Timothy „Tim“ Ferriss ist eine der bekanntesten Persönlichkeiten der berühmten TED Talk Reihe. Er sorgt vor allem durch seinen offenen Umgang mit seinen Depressionen für Aufruhr, obwohl er beruflich eigentlich im Bereich der Betriebswirtschaft angesiedelt ist. Diese privaten Erfahrungen verbindet er mit seiner beruflichen Tätigkeit und setzt sich daher vor allem mit psychosozialen Fragen des Arbeitsalltages auseinander. Er ist sich sicher: Dass die meisten Menschen sich auf ihre Ziele fokussieren, statt auf ihre Ängste, ist ein grundlegender Fehler. Wir möchten Ihnen hierzu mehr verraten.

Anzeige
Frau hat Angst, schlechte berufliche Entscheidungen zu treffen, die in einem Jobverlust enden könnten
Bildnachweis: iStock.com/marcoventuriniautieri

Inhalt
1. Tim Ferriss, Depressionen und andere Geschichten
2. Wie Ängste das Leben vieler Menschen prägen
3. Ängste sind ein fest verankerter Urinstinkt
4. Die „German Angst“ muss adressiert werden
5. Jeder Mensch leidet unter Depressionen – irgendwann und irgendwie
6. Gute private sind auch gute berufliche Entscheidungen
7. Die meisten Ihrer Ängste sind absolut unbegründet
8. Üben Sie sich in „Fear-setting“ statt „Goal-setting“

Tim Ferriss, Depressionen und andere Geschichten

Tim Ferriss ist eine der meistgesehenen Persönlichkeiten bei den renommierten TED Talks. Wieso? Weil er eine Lebensgeschichte hat, die auf viele Menschen faszinierend wirkt und mit der sich einige identifizieren können – entweder, weil sie selbst von Depressionen betroffen sind, oder, weil sie in ihrem sozialen Umfeld mit dieser Erkrankung konfrontiert werden und sie zu verstehen versuchen. So oder so machte Tim Ferriss zu Beginn seiner TED-Karriere durch seine schonungslose Offenheit zum Thema Depressionen, Suizid und Manie Schlagzeilen.

Timothy Ferriss wurde am 20. Juli 1977 in New York geboren und ist mittlerweile Bestseller-Autor sowie Unternehmer. Er führt einen eigenen Podcast und konnte viel Geld als „Early-Startup-Investor“ generieren. Thematisch bewegt er sich vor allem in den Bereichen Psychologie, Philosophie und Betriebswirtschaft. Seine Bücher „Der 4-Stunden-Körper“ sowie „Die 4-Stunden-Woche“ stehen auf der New-York-Times-Bestsellerliste. Er besitzt einen Abschluss der Princeton University.

Offen gesteht er, in seinen jungen Erwachsenenjahren einen Suizidversuch hinter sich zu haben und das relativ spontan, nachdem er noch eine Woche zuvor im Glück schwelgte. Er berichtet von den Mechanismen, die bei einer solchen Erkrankung im Gehirn losgetreten werden, und wie er sich gegen die Manie wehren konnte – oder sie zumindest einigermaßen in den Griff bekommen hat. Schlussendlich beschäftig sich Tim Ferriss aber längst nicht (mehr) nur mit dem Thema Depressionen.

Lese-Tipp: Diese Berufe lösen besonders häufig eine Depression aus – Fakten, Symptome und Selbsttest

Er verwendet seine individuellen und prägenden Lebenserfahrungen stattdessen, um sie mit seinen Kenntnissen in der Betriebswirtschaftslehre in Einklang zu bringen und dadurch ein „besseres“ Arbeitsleben zu ermöglichen.

Wie Ängste das Leben vieler Menschen prägen

In seinem neuesten TED Talk beschäftigt er sich mit einem artverwandten Thema: Ängste. Jeder Mensch besitzt Ängste, unabhängig davon, ob er unter Depressionen leidet oder nicht. Es kann sich um Versagensängste, Höhenangst oder soziale Phobien handeln. Sie halten vielleicht nicht gerne Präsentationen vor großem Publikum, würden niemals mit einem Fallschirm aus dem Flugzeug springen oder haben panische Angst vor Spinnen. Depressionen hin oder her: Einen angstfreien Menschen gibt es nicht!

Lese-Tipp: Psychotherapie – Ein Stigma, das Karrieren ruiniert

Ängste wirken paralysierend. Sie halten Sie davon ab, im Leben Wege zu verfolgen, welche für Sie die richtigen wären. Sie lähmen Sie bei wichtigen Entscheidungen und lassen Sie an sich selbst zweifeln. Sie sorgen für Reue, weil sie Ihnen das Ergreifen einzigartiger Chancen im Leben verwehren. Zusammenfassend machen Ängste Ihr Leben schlichtweg schwerer, als es eigentlich sein sollte. Wie schön wäre es also, wenn Sie diese einfach vergessen oder zumindest beiseiteschieben könnten?!

Anzeige

Ängste sind ein fest verankerter Urinstinkt

Was in der Theorie also wünschenswert wäre, ist in der Praxis leider nicht möglich. Ängste sind fest in jedem Menschen verwurzelt. Dazu gehören Urängste wie jene vor dem Alleinsein oder dem Tod. Hinzu kommen zahlreiche weitere Ängste, die im menschlichen Überlebensinstinkt begründet sind. Die Angst vor Spinnen beispielsweise, unter welcher viele Menschen leiden – längst nicht nur Frauen – ist alles andere als unbegründet. Es gibt schließlich zahlreiche giftige bis hin zu tödlichen Spinnen auf der Welt. Natürlich existieren auch Ängste, die als Außenstehender übertrieben erscheinen. Doch jeder Mensch fürchtet sich eben aus verschiedensten Gründen vor unterschiedlichen Dingen. Bei einigen Menschen sind diese Ängste einfach mehr ausgeprägt und bei anderen weniger.

Infografik: Die größten Ängste der Deutschen 2016 | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Alles in allem leben wir in Deutschland aber in einer Kultur der Angst, welche zum Teil noch aus Kriegszeiten resultiert. Wir streben nach finanzieller Sicherheit, Frieden und wirtschaftlicher Stabilität – um nur einige Beispiele zu nennen. Schlecht ist diese Einstellung nicht unbedingt, schließlich scheint sie zumindest bis jetzt mit Erfolg gekrönt zu sein. Dennoch werden die Ängste hierzulande – und auch in vielen anderen westlichen Ländern – immer gravierender. Soziale Phobien oder Panikattacken sind immer häufiger diagnostizierte Störungen. Die Gründe dafür sind vielfältig, liegen aber auch im komplexen, stressigen und von der Angst vor dem Jobverlust geprägten Arbeitsleben. Die „German Angst“ ist real.

Die „German Angst“ muss adressiert werden

In der englischen Sprache hat sich bereits der Begriff der „German Angst“ etabliert. Er beschreibt dieses für die deutsche Gesellschaft typische, diffuse und eigentlich unbegründete Gefühl der Angst. Betroffen sind Arbeitnehmer mit ihrer ständigen Angst vor dem Jobverlust ebenso wie die zögerliche Politik oder die Furcht vor Innovationen bei vielen deutschen Traditionsunternehmen. Irgendwie scheint uns hierzulande fast alles Angst zu machen. Selbstständige gründen hierzulande kein Unternehmen, sondern eine „Existenz“. Dementsprechend viel steht auf dem Spiel. Merken Sie, wie die deutsche Sprache die „German Angst“ noch befeuert?

Es gäbe viele weitere typische Beispiele für die „German Angst“. Irgendwie scheinen sich die englischen Muttersprachler mit diesem Begriff schon beinahe über die deutsche Zögerlichkeit lustig zu machen. Hierzulande ist das aber nur wenigen Personen bewusst. Wir scheinen gar nicht zu merken, dass unser Leben sowohl privat als auch beruflich in erster Linie von Angst geleitet ist. In vielen anderen westlichen Ländern wie den USA ist das zwar weniger extrem, grundlegend aber auch nicht anders. Es ist an der Zeit, die eigenen Ängste nicht länger zu verdrängen, sondern zu adressieren, so Tim Ferriss. Wir Deutschen müssen uns also der „German Angst“ stellen. Aber wie?

Jeder Mensch leidet unter Depressionen – irgendwann und irgendwie

Durchschnittlich sechs bis zehn depressive Episoden durchläuft ein Mensch in seinem Leben. Es muss sich dabei nicht um eine handfeste Erkrankung handeln, doch um Phasen, die einer solchen zum Verwechseln ähneln, durch verschiedene Ereignisse hervorgerufen werden können und zum Glück in der Regel nach einigen Wochen oder Monaten wieder von selbst verschwinden. Nicht so bei Tim Ferriss: Aufgrund seine bipolaren Störung durchlitt er im Laufe seines Lebens bereits über 50 depressive Episoden – und es werden noch mindestens ebenso viele weitere kommen. Eine Heilung ist für ihn und andere Betroffene nicht in Sicht.

