Fettes Konto, schicker Schlitten: Statusstreben bei Männern sei auch biologisch bedingt, erklärt die niederländische Neurowissenschaftlerin Iris Sommer.

Gehirn: Männlich vs. weiblich – Unterschiede existieren

Vorurteile und Geschlechterstereotype machen es für beide Geschlechter schwierig in der Berufswelt. Während Frauen häufig systematischer Benachteiligung ausgesetzt sind und unter dem Gender-Pay-Gap leiden, kämpfen Männer mit der Angst, Karrierechancen und Ansehen einzubüßen, wenn sie sich zum Beispiel mehr Elternzeit nehmen möchten.

Die permanente Vermischung von gesellschaftlichen, kulturellen Vorurteilen und Prägungen sowie von biologischen Unterschieden macht die Situation noch komplexer: Frauen seien zum Beispiel nicht ganz so risikofreudig wie Männer, aber sie seien willensstärker, so die Neurowissenschaftlerin Iris Sommer. Dies habe auch mit dem Gehirn zu tun und nicht nur mit individuellen Prägungen, wie viel zu häufig angenommen wird.

Um kulturelle Stereotype zu brechen, hat die niederländische Psychiaterin (Buch: „Gehirn, weiblich – Unterschiede wahrnehmen, Stereotype überwinden“) es sich zur Aufgabe gemacht, über Gehirnunterschiede zwischen Männern und Frauen aufzuklären.

Sommer: Es bräuchte andere Maßstäbe für Frauen als für Männer

Dabei geht sie einen Weg, welcher dem Streben nach Geschlechtergerechtigkeit zunächst scheinbar widerspricht. Denn die Forscherin erklärt, dass es tatsächlich ein weibliches und ein männliches Gehirn gibt, obwohl einige bisherige wissenschaftliche Untersuchungen zur Annahme kamen, dass, obwohl biologische Differenzen offensichtlich sind, beide Gehirne gleichartig arbeiten.

Offensichtlich ist, dass sowohl Mann als auch Frau oft noch immer in „typisch männlichen“ und „typisch weiblichen“ Berufen arbeiten. Hier wird häufig Gleichbehandlung gefordert, um niemanden zu benachteiligen. Dennoch existieren bis heute schier unüberwindbare Hürden in der Arbeitswelt.

Eine gewagte, aber auch interessante These der Wissenschaftlerin: Gleichbehandlung führe nicht automatisch zu Gleichberechtigung. Viel wichtiger wäre es, individuelle Maßstäbe für Männer und Frauen zu setzen, weil ihre Unterschiede berücksichtigt werden müssten, um Frauen zum Beispiel nicht mehr zu benachteiligen. Würde man unterschiedliche Dinge nicht mit Individualität behandeln, sondern gleich, so Sommer, könne hierbei nie dasselbe Resultat erfolgen.

Männliches Gehirn: Höheres Testosteronlevel, weniger Ängste

Dies begründet die Forscherin, die an der Universität Groningen lehrt, damit, dass der Aufbau des Gehirns unsere Verhaltensweise und damit unsere Persönlichkeit beeinflusst. So sorge das höhere Level an Testosteron bei Männern, das männliche Sexualhormon, für eine höhere Konzentration an Dopamin – und Dopamin sei bedeutsam für unser Belohnungssystem. Grundsätzlich seien Männer deshalb risikobereiter, hätten weniger Ängste und strebten nach einem höheren sozioökonomischen Status wegen des „Dopamin-Kicks“.

Übrigens: Auch vielen Führungskräften wird nachgesagt, beinahe süchtig nach Dopamin-Kicks zu sein. Status, Erfolg, große Geldflüsse und Prestige führen manchmal dazu, mehr vom Dopamin-Rausch zu wollen, weil das Belohnungssystem aktiv ist. Für Aufruhr sorgte in der Vergangenheit ein angeblich aus dem Silicon Valley stammender Trend namens „Dopamin-Fasten“, das Psychologe Cameron Sepah in einem seiner Beiträge erwähnte: Demnach sollte der moderne Mensch seine Erwartungen drosseln, Reizüberflutungen durch Smartphone und Co. einschränken und dem Hirn die Überstimulation ersparen.

Weibliches Gehirn: Geringere Dopaminkonzentration, mehr Vorsicht

Bei Frauen sorge das Östrogen dafür, dass weniger Dopamin vorhanden sei, was das vergleichsweise geringe Streben nach einem hohen sozialen Status erkläre. Weil das weibliche Sexualhormon eher bewirke, dass das Dopaminlevel schnell sinkt, seien Frauen weniger bereit, ein Risiko einzugehen. Wäre eine Stelle frei und würden Mann und Frau sich darauf bewerben, so Sommer, wäre es wahrscheinlicher, dass Männer sich selbstbewusst präsentieren – und auch mal überschätzen – und Frauen bescheidener sind und sich sogar unterschätzen.

Der offensichtlichste Gehirnunterschied sei zunächst die Größe des Hirns. Das männliche Gehirn sei demnach bis zu 15 Prozent größer als das weibliche. Hierbei ginge es um Gehirnumfang, aber auch Neuronenanzahl, so die niederländische Forscherin. Fälschlicherweise könnte die Größe als einziger Messfaktor für Leistungsfähigkeit herangezogen werden.

