Psychologe Richard Boyatzis ist überzeugt: Die Beziehung zum Boss kann so bedeutend sein wie die eigene Partnerschaft. Warum das so ist – und welche 8 Fragen dir dabei helfen, die Erwartungen deines Chefs kennenzulernen.

Anzeige

Warum ist die Beziehung zum Boss so bedeutend?

Psychologe und Universitätsprofessor Richard Boyatzis ist nur einer der vielen Wissenschaftler, die daran glauben, dass die Beziehung zum Chef einen besonderen Status in unserem Leben genießt.

Denn: Seiner Ansicht nach gäbe es zwei „Arten von Beziehungen“, die besondere, intensive Emotionen in uns wecken würden. Das sei einerseits die Partnerschaft und andererseits wäre es die „Powerbeziehung“ zwischen Chef und Angestellten.

Warum das so ist: Schon früh werden wir in unserer Kindheit von unseren Bindungspersonen, den Eltern, geprägt – und diese sind zugleich auch Autoritätspersonen. Ihr Urteil ist uns wichtig. Die intensiven Gefühle, Emotionen und Erinnerungen werden wach, sobald wir uns wieder auf eine „Autorität“ einlassen. Und das ist häufig der eigene Chef.

Wie also damit umgehen? Lerne deinen neuen Boss kennen, stelle Fragen und finde heraus, wie du ein vertrauensvolles Verhältnis aufbauen kannst.

Diese 8 Fragen helfen dir dabei:

Frage 1: „Was kann ich tun, um dem Team bestmöglich zu helfen?“

Eine emotional intelligente Frage, die immer gut ankommt. Du fragst nicht, ob du helfen kannst – sondern was du konkret tun kannst, um zu helfen. Das zeigt einerseits, dass du dich einbringen möchtest. Andererseits erfährst du, wo die Prioritäten deines Bosses liegen.

Beachte: Zwar kommt proaktives Handeln bei Vorgesetzten gut an. Denn dieses zeugt von Engagement und Selbstständigkeit. Andererseits solltest du es bei deinen Kollegen im Team nicht übertreiben – zu diesem Ergebnis kommt die Michigan State University mit einer Arbeitsstudie, an der Professor Russel Johnson mitwirkte.

Nach den Ergebnissen der Auswertung von Johnson würde ungefragte Hilfe nicht immer gut ankommen. Eher im Gegenteil – denn Kollegen würden sich überrumpelt fühlen und wenig Dankbarkeit verspüren. Diese Reaktion würde auf beiden Seiten eine negative Reaktion auslösen.

Frage 2: „Wie sind Sie am ehesten erreichbar?“

Anrufen, eine E-Mail schreiben oder doch das persönliche Gespräch suchen? Kommunikation ist dein wichtigstes Instrument, um Vertrauen zwischen dir und deinem Boss aufzubauen, Missverständnissen vorzubeugen und Klarheit zu schaffen.

Frage deinen Boss deshalb, welche Kommunikationsart er oder sie bevorzugt. Besonders in Zeiten des Homeoffice ist es wichtig, dass du deine Bereitschaft zur Kommunikation zeigst – denn ohne persönlichen Kontakt im Büro kann es schnell passieren, dass du deinen Boss „aus den Augen“ verlierst.

Anzeige

Frage 3: „Welche Projekte sind dieses Jahr geplant?“

Eine gesunde Portion Neugier und vorausschauendes Interesse helfen dir dabei, ein fester Teil deines neuen Teams zu werden und besondere Berücksichtigung bei deinem Boss zu finden. Frage deshalb nach anstehenden Projekten.

Dein Extra: Möglicherweise bekommst du so auch die Chance, von Anfang an dabei zu sein, wenn es um ein neues Projekt geht. Nur Mut – es kann sich lohnen, größere Fragen zu stellen.

Frage 4: „Wen sollte ich kennenlernen?“

Mit dieser Frage signalisierst du deinen Vorgesetzten nicht nur, dass du bereit bist, zu netzwerken. Sondern auch Offenheit, Mut und Eigeninitiative. Dein Boss steht direkt an der Quelle, wenn es um die wichtigen Kontakte im und außerhalb des Unternehmens geht.

Dein Vorteil: Wenn du dich bemühst, dir ein Netzwerk aufzubauen, das sich auch außerhalb des Kernteams befindet, lernst du mehr über dein Arbeitsumfeld. Zugleich eröffnest du dir Karrierechancen und zeigst deinem Chef, dass du bereit für Wachstum bist.