Lese-Tipp: Winterdepression: Symptome und Behandlung des Winter Blues + Test

Dennoch gibt es Wege, diese Paralyse, welche Depressionen und damit einhergehende Ängste bei einem Menschen auslösen, in den Griff zu bekommen. Tim Ferriss möchte seinen Weg mit der Welt teilen, um dadurch ein wenig Angst aus der Welt zu verbannen. Egal, ob Sie ebenfalls unter einer bipolaren Störung leiden, eine depressive Phase durchlaufen oder schlichtweg die „normalen“ Ängste haben, die Sie im beruflichen Alltag behindern: Seine Strategien können allen Menschen helfen. Und folgende aus seinem aktuellen TED Talk ist sogar besonders interessant…

Gute private sind auch gute berufliche Entscheidungen

Im Zuge seiner Lebensgeschichte sowie seines Bildungsweges kam Tim Ferriss zu einer wichtigen Erkenntnis: Er hatte eine Strategie entwickelt, um sich selbst bestmöglich vor seinen Ängsten, der Depression sowie der damit einhergehenden Paralyse, sprich „geistigen Lähmung“, zu befreien. Er hatte also gelernt, für sich selbst die besten Entscheidungen zu treffen. In diesem Zuge hat er eine interessante Beobachtung gemacht, und zwar, dass gute private Entscheidungen stets auch gute berufliche Entscheidungen zu sein scheinen. Er jedenfalls wendet seine Strategie für alle Entscheidungen in sämtlichen Lebensbereichen an – und sein Erfolg spricht für sich. Wie also sieht sie aus, diese Strategie?

Lese-Tipp: Just relax: 5 Tipps für mehr Gelassenheit im Job

Sein Geheimnis liegt in der Gelassenheit, dem „Stoizismus“. Laut Tim Ferriss müssen Sie lernen, zu unterscheiden, was Sie im Leben kontrollieren können und was nicht. Dadurch reduzieren Sie Ihre emotionale Instabilität bei Niederlagen, Rückschlägen oder Hindernissen im Leben, die außerhalb Ihres Kontrollbereichs liegen. Sie trainieren also indirekt Ihre Resilienz. Wenn Sie sich nämlich durch Gegebenheiten außerhalb Ihres Verantwortungsbereiches aus der Bahn werfen lassen, nähren Sie Ihre Ängste und begeben sich dadurch in eine Abwärtsspirale aus Angst, Selbstzweifeln und noch mehr Angst. Sie wissen bestimmt aus eigener Erfahrung, dass Angst im Leben kein guter Berater ist. Sie führt zu Fehlern, Missverständnissen oder schlechten Entscheidungen.

Lese-Tipp: Resilienz: 10 wirksame Maßnahmen für mehr Widerstandskraft bei beruflichen Krisen

Tim Ferriss kennt viele Wege, um zu mehr Gelassenheit zu kommen. In seinem TED Talk mit dem Titel „Why you should define your fears instead of your goals” möchte er sich aber einer speziellen Strategie widmen: Sie müssen sich Ihren Ängsten stellen, um diese loswerden zu können.

Die meisten Ihrer Ängste sind absolut unbegründet

Kennen Sie das Sprichwort „Das Schlimmste im Leben eines Menschen sind nicht die Schicksalsschläge, sondern die Angst vor diesen“? Tatsächlich sind mindestens 99 Prozent Ihrer Ängste völlig unbegründet. Schlussendlich werden Sie niemals Ihren Job verlieren, von Ihrem Partner verlassen oder an Krebs erkranken – und wenn doch, so überstehen Sie diese Situation im Nachhinein betrachtet oft besser als erwartet. Durch Ihre Ängste machen Sie sich also nur selbst verrückt. Sie stehen sich bei Ihren Wünschen und Zielen im Weg. Sie treffen schlechte Entscheidungen. Tim Ferriss zitiert wie folgt:

We suffer more often in imagination than in reality.

(Seneca)

Er stieß auf die Methode namens „Praemeditatio Malorum“. Was bedeutet das? Es handelt sich um die Visualisierung Ihrer Ängste – detailliert, realistisch sowie im absoluten Worst-Case-Szenario. Tim Ferris ermutigt Sie also basierend auf der Lehre des Stoizismus dazu, Ihre schlimmsten Ängste in Gedanken auszuleben. Drehen Sie Ihren eigenen Hollywood-Film. Lassen Sie die Welt untergehen. Stellen Sie sich vor, Sie seien in einem Raum voller Spinnen. Oder Sie würden Ihren Job verlieren. Oder Ihr Ehepartner reicht die Scheidung ein. Finden Sie heraus, welche Ihre größten Ängste sind und stellen Sie sich diesen in Gedanken. Sie werden merken: Die meisten Szenarien sind nicht nur absolut unrealistisch, sondern auch überhaupt nicht so schlimm wie erwartet, wenn sie tatsächlich eintreten sollten.

Üben Sie sich in „Fear-setting“ statt „Goal-setting“

Noch effektiver ist diese Übung, wenn Sie Ihre Gedanken niederschreiben. Sie haben sich gewiss schon ein- oder mehrmals im Leben Ziele aufgeschrieben – zum Beispiel in Form einer To-Do-Liste für den kommenden Tag oder als „Zehn-Jahres-Plan“. Viele Menschen verfolgen ein solches „Goal-setting“ und daran ist absolut nichts auszusetzen. Doch ist laut Tim Ferriss das „Fear-setting“ deutlich effektiver. Nehmen Sie sich also ebenfalls ein Papier sowie einen Stift – oder neumodischer den Laptop mit geöffnetem Schreibprogramm – und beginnen Sie, Ihre Ängste sowie die bereits geschilderten Worst-Case-Szenarien aufzuschreiben. Legen Sie hierfür drei Spalten an:

  1. Define: Definieren Sie das Problem. Schreiben Sie also zum Beispiel auf: „Was, wenn ich meinen Job verliere?“. Gehen Sie anschließend ins Detail, was Ihnen an diesem Szenario am meisten Angst macht. Listen Sie auf: „Was, wenn ich nicht mehr genug Geld zum Überleben habe?“ oder „Was, wenn ich keinen neuen Job finde?“. Schreiben Sie also erst einmal alle Ängste auf, die Ihnen in den Sinn kommen oder im Alltag begegnen – und beschreiben Sie diese im Detail. Sie können diese Liste beliebig erweitern.
  2. Prevent: Anschließend entwickeln Sie in der zweiten Spalte Strategien, um das Eintreten dieser Angst zu verhindern. Können Sie überhaupt etwas tun, um dieses Szenario zu verhindern, und wenn ja, was? Wenn Sie Angst vor dem Jobverlust und einer damit einhergehenden Armut haben, bauen Sie sich zum Beispiel mittels Nebentätigkeit ein zweites finanzielles Standbein auf. Entwickeln Sie also allerhand Strategien, um das Eintreten Ihrer schlimmsten Ängste zu verhindern.
  3. Repair: Leider wird das nicht immer möglich sein. Das Schicksal geht manchmal seinen eigenen Weg und plötzlich reicht trotz zweitem Standbein das Geld nicht mehr zum Überleben, weil Sie unerwartet ein zweites Kind bekommen haben und dementsprechend Ihre Lebenshaltungskosten gestiegen sind. Was nun? Die dritte Spalte bietet Ihnen Platz für mögliche Szenarien, wenn die gefürchtete Situation trotz Ihrer „Prevent“-Strategien eingetreten ist. Überlegen Sie, wen Sie um Hilfe bitten könnten, wer Ihnen einen Kredit einräumen würde oder wie Sie Ihre Lebenshaltungskosten senken könnten. Entwickeln Sie also einen Plan B für jedes Ihrer Worst-Case-Szenarien.

Legen Sie anschließend eine zweite Seite an und überlegen Sie, welche Nachteile Sie in einigen Wochen, Monaten oder Jahren hätten, wenn Sie Ihre Vorhaben aufgrund Ihrer Angst nicht umsetzen würden – wenn Sie also nicht nach der Gehaltserhöhung fragen oder nicht in den Urlaub fliegen. Gehen Sie auch hierbei ins Detail und entwerfen Sie die Situation so realitätsnah wie möglich. Schreiben Sie also die „Kosten“ Ihrer Inaktivität auf. So überwinden Sie mit höherer Wahrscheinlichkeit Ihre Paralyse, treffen bessere beziehungsweise „mutigere“ Entscheidungen und lassen sich dabei nicht mehr von Angst leiten. Sie merken, dass die meisten Ihrer Worst-Case-Szenarien niemals eintreten werden, dass Sie diese präventiv verhindern können und für den Fall der Fälle einen Plan B haben. Abschließend zitiert Tim Ferriss:

Easy choices, hard life. Hard choices, easy life.

(Jerzy Gregorek)

Was denken Sie von dieser Strategie? Wie wichtig ist es Ihrer Meinung nach, die eigenen Ängste zu überwinden, um bessere Entscheidungen zu treffen? Und wie gelingt Ihnen das? Vielen Dank im Voraus für Ihre Kommentare und Diskussionen zum Thema?