Beim Betrachten der großen Unternehmen unserer heutigen Zeit fällt es schwer, Begriffe wie „Moral“ und „ethische Standards“ noch ernst zu nehmen. Doch tatsächlich wird in fast jedem Vertrag festgehalten, dass die Entscheidungen eben jenen „höchsten ethischen Standards“ entsprechen sollten. Nur wieso treffen dann eigentlich so viele Menschen im Beruf unmoralische Entscheidungen?

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Mann überlegt, welche Entscheidung die Richtige ist
Bildnachweis: iStock.com/RapidEye

Inhalt
1. Intuition oder rationales Denken?
2. Wir haben verlernt, auf unseren „Instinkt“ zu hören
3. Die Angst vor dem Verlust
4. Entscheidungen treffen – für sich selbst oder für andere?
5. Langfristige Entscheidungen und ungewollte Gefahren
6. Moral ist abhängig von der Situation
7. Belügen Sie sich selbst?
8 Es gibt zu viele schlechte Beispiele
9. Lassen sich unmoralische Entscheidungen vermeiden?

Intuition oder rationales Denken?

Wohl jeder kennt den Kampf zwischen Kopf und Bauch: Sollten Sie lieber Ihrem rationalen Denken vertrauen oder eine spontane Entscheidung aus dem Bauch heraus treffen? Tatsächlich gibt es viele Beispiele dafür, dass eine intuitive Entscheidung in keinem Fall schlechter ist, als eine bewusste Entscheidung des Verstands – nur laufen sie einfach wesentlich schneller ab.

„Intuition ist Intelligenz mit überhöhter Geschwindigkeit.“
(Italienisches Sprichwort)

So hat zum Beispiel die an der Universität Chicago lehrende Psychologin Sian Leah Beilock eine einfache Versuchsreihe mit Golfern durchgeführt und dabei herausgefunden, dass professionelle Golfer bessere Ergebnisse erzielen, wenn sie keine Zeit dafür haben, über ihren Schlag nachzudenken, während Anfänger sich eher länger Zeit nehmen sollten, um einen möglichst optimalen Schlag zu schaffen. Die Quintessenz daraus ist, dass Intuition auf Ihre Erfahrung zurückgreift und innerhalb kürzester Zeit die richtige Entscheidung treffen kann – allerdings muss dafür die entsprechende Erfahrung erst einmal vorhanden sein.

Wir haben verlernt, auf unseren „Instinkt“ zu hören

Ein weiterer zum Thema passender Versuch wurde von Antonio Damasio durchgeführt: Der US-Amerikaner ist Neurologe, arbeitet an der Universität Iowa und hat bereits in den 1990er Jahren erste Versuche zu diesem Gebiet durchgeführt. In seinen Versuchsreihen schloss er die Probanden an eine spezielle Variante des Lügendetektors an und gab Ihnen zwei präparierte Kartenstapel, wobei der erste Stapel große Gewinne abwerfen sollte, während der kleine nur mit geringeren Gewinnen lockte. Für beide Kartenstapel galt, dass die roten Karten Strafzahlungen nach sich zogen. Der Trick hinter diesem System: Der erste Stapel besaß wesentlich mehr Strafkarten, während sich der zweite Stapel auf lange Sicht betrachtet als lohnenswerter entpuppte. Den meisten Probanden war dies nach ungefähr 50 Karten klar, doch der Clou der Versuchsreihe ist, dass der Instinkt bereits nach zehn Karten vor dem ersten Stapel gewarnt hatte.

„Seine Instinkte soll man besser nicht überreden.“
(Erich Limpach)

Diese Versuche zeigen, dass der instinktive Gedanke oftmals der richtige ist, uns aber häufig beigebracht wird, dass wir lieber erst einmal alles durchdenken sollten. Dies führt dazu, dass ein Thema „überdacht“ wird und dann der eigene Gedankengang zu einer falschen Entscheidung führt – obwohl die Intuition das Gegenteil angeregt hatte. Gerade in der Arbeitswelt trauen sich viele Menschen einfach nicht, auf das eigene Bauchgefühl zu hören, und treffen dann lieber die Entscheidung, die allem Anschein nach besser für das Unternehmen wäre – selbst, wenn diese unmoralisch ist.

