Wer eine Psychotherapie braucht, ist krank, schwach oder sogar gestört – dieses Vorurteil hält sich in unserer Gesellschaft hartnäckig. Die Psychotherapie wird dadurch in ein Stigma verwandelt, das im Leben der Betroffenen zahlreiche Nachteile mit sich bringt, vielleicht sogar Jobchancen oder Karrieren ruiniert. Dass es sich bei der Entscheidung für eine Psychotherapie eigentlich um einen mutigen Schritt handelt, wird hingegen nur selten anerkannt – und schon garnicht im Berufsleben. Die traurige Folge: Psychotherapie wird zum Tabuthema. Wir wollen es heute brechen.

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Eine Psychotherapie kann Jobchancen ruinieren
Photo by Jose A.Thompson on Unsplash

Inhalt
1. Deutschland ist das Land der Psychotherapie
2. Ist der zweite Weltkrieg „schuld“?
3. Eine Psychotherapie kann Jobchancen ruinieren – und vieles mehr
4. Tipps: So gehen Sie mit Ihrem Stigma „Psychotherapie“ um

Deutschland ist das Land der Psychotherapie

Etwa 10.000 Psychotherapeuten, 3.11 Fachärzte für psychosomatische Medizin, 2.100 Psychoanalytiker, 14.000 Betten in Rehabilitationskliniken und 6.500 Betten in Krankenhäusern sowie Tageskliniken gibt es in Deutschland. Damit ist die Medizinlandschaft für psychische und psychosomatische Störungen besser ausgestaltet als im Rest von Europa – ja sogar der ganzen Welt. Deutschland ist das Land der Psychotherapie sowie der psychosomatischen Kliniken. Ein Titel, den wir mit Stolz tragen sollten. Denn das bedeutet nicht etwa, dass wir Deutschen so „krank“ sind wie kein anderes Volk, sondern schlichtweg, dass wir eine größere Bewusstheit bezüglich psychischer und psychosomatischer Erkrankungen und das weltweite beste Versorgungsnetzwerk haben.

Exkurs „Psychosomatik“: Als psychosomatische Störungen werden Krankheitsbilder bezeichnet, welche sich zwar körperlich äußern, die aber aus psychischen Ursachen resultieren. Die Psychosomatik beschreibt daher die Wechselwirkung zwischen körperlichen Symptomen und der Psyche eines Menschen. Dabei können psychische Störungen entweder körperliche Beschwerden verursachen, oder aber bereits bestehende Leiden verstärken. Typische psychosomatische Störungen sind zum Beispiel Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen, Schwindel oder auch Rückenschmerzen. Dennoch ist vor der Diagnose „psychosomatisch“ natürlich stets abzuklären, ob keine körperlichen Ursachen hinter dem Beschwerdebild stecken. Auslöser einer psychosomatischen Störung können Ängste, Bindungsproblematiken & Co sein, welche allerdings (noch) nicht das Maß einer psychischen Erkrankung wie einer Angststörung oder Depression erreicht haben und deshalb nicht „handfest“ diagnostiziert werden können.

Etwa 25 bis 40 Prozent aller deutschen Patienten zwischen 18 und 65 Jahren werden bei ihren Hausärzten mit behandlungsbedürften psychosomatischen Beschwerden vorstellig. Die Dunkelziffer wird von Experten noch einmal deutlich höher geschätzt. Vergleichbare Studien aus anderen Ländern liegen leider nicht vor. Es ist daher schwierig einzuschätzen, ob und inwiefern Deutsche häufiger oder schwerer unter psychischen beziehungsweise psychosomatischen Erkrankungen leiden. Fakt ist aber: Auch in anderen Gesellschaften lassen sich das steigende Bewusstsein um psychische sowie psychosomatische Krankheitsbilder sowie eine wachsende Bereitschaft zur Psychotherapie beobachten. In den USA ist der „eigene Therapeut“ mittlerweile sogar eine Art Statussymbol geworden, zumal sich hier häufig nur die reicheren Gesellschaftsschichten überhaupt eine solche Psychotherapie leisten können.

Ist der zweite Weltkrieg „schuld“?

Für die flächendeckende und „kostenlose“ Gesundheitsversorgung, auch bei psychischen und psychosomatischen Krankheitsbildern, können wir also hierzulande äußerst dankbar sein. Auch durch den öffentlichen Diskurs rücken psychische Erkrankungen wie Depressionen derzeit immer weiter in den Fokus der Gesellschaft und werden in diesem Zuge mehr und mehr akzeptiert. Dafür sind aber zudem die steigenden Zahlen an Burnout-Erkrankungen, Depressionen, Angststörungen & Co in der deutschen Gesellschaft verantwortlich, welche sich derzeit beobachten lassen. Unklar ist noch, ob diese Störbilder tatsächlich in ihrer Anzahl zunehmen, oder ob lediglich die Zahl der Diagnosen steigt, während die Dunkelziffer abnimmt.

Experten vermuten die Wahreit – wie so oft – irgendwo in der Mitte. Sie gehen sogar noch weiter und sagen: Viele der heute diagnostizierten psychischen sowie psychosomatischen Erkrankungen resultieren noch aus der deutschen Kriegsvergangenheit. Die traumatisierte Gesellschaft hat es nach dem Kriegsende verpasst, ihre Erfahrungen aufzuarbeiten und hat sie dadurch unbewusst an die nachfolgenden Generationen weitergegeben – sowohl über die Gene als auch durch Erziehung, Weltanschauungen & Co. Tatsächlich könnte also der zweite Weltkrieg, so weit er auch bereits in der Vergangenheit liegen mag, seinen Anteil zu der hohen Anzahl psychischer Erkrankungen beitragen. Gleichzeitig leiden aber natürlich auch viele Menschen unter aktuellen Entwicklungen wie dem steigenden Zeit- und Leistungsdruck im Beruf und unserer narzisstischen Leistungsgesellschaft.

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Während Soziologen, Forscher und Psychologen also auf der Suche nach den wahren Ursachen noch im Dunkeln tappen, stehen Betroffene häufig vor einem viel wichtigeren Problem: Dem Umgang mit den Konsequenzen ihrer psychosomatischen beziehungsweise psychischen Erkrankung.

Eine Psychotherapie kann Jobchancen ruinieren – und vieles mehr

Viele Menschen, die sich in psychologischer Behandlung befinden oder befanden, versuchen diese Tatsache vor ihrem sozialen Umfeld geheim zu halten. Zu groß sind die Vorurteile, die mit dem Wort „Psychotherapie“ einhergehen, und die Angst vor negativen Reaktionen. Gerade im Berufsleben gilt eine Psychotherapie unausgesprochen als „No-Go“. Wer im Job ein Burnout-Syndrom erleidet und anschließend für mehrere Wochen oder Monate ausfällt, kann seine psychische Erkrankung allerdings kaum verleugnen. Die Folge: Seine Karriere findet meist ein jähes Ende, sei es durch eine Kündigung, interne Versetzung oder ausbleibende Beförderungen.

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Fand die Psychotherapie allerdings vor Antritt der Arbeitsstelle statt oder hat Ihre psychische beziehungsweise psychosomatische Erkrankung keine direkten Auswirkungen auf ihren Beruf, sodass Sie die Behandlung nebenbei durchführen können, halten viele Betroffene sie lieber geheim. Prinzipiell müssen Sie (psychische) Erkrankungen in einer Bewerbung ohnehin nicht angeben. Weitere Informationen hierzu finden Sie im Artikel

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Doch nicht in allen Bewerbungen ist es möglich, die psychische Erkrankung geheim zu halten. Die Folge: Ihre Unterlagen werden mit großer Wahrscheinlichkeit direkt aussortiert. Wieso? Weil jeder vierte Deutsche vor seinem Renteneintritt arbeitsunfähig wird – und das hauptsächlich aufgrund psychischer Erkrankungen. Der Arbeitgeber fürchtet sich bei „vorbelasteten“ Bewerbern also vor häufigen oder langen und damit auch teuren krankheitsbedingten Ausfallzeiten. Leider gibt es auch Berufe, bei welchen die Angabe psychischer (Vor-) Erkrankungen verpflichtend ist, zum Beispiel bei der Polizei oder anderen Beamtentätigkeiten. Und das ist nicht der einzige Bereich, in welchem Menschen mit dem Stigma „Psychotherapie“ benachteiligt werden. Probleme gibt es für sie häufig auch

  • beim Abschluss von Versicherungen wie einer Berufsunfähigkeitsversicherung.
  • beim Wechsel der (privaten) Krankenversicherung.
  • bei gewissen Ausbildungen, zum Beispiel als Pilot.
  • bei der Verbeamtung trotz bereits erfolgter Ausbildung.

Tipps: So gehen Sie mit Ihrem Stigma „Psychotherapie“ um

Wenn auch Sie sich in Psychotherapie befinden oder eine psychologische Behandlung Ihren Lebenslauf schmückt, können wir Ihnen an dieser Stelle eigentlich nur gratulieren. Sich seinen (psychischen) Problemen zu stellen, sich Schwäche einzugestehen, in Selbstreflexion zu üben und als Persönlichkeit weiterzuentwickeln, das erfordert eine Menge Mut und Reife. Das sind wichtige Eigenschaften sowohl im Privatleben als auch für den Beruf. In der Gesellschaft ist es daher an der Zeit für ein Umdenken. Schlussendlich hat schließlich jeder Mensch „seine Dämonen zu tragen“ und wie in den USA auch, sollte es gesellschaftlich nicht nur akzeptiert, sondern sogar respektiert und bewundert werden, wenn sich ein Mensch dieser annimmt.

„Kannst Du das Anderssein eines anderen Menschen nicht verzeihen,
bist du noch weit ab vom Wege zur Weisheit.“
(Konfuzius)

Leider hat dieses Umdenken in Deutschland aber noch nicht stattgefunden. Bis es so weit ist, können wir Ihnen daher leider nur den Tipp auf den Weg mitgeben, Ihre Psychotherapie (im beruflichen Umfeld) so gut es geht zu verheimlichen. Sollte dies nicht möglich sein, legen Sie Ihrem Arbeitgeber glaubhaft dar, dass Ihre psychische oder psychosomatische Erkrankung keinerlei nachteilige Auswirkungen auf Ihre Arbeitsleistung hat, und holen Sie sich gegebenenfalls von Ihrem Psychotherapeuten ein schriftliches Statement bezüglich Ihres Gesundheitszustandes.

Welche Erfahrungen haben Sie bereits mit dem Thema gemacht? Befinden oder befanden Sie sich in Psychotherapie und hat sich diese negative auf Ihr Leben oder Ihren Beruf ausgewirkt? Welche Tipps haben Sie für Betroffene? Und würden Sie die Erfahrung alles in allem dennoch positiv bewerten – und wieso (nicht)? Wir freuen uns auf Ihre Beiträge und Diskussion in den Kommentaren!