Frage 5: „Welches Berufsereignis hat Sie besonders geprägt?“

Immer „professionelle Distanz“ wahren und schweigsame Höflichkeit zeigen – ist das hilfreich?

Nicht ganz. Komme auf die persönliche Ebene, wenn du deinen Boss kennenlernen willst. Frage zum Beispiel nach wichtigen beruflichen Stationen oder Prägungen deines Chefs – denn aus der Vergangenheit lernen wir bekanntlich, was uns heute ausmacht.

Persönliche Fragen, die nicht gerade „intim“ oder übertrieben persönlich sind, gelten auch also sogenannte „Icebreaker-Fragen“, die eine Situation auflockern.

Tipp: Bereits im Bewerbungsgespräch bekommst du oft die Chance, deine künftigen Vorgesetzten besser kennenzulernen. Nutze die Möglichkeit, um die richtigen Fragen zu stellen, Interesse zu signalisieren und herauszufinden, was dein Gegenüber ausmacht.

Frage 6: „Wann und wie ist eine Rückmeldung zu meiner Arbeit möglich?“

Frage nach Feedback – und auch, wann und wie dieses möglich ist. Du wirst sehen: So lernst du die Erwartungen deines Chefs kennen und du weißt, woran du bist.

Was du außerdem davon hast: Je häufiger du ein Feedbackgespräch führst, desto professioneller kannst du mit konstruktiver Kritik von deinen Vorgesetzten umgehen. Das ist wichtig, um es nicht „persönlich“ zu nehmen.

Man erinnere sich daran: Kritik von Autoritätspersonen kann ganz schön heftig sein und Emotionen wecken, die uns zum Beispiel an Eltern und frühere Lehrer erinnern. Umso wichtiger ist es, „alte“ Emotionen nicht auf unseren jetzigen Chef zu projizieren.

Also: Frage lieber nach Feedback – statt auf Wut, Missverständnissen, Unklarheiten oder Hilflosigkeit sitzen zu bleiben.

Anzeige

Frage 7: „Was kann ich Ihres Erachtens besser machen?“

Eine Aufgabe ist dir nicht ganz so gut gelungen – oder zumindest hast du das Gefühl, dass da etwas „im Busch“ sein könnte?

Hake nach, ob du etwas hättest anders machen können oder was du in Zukunft beachten sollst. Diese Frage zeugt davon, dass du in der Lage bist, dich und deine Leistung zu reflektieren. Scheue dich deshalb nicht davor, sie zu stellen.

Damit greifst du übrigens auch schon vor – denn so muss dein Boss nicht erst auf dich zukommen, um ein Gespräch zu eröffnen, welches möglicherweise längst überfällig ist.

Frage 8: „Welche Gründe gibt es dafür, dass ich Aufgabe XY nicht übernehmen darf?“

Eine unangenehme, aber wichtige Frage: Warum hast du einen speziellen Job oder diese eine Aufgabe, die so bedeutend für dich war, nicht erhalten?

Manchmal werden Entscheidungen auf Führungsebene getroffen, die nicht ganz transparent sind. Sollte es dir an Transparenz fehlen, ist es wichtig, dass du offen um eine Rückmeldung bittest.

Übrigens: So positionierst du dich bei deinem Boss noch einmal deutlich und bekommst vielleicht sogar die Chance, deine Kompetenz unter Beweis zu stellen.

Unser Zusatztipp: So findest du heraus, wie dein Boss tickt

Um deinen Boss besser kennenzulernen, hilft es, sich eine Sache immer wieder bewusst vor Augen zu führen: Jeder Chef und jede Chefin hat einen individuellen Führungsstil und einen eigenen Charakter. Während einige Führungskräfte zum Beispiel besonders autoritär und distanziert wirken und nicht ganz so einfach zu „knacken“ sind, gibt es andere, die für ihre Empathie und Offenheit bekannt sind.

Das heißt zugleich: Möglicherweise fällt dir die Kommunikation mit deinem neuen Chef nicht ganz so leicht. Wenn du dir jedoch darüber bewusst wirst, dass jede neue Führungskraft eine Umstellung sein kann und du dir genügend Zeit gibst, um mit dieser warm zu werden, bist du schon einen Schritt weiter.

Bleibe flexibel und neugierig – und stelle die richtigen Fragen, um herauszufinden, wie dein Boss wirklich tickt.

Bildnachweis: Denis Novikov/istockphoto.com

Anzeige