Entscheidend für Leistungsfähigkeit sei die Größe allein aber nicht. Es komme auch auf die neuronalen Verknüpfungen im Hirn an, die sich entwickeln, wenn Körper und Kopf etwas lernen. Dabei wagt die Wissenschaftlerin es nicht, das weibliche Gehirn als effizienter als das männliche zu bezeichnen. Sondern: Weibliche Gehirn würden einfach anders als männliche funktionieren, so Sommer.

Zum gleichen Schluss kommt Forscherin Heidegard Hilbig von der Universität Leipzig: Die Hirnmasse allein reiche nicht aus, um über die geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen zu entscheiden, so die Wissenschaftlerin. Vor allem komme es auf Lernprozesse sowie dem Einfluss der Umwelt an.

Dominanz in Führungsetagen: Männer demonstrieren „Territorialanspruch“

Der Körpersprachen-Experte Stefan Verra über Männer in der Berufswelt: Noch immer zeigten Männer ihre Dominanz sowie ihre Macht auch durch ihr Auftreten. Sie seien „geräuschvoller“. Auch ihre Gesten seien anders als die der Frauen, die nicht ganz so „raumergreifend“ seien.

Der offensichtliche Unterschied ist nicht allein auf gesellschaftlichen und kulturellen Einfluss zurückzuführen, sondern auch auf Gehirnunterschiede. Dennoch ist nicht zu leugnen, dass die männliche Dominanz, etwa in Führungsetagen, eben durch die Verstärkung der gesellschaftlichen Akzeptanz erst dazu geführt hat, dass Frauen sich bis heute beweisen müssen, um als Führungskraft anerkannt zu werden.

Davon ab: Neurowissenschaftliche und biologisch belegbare Erkenntnisse sollten generell nicht dazu führen, schwierige Verhaltensweisen zu tolerieren, sondern sie besser zu verstehen und Vorurteile abzubauen.

Wissenschaftler Jean-Claude Dreher vom französischen Broner Zentrum für kognitive Wissenschaften, der zum Thema Testosteron geforscht hat, betont auch: Das männliche Sexualhormon mache nicht nur aggressiv, sondern rege auch ein „prosoziales Verhalten“ an. Demnach zeigte sich in seinen Untersuchungen, dass Testosteron im Gehirn auch dafür sorgen kann, großzügig zu sein und andere zu belohnen.

Frauen zeigen weniger Risiko – aber mehr Fleiß und Willensstärke

Neurowissenschaftlerin Sommer widerspricht zudem der These, dass Frauen lediglich aufgrund der gesellschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten zu Frauen „gemacht“ werden würden: Experimente zeigten, so Sommer, dass eine geschlechtsneutrale Erziehung von Kindern ebenfalls dazu führe, dass diese tendenziell „weibliche“ oder „männliche“ Züge zeigten.

Es komme aber letztendlich auch auf die Konzentration der Geschlechtshormone an – und nicht nur auf das Geschlecht allein. Schlussendlich spielt deshalb nicht nur die Sozialisierung, sondern auch die Biologie eine Rolle bei der Entwicklung unserer Persönlichkeit – eine vielleicht noch größere, als viele Menschen bisher annahmen.

Bei Frauen sei häufiger zu beobachten, so die Gehirnforscherin, dass diese zwar weniger Risikobereitschaft als Männer zeigen, dafür im Vergleich jedoch mehr Fleiß und Willensstärke besäßen. Dies zeigt sich zum Beispiel auch im Berufsleben: Obwohl viele weibliche Berufstätige leistungsstark sind und hartnäckig an ihren Zielen arbeiten, trauen sie sich nicht immer in die Führungsetage. Sie kämpfen zudem mit geschlechtsspezifischen Vorurteilen, die erschwerend hinzukommen und verhindern, dass mehr Frauen in die deutschen Führungsetagen befördert werden.

Trotz eindeutigen Hirnunterschieden kann es zu Abweichungen kommen

In Stein gemeißelt ist die Tatsache, dass das weibliche Gehirn anders als das männliche funktioniert, dennoch nicht ganz: Bei jedem Individuum kommt es zu Abweichungen. So ist es möglich, dass Frauen eine große Risikobereitschaft zeigen, während Männer zugleich davor zurückschrecken. Es gilt, von Pauschalisierungen abzusehen.

Gehirnunterschiede machen ein Geschlecht nicht besser, stärker oder schlechter

Verallgemeinerungen sollten vermieden werden, um Chancengleichheit in der Berufswelt zu schaffen. Auch wenn biologische Unterschiede existieren, bestimmen sie nicht den Wert eines Menschen. Es gibt kein „besseres“ oder „erfolgreicheres“ Geschlecht. Es existieren Tendenzen, nicht aber festgelegte, unveränderbare Tatsachen, wenn es um das individuelle Empfinden der eigenen Persönlichkeit geht. Schlussendlich komme es dennoch darauf an, sich trotz oder wegen des Strebens nach Gleichbehandlung die Gehirnunterschiede zumindest bewusst zu machen, so Forscherin Iris Sommer, damit unterschiedliche, aber gerechte Maßstäbe gefunden werden.

Bild: Unsplash+/Federica Giacomazzi