des Versagens einher. Denn Führungspositionen bedeuten nicht nur Verantwortung. Es geht um einen Ruf – um Bewunderung, Prestige und ja, auch um Entscheidungsmacht. Das alles soll nun der Vergangenheit angehören.

Downshifting: Ausstieg – aber nicht zwangsläufig ein Abstieg

Während der Aufstieg zur Chefin oder zum Manager zumeist in geregelten Schritten verläuft, interne Unternehmensprogramme diesen unterstützen und zahlreiche Ratgeber für Führungswillige zur Verfügung stehen, haben es Aussteigerinnen und Aussteiger wesentlich schwerer. Sie treffen auf Unverständnis und oft auf argwöhnische Reaktionen:

„Du willst das aufgeben, was viele seit Jahren erreichen wollen?“

„Bist du dir nicht zu schade für einen normalen Job?“

„Du wolltest doch schon die ganze Zeit Chef sein!“

Dabei muss ein Ausstieg aus einer Führungsrolle nicht ein Abstieg im Sinne von „Scheitern“ bedeuten, wenn dieser freiwillig stattfindet. Ein Beispiel hierfür ist das Downshifting (dt. „Herunterschalten“): Menschen entscheiden sich bewusst für eine Arbeitszeitreduktion, wenn die Ursache der Ausstiegsgedanken beispielsweise in der Arbeitsüberlastung oder im Verantwortungsdruck wurzeln. Es handelt sich also um einen Wertewandel, der nicht mit Schuld-, Versagens- oder Schamgefühl einhergehen muss.

Ob von Vollzeit zu Teilzeit oder von einer Führungsrolle zurück in eine Rolle als Fachkraft wechseln, es gibt unterschiedliche Möglichkeiten des Downshiftings. Die Idee dahinter ist kein radikaler Ausstieg. Vielmehr geht es darum, die individuelle Arbeitsbelastung sinnvoll und in durchdachten Schritten zu reduzieren.

Wie gelingt der Ausstieg aus einer Führungsposition?

Eine Veränderung in der Chefetage bedarf einer guten Vorbereitung. Wer auf die bisherige Führungsposition verzichten will, um sich umzuorientieren, sollte deshalb folgende Punkte beachten:

#1: Finden einer neuer, passenden Position im Unternehmen

Die Abgabe der Führungsverantwortung und die gleichzeitige Übernahme einer anderen Position im selben Unternehmen ist möglich, wenn eine passender Posten offen ist, der besetzt werden soll. Ist dies nicht der Fall und bietet sich keine andere interne Lösung, bleibt Betroffen nur der Wechsel in ein anderes Unternehmen.

Wird eine Führungsposition aufgegeben, ist ein Wechsel in ein anderes Unternehmen für Ehemalige manchmal sogar ohnehin die sinnvollere Option, sofern ein Ausstieg sich – beispielsweise wegen des Images – problematisch gestaltet. Dies hängt jedoch vor allem von der Kultur und dem Karrieremodell des jeweiligen Betriebes ab: Gibt es flachere Hierarchien, die einen Positionswechsel problemlos ermöglichen – oder werden Mitarbeiter nach dem Up-or-Out-System („Rauf oder raus“) behandelt? Wie wird mit dem Wunsch des Downshiftings und einer damit einhergehenden Arbeitszeitreduktion umgegangen?

#2: Vorbereitung und Argumentation

Das Gespräch will gut vorbereitet sein: Ein interner Positionswechsel hat Vorteile, denn besonders in größeren Unternehmen profitiert die Belegschaft von verschiedenen Entwicklungsmöglichkeiten. Bleiben ehemalige Führungskräfte dem Betrieb erhalten, profitiert dieser durch die Bindung eines wichtigen Teammitglieds. So oder so sollten Führungskräfte, die ihren bisherigen Posten aufgeben wollen, gute Argumente für einen Wechsel anbringen und zeigen, wie das gesamte Team davon profitieren könnte.

Auch Benefits und Gehalt spielen eine Rolle: Zwar wird die Position gewechselt, aber Erfahrung und Expertise bleiben. Diese können als Basis für die Aushandlung eines passenden Gehalts sowie weiterer Arbeitsbedingungen im Vertrag dienen.

#3: Regelung einer Nachfolge

Wer soll die Lücke füllen? Wer sich gegen einen Arbeitgeberwechsel entscheidet, kann bei dieser Frage eine entscheidende Rolle spielen und unterstützen.

Geeignete Nachfolger bekommen jetzt die Chance, den Posten zu besetzen. Wichtig ist, sich um einen fließenden Übergang zu kümmern, der einer gründlichen Einarbeitung und einer Begleitung bedarf. Vor allem interne Mentoring-Programme, die bei Bedarf auch einen sanften Ausstieg von Nachwuchsführungskräften ermöglichen, sind eine sinnvolle Möglichkeiten, diesem doch recht sensiblem Thema mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Wer Coaching, Unterstützung und Expertise von (ehemaligen) Führungskräften beanspruchen darf, kann auf diese Weise gefördert und auf die Vorteile und Herausforderungen der neuen Position vorbereitet werden.

Veraltete Rollenvorstellungen und Stigmatisierungen sorgen für Negativreaktionen

Auch wenn New Work die Arbeitswelt einnimmt und moderne Führungskulturen sich entwickeln, sind wir noch längst nicht am Ziel: „Nein“ zu sagen, weniger arbeiten zu wollen und die eigenen Grenzen einzuhalten, wird in vielen konservativen Unternehmen bis heute als Schwäche angesehen. Der freiwillige Rücktritt vom Chefposten ist deshalb nicht gern gesehen, sondern mit Häme und Gesichtsverlust verbunden. Bis heute ist die klassische Schornsteinkarriere, also der geradlinige Weg nach oben, weit verbreitet. Es handelt sich um alte, gefestigte, konservative Strukturen, die nur schwer zu brechen sind.

Wer sich anders entscheidet, vor allem in Unternehmen, die es gerne klassisch handhaben, wird deshalb mit Negativreaktionen von Chefkollegen und der Belegschaft rechnen müssen. Denn dort, wo es nur den Weg „nach oben“ gibt, existiert kein Raum für Andersartigkeit.

Unternehmen müssen diesen falschen Druck verringern: Ob interner Konkurrenzdruck oder veraltete Denkweisen – moderne Arbeitgeber schaffen es heute, den Druck insgesamt zu reduzieren, zum Beispiel durch die Etablierung von individuellen Entwicklungsplänen, die es auch potenziellen Führungskräften und Nachwuchstalenten ermöglichen, sich frei von unrealistischen Erwartungen zu entwickeln und das Unternehmen zu unterstützen.

Abschied: Es lohnt sich, im Guten zu gehen

Ob aus gesundheitlichen Gründen, persönlicher Überzeugung oder die Lust auf etwas ganz anderes: Wer seinen ehemaligen Führungsposten und auch den Arbeitgeber verlässt, sollte sicherstellten, dass kein böses Blut fließt.

Ein Comeback ist nicht immer ausgeschlossen: Vielleicht ergeben sich in Zukunft neue Möglichkeiten im Unternehmen, die für eine Rückkehr sprechen.

Weil es sich um eine schwierige Entscheidung handelt, die vielleicht auch mit negativen Gefühlen und Reaktionen aus dem Umfeld einhergeht, lohnt es sich, diesem Schmerz des Abschieds bewusst zu entgegnen, um im Guten zu gehen und mit sich selbst ins Reine zu kommen: Ein Ausstieg ist nicht immer einfach – aber manchmal die absolut richtige Entscheidung.

Bildnachweis: alphabetMN/istockphoto.com