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Die Angst vor dem Verlust

Aus psychologischer Sicht sorgen oftmals irrationale Verlustängste dafür, dass Menschen unmoralische oder unkluge Entscheidungen treffen. Denn mit jeder Entscheidung, die Sie treffen, schließen Sie auch gleichzeitig andere Möglichkeiten komplett aus:

  1. Kaufen Sie ein neues Auto, so entscheiden Sie sich gegen andere Modelle, die Ihnen vielleicht mehr Komfort und Spaß gebracht hätten.
  2. Gehen Sie in einem bestimmten Restaurant essen, so entscheiden Sie sich für ein Gericht, während ein anderes Restaurant vielleicht auch leckere Menüs im Angebot hätte.
  3. Wählen Sie einen Partner für Ihr Leben, so schließen Sie andere Menschen aus, mit denen Sie vielleicht glücklicher gewesen wären.

In vielen Fällen laufen diese Verlustängste unterbewusst ab und sind unterschiedlich stark ausgeprägt, doch steht in vielen Fällen eben der Verlust im Vordergrund, während die Freude über die Wahl eher in den Hintergrund rückt. Die Angst vor dem potentiellen Verlust sorgt dann nicht selten dafür, dass schlechte Entscheidungen getroffen werden, die kurzfristig betrachtet zwar eine Belohnung versprechen, langfristig jedoch negative Konsequenzen nach sich ziehen – deshalb betrügen einige Menschen ihren Partner oder beschönigen die Zahlen am Arbeitsplatz.

Entscheidungen treffen – für sich selbst oder für andere?

Es ist kein psychologisches Geheimnis, dass Menschen für sich selbst andere Entscheidungen treffen als für andere. Die erwähnte Verlustangst und die emotionale Komponente sind wesentlich geringer, wenn eine Entscheidung nicht für sich selbst getroffen werden muss, während die Risikobereitschaft steigt.

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Dies wurde von Mihai Avram, Psychologe an der Universität in München, bereits in einer Studie im Jahr 2014 nachgewiesen: Muss eine ethische Entscheidung getroffen werden, so sind je nach Situation unterschiedliche Gehirnregionen betroffen. Betrifft das Urteil die eigene Person, sind emotionalere Regionen aktiviert, die jedoch weniger betroffen sind, wenn die Entscheidung über andere gefällt wird – dadurch entstehen wesentlich pragmatischere und moralisch fragwürdigere Urteile.

„Menschen, die sich ethisch verhalten, sind glücklicher als solche, die das nicht tun.“
(Dalai Lama)

Doch tatsächlich lassen sich auch Argumente dafür finden, dass unethische Entscheidungen aus emotionalen Gründen getroffen werden – vor allem, wenn sie die Mitmenschen betreffen. Jeder kennt das Phänomen, dass die eigenen moralischen Grenzen verschwimmen, wenn es um den Partner oder die Kinder geht – das ist nicht zuletzt aus dem Urinstinkt der Arterhaltung heraus tief in unserem Unterbewusstsein verankert. Doch auch im beruflichen Alltag gibt es immer wieder Personen, die zum Beispiel aktuelle Zahlen beschönigen oder unmoralische Entscheidungen treffen, um die Belegschaft zu retten. Hier werden die falschen Entscheidungen aus den richtigen Gründen getroffen.

Langfristige Entscheidungen und ungewollte Gefahren

Das Dilemma der langfristigen Entscheidungen ist allgegenwärtig und in jedem Lebensabschnitt lassen sich entsprechende Beispiele finden: Sie müssen sich in jungen Jahren für eine Berufswahl entscheiden, eine Ausbildung finden und sich in einem Berufsfeld etablieren – ob es sich hierbei jedoch um eine zufriedenstellende Wahl handelt, wird Ihnen erst nach Jahren oder gar Jahrzehnten klar. Auch bei der Anlage von Geld oder gar dem Kauf eines neuen Autos ist es immer schwierig, vorab zu wissen, ob hier die richtige Wahl getroffen wurde. Viele Menschen haben genau mit solchen Entscheidungen ein Problem und nicht umsonst trifft das berühmte Sprichwort

„Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“

auf viele Situationen zu. So werden oftmals Kompromisse getroffen, schnell führt ein Kompromiss zum nächsten und schon befinden Sie sich auf einer ungewollten Irrfahrt, aus der Sie vielleicht nicht mehr herausfinden und die Sie zu Entscheidungen zwingt, die Sie sonst nie treffen würden. Es gibt allerdings ein paar Tricks, mit denen Sie diese Probleme vermeiden können:

  • Eine kurze Auszeit nehmen: Bevor Sie eine Entscheidung treffen, machen Sie eine kurze Pause und überlegen Sie, ob Sie gerade kurzsichtig handeln. Senken Sie den Stress, der Sie zu der Entscheidung zwingt. So können Sie sich selbst auch von dem Verlangen nach einer sofortigen Belohnung fernhalten.
  • Den Kompromiss überdenken: Machen Sie sich klar, dass Sie gerade einen Kompromiss eingehen und damit von Ihrem eigentlichen Weg abweichen. Nur selten wird Ihnen sofort bewusst, dass der Kompromiss auch unmoralische oder schlechte Aspekte mit sich bringt, da Sie oftmals das „kleinere Übel“ wählen wollen. Doch nicht selten gibt es noch weitere Wahlmöglichkeiten.
  • Störende Faktoren ausblenden: Stress und fehlende Informationen sind in vielen Fällen der Grund, warum Sie Urteile fällen, die Sie sonst niemals getroffen hätten. Versuchen Sie, zur Ruhe zu kommen und erst einmal alle relevanten Informationen zu sammeln.
  • Die Perspektive wechseln: Versuchen Sie, sich von Ihrer eigenen Ansicht zu lösen und die zu treffende Entscheidung aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Oftmals wird Ihnen so klar, dass Sie zwar gute Absichten hatten, das Ergebnis jedoch negative Konsequenzen mit sich bringen könnte.

Zwar hören sich diese Tipps in der Theorie recht banal an, doch wenn Sie sie erst einmal in der Praxis ausprobiert haben, stellen Sie schnell fest, dass sie tatsächlich höchst effektiv sind.

Moral ist abhängig von der Situation

Eines der modernsten moralischen Gedankenspiele betrifft einen führerlosen, menschenleeren Zug, der auf einen anderen Zug zurast, in dem fünf Personen sitzen. Sie haben jedoch die Möglichkeit den führerlosen Zug auf ein anderes Gleis umzuleiten, auf dem ein dritter Zug steht – darin sitzt nur ein einziger Mensch. Wie würden Sie sich entscheiden? Diese prinzipielle Frage ist bereits so alt wie die Menschheit und wiegt Menschenleben gegeneinander auf: Ab welcher Menge ist es moralisch vertretbar, Menschen zu opfern, um mehr Menschen zu retten? Die obige Frage wurde an der renommierten Harvard Universität von Professor Marc Hauser gestellt und 80 Prozent der Befragten antworteten, dass ein Mensch geopfert werden sollte ,um fünf Menschen zu retten.

Nun ein zweites Gedankenspiel: Der gleiche Zug rast auf den zweiten Zug mit fünf Insassen zu, doch diesmal gibt es keinen dritten Zug und keinen Gleiswechsel. Stattdessen nur einen dicken Mann, der am Gleis steht und den Zug rechtzeitig stoppen würde, wenn Sie ihn vor den Zug werfen. Dieses Szenario wurde von den meisten Menschen als unmoralisch interpretiert.

Professor Hauser schließt daraus, dass aktives Handeln als unmoralisch gilt, während passive Taten für die meisten Menschen vertretbar sind – obwohl das Ergebnis letztendlich gleich bleibt.

Diese Tatsache lässt sich auf den Alltag übertragen und erklärt, warum ethisch fragwürdige Entscheidungen von Menschen getroffen werden, die eigentlich über eine moralische Vorstellung verfügen: Abhängig von der Situation, war den Entscheidungstreffenden gar nicht klar, dass sie gerade ein eher unmoralisches Urteil gefällt haben.

Belügen Sie sich selbst?

Wir alle treffen Entscheidungen, mit denen wir nicht unbedingt glücklich sind oder für die wir uns sogar schämen. Eines der größten psychologischen Phänomene ist allerdings, dass wir unsere falschen Entscheidungen noch verteidigen – nicht nur vor anderen, sondern in der Regel auch vor uns selbst. Dabei wissen wir oftmals bewusst oder unterbewusst, dass wir eine unmoralische und falsche Entscheidung getroffen haben, reden uns jedoch ein, dass wir es aus den richtigen Gründen getan hätten.

„Es ist schwieriger, sich selbst zu täuschen als andere.“
(Anatole France)

Selbsttäuschung und Selbstgerechtigkeit sind allerdings gefährliche Mittel und wer erst einmal damit begonnen hat, sich die Wirklichkeit so zurecht zu biegen, dass sie den eigenen Wünschen genügt, der hört nur selten damit wieder auf.

Lese-Tipp: „Selbstlüge: Warum wir es lieben, uns selbst zu belügen

So entsteht schnell ein Teufelskreis aus schwindender Moral und Entscheidungen, die Sie sich selbst vor kurzer Zeit niemals zugetraut hätten.

Statistik: Was bedeutet für Sie moralisches Verhalten? | Statista
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Ebenfalls in diese Kategorie gehört die sogenannten Entscheidungsparalyse, die dazuführt, dass wir uns entweder gar nicht entscheiden können oder bei einer Entscheidung bleiben – selbst, wenn sie falsch ist. Dieses Phänomen wurde bereits 1989 vom US-amerikanischen Ökologen Jack Netsch in seinem berühmten Becher-Versuch nachgewiesen: Er schenkte allen Studenten seines Kurses einen Kaffeebecher und fragte sie kurz danach, ob sie den Becher nicht gegen einen Schokoladenriegel tauschen wollten. 90 Prozent der Befragten blieben lieber bei Ihrem Becher. Dem nächsten Kurs schenkte er zunächst den Schokoladenriegel und fragte dann nach einem Tausch für einen Kaffeebecher – und auch hier blieben 90 Prozent lieber bei der Süßigkeit.

Es gibt zu viele schlechte Beispiele

Führungspersonal sollte als leuchtendes Beispiel vorangehen und moralische Entscheidungen treffen. Das gilt sowohl im Business-Bereich als auch auf politischer Ebene. Oftmals entstehen so jedoch tatsächlich ungewollte schlechte Vorbilder, die einen nachhaltigen Effekt mit sich bringen.

Ein Beispiel: Der Vorgesetzte überprüft die aktuellen Zahlen zusammen mit einem Mitarbeiter und streicht einige negative Punkte heraus, um die Bilanz nicht zu negativ wirken zu lassen.

Diese kleine „Beschönigung“ mag zwar eine gängige Methode sein oder ist aus verschiedenen Gründen notwendig, doch vermittelt sie ein falsches (Vor-) Bild. Der Mitarbeiter geht nun davon aus, dass es in Ordnung ist, kleinere Änderungen vorzunehmen, und gibt diese Information irgendwann an seine Kollegen oder Mitarbeiter weiter. So entsteht eine Kette mit moralisch fragwürdigen Entscheidungen.

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Lassen sich unmoralische Entscheidungen vermeiden?

Letztendlich gibt es viele und tatsächlich nachvollziehbare Gründe, warum gute Menschen unethische Entscheidungen treffen. Sei es, um sich selbst oder andere zu schützen, oder weil die menschliche Psychologie ihre Eigenarten besitzt.

„Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert“

, schrieb bereits der irische Schriftsteller George Bernard Shaw und verwies damit auf genau das Problem: Egal, wie gut der Grund ist, eine Entscheidung, die der eigenen oder allgemeinen Moral zuwider ist, wird immer schlecht enden. Es stellt sich die Frage, ob dieses menschliche Phänomen vermeidbar ist und ob wir nicht von unseren politischen und beruflichen Führern höhere ethische Standards erwarten sollten?!

Was sagen Sie dazu? Welche moralischen oder unmoralischen Entscheidungen werden in Ihrem beruflichen Umfeld, vielleicht sogar von Ihnen selbst, getroffen? Welche Gründe rechtfertigen Ihrer Meinung nach unmoralische Entscheidungen? Diskutieren Sie in den Kommentaren!


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