„Schon als Kind wollte ich immer …“: In Motivationsschreiben übertreiben wir maßlos. Ob das Schreiben notwendig oder überflüssig ist, zeigt unser Pro-Contra-Vergleich.

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Eine „Dritte Seite“, so wird das zusätzliche Schreiben für erklärungsbedürftige Inhalte in Bewerbungen oft genannt, könnte tatsächlich eine Art „fünftes Rad am Wagen“ sein. Wir meinen damit nicht den Teil, in dem legitimerweise tatsächlich etwas aus dem Lebenslauf erklärt wird, was im ersten Teil der Bewerbung nicht so einfach zu verstehen ist. Sondern das sogenannte „Motivationsschreiben“, welches dazu dienen soll, die Intention hinter der Bewerbung zu erklären. Beides – die Dritte Seite und das fünfte Rad am Wagen – haben gemeinsam, dass sie im Grunde eines sind: überflüssig.

Nicht jeder teilt diese Meinung. Während viele Arbeitgeber und Recruiter darauf bestehen, empfinden andere es als sinnloses Beiwerk, weil ihnen Lebenslauf und Bewerbungsschreiben ausreichen. Schauen wir uns also gemeinsam die Argumente an, die für und gegen das Motivationsschreiben sprechen.

Hinweis: In diesem Kontext wird vom Motivationsschreiben als Ergänzung zum klassischen Anschreiben berichtet. Ersteres ist demnach ein Zusatz zum Bewerbungsanschreiben, welches manchmal optional oder als Pflichtteil auf Verlangen des Arbeitgebers beigefügt wird, um die eigenen Beweggründe für die Jobbewerbung zu schildern.

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Pro: Argumente, die für das Motivationsschreiben sprechen

#1: Originell bleibt in Erinnerung

Worte bleiben im Kopf und beschäftigen uns eine Weile, wenn sie uns eine originelle Geschichte erzählen. Ein Schreiben, das die eigene Motivation für eine Stelle deutlich machen soll, kann deshalb als Sprungbrett dienen, wenn das Schreiben außergewöhnlich ist.

#2: Bei Kopf-an-Kopf-Rennen dient es als Entscheidungshilfe

Bei gleicher Eignung von mehreren Jobkandidaten kommen Arbeitgeber in die Situation, ihre Entscheidungskriterien zu erweitern. Wenn mehrere Bewerber sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, kann das Motivationsschreiben zeigen, was die einen von den anderen unterscheidet. Es dient deshalb als Entscheidungshilfe in schwierigen Situationen.

#3: Arbeitgeber können die „Genauigkeit“ und „Zuverlässigkeit“ überprüfen

Wenn es beim Motivationsschreiben nicht um den Inhalt, sondern um einen Test geht, der prüft, ob Bewerber exakt arbeiten und sich alle Anforderungen durchgelesen haben, kann das Schreiben hilfreich sein. Denn in einigen Jobs sind Detailtreue und Zuverlässigkeit besonders gefragt.

Contra: Argumente, die gegen das Motivationsschreiben sprechen

#1: Wir neigen zu Übertreibungen und Beschönigung

Wer um jeden Preis aus der Masse herausstechen will, wird im Motivationsschreiben übertreiben. Denn dazu war das Schreiben ursprünglich gedacht: Es sollte eigentlich dabei helfen, geeignete Bewerber in einem Pool aus Jobkandidaten zu finden, die herausstechen.

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Also greifen wir in die Trickkiste – und das tun wir im gesamten Bewerbungsprozess. Denn Flunkern im Jobinterview ist normal; auch in Persönlichkeitstests halten wir uns nicht unbedingt zurück: Im Handelsblatt verrät Prof. Dr. Klaus Melchers von der Universität Ulm (Arbeits- und Organisationspsychologie), dass „Faking“ dazu führt, so das Ergebnis vieler Studien, besser abzuschneiden.

Es besteht also die reale Gefahr, auf ein Motivationsschreiben hereinzufallen, das nichts anderes als reine Show mit Glitzer und Konfetti ist.

#2: Ein gutes Bewerbungsschreiben genügt oft

Recruiter und Personalverantwortliche schlagen sich regelmäßig mit Bewerbungen herum. Besser als ein Motivationsschreiben ist eine gut strukturierte, knackige, transparente Bewerbung mit einem Lebenslauf, der die wichtigsten Stationen aufzählt und ein Anschreiben, das sowohl Qualifikation und Eignung als auch die Motivation des Bewerbers zusammenfasst. Punkt.

Denn wer ein gutes Bewerbungsschreiben – und natürlich einen ordentlichen Lebenslauf – vorweisen kann, hat bereits die halbe Miete bezahlt. Nur die wenigsten Personaler haben heute die Zeit, sich jede Bewerbung bis ins Detail anzuschauen, um dann in Ruhe zu entscheiden, wer zum Jobinterview eingeladen werden soll.

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Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Bewerbung mit Anschreiben und Lebenslauf der erste Schritt ist. Ob ein Kandidat tatsächlich „motiviert“ ist, finden Arbeitgeber und Jobinterviewer erst in den persönlichen Gesprächen heraus. Denn diese sind, im Vergleich zu einem Blatt Papier, meist aussagekräftiger.

#3: Arbeitnehmer wollen „schlanke“ Prozesse

Nicht nur Personalprofis sind erleichtern, wenn ihnen Kandidaten eine Bewerbung vorlegen, die schnell und einfach zu lesen sowie frei von maßloser Übertreibung und zusammenkopierten Standardfloskeln ist.

Auch potenzielle Arbeitnehmer wollen sich den Kopf nicht zerbrechen. Ein Motivationsschreiben kann zwar eine positive Herausforderung sein, weil wir unsere besten Seiten, Wünsche und Fähigkeiten aus unserem Hirn herausquetschen und diese kreativ zu Blatt bringen müssen. Dennoch befinden wir uns längst nicht mehr nur in einer Arbeitgeberwelt – und was die jüngeren Generationen sich wünschen, ist unter anderem weniger Bürokratie.

Schlanke Prozesse sind gefragt. Wenn Motivationsschreiben ohnehin im Müll landen, sind sie überflüssig. Damit sind nicht die Unternehmen gemeint, die es anders handhaben. Aber gerade in größeren Unternehmen mit komplexeren Abläufen und Strukturen wird der Motivationsschreiben-Papierkorb regelmäßig gefüttert, wenn keine Zeit, Muße und Ressource bleibt, die Schreiben zu lesen.

#4: Fake-Gefahr – Motivationsschreiben können von beauftragten Profis kommen

Machen wir uns nichts vor: Im Grunde wollen Arbeitgeber und Arbeitnehmer etwas vom jeweils anderen haben, machen aber eine riesige Sache daraus; der eine stellt Forderungen. Der andere muss versuchen, glaubhaft darzustellen, dass er diese zu 100 Prozent erfüllen wird. Der eine benötigt Personal für seinen Betrieb. Der andere benötigt eine Arbeitsstelle, um Geld zu verdienen und die Existenz zu sichern.

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Und doch glauben Unternehmen, mehr Sicherheit zu erlangen, wenn sie etwas über die „wahre“ Motivation eines Kandidaten erfahren. Also schreiben wir, dass wir schon als Kind davon träumten, eines Tages in der Buchhaltung zu landen oder das Marketing einer großen Marke zu übernehmen. Glauben wir zwar selbst nicht. Aber das Motivationsschreiben ist im Idealfall nun einmal das Verkaufsargument oder eine Art Wertversprechen, wenn wir so wollen.

Und jetzt zur unangenehmsten Nachricht: Das Problem ist, dass genau solche Motivationsschreiben einfach gekauft oder beauftragt werden können. Es ist nicht schwer, Ghostwriter und Profis dafür zu bezahlen, Standardschreiben zusammenzuschustern. Weil sie eigentlich so simpel sind. Man muss nur wissen, was gut klingt – und nicht, was wahr ist.

Welchen Wert möchten wir dem Motivationsschreiben also zuschreiben? Wie glaubhaft ist es, wenn Kandidaten deshalb sogar ein Kopf-an-Kopf-Rennen gewinnen, obwohl sie nicht ehrlich waren?

Fazit

Schauen wir uns den Pro-Contra-Vergleich zusammenfassend an, zeigt sich vor allem eine Sache: Es ist fraglich, ob ein Motivationsschreiben das richtige Instrument ist, um sich für oder gegen jemanden zu entscheiden. Und auch wenn uns dieses Schreiben wichtig ist, sagt es nichts darüber aus, was ein Jobkandidat in Zukunft für das Unternehmen leisten wird. Auch das persönliche Bewerbungsgespräch ist übrigens keine Garantie für Personaler oder Arbeitgeber, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

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Viel wichtiger ist es, sich ein Gesamtbild zu machen – von den Hard Skills, den Soft Skills, dem Auftreten, der Einarbeitungsphase, dem Fortschritt, den Schwierigkeiten. Schreibt ein Bewerber, den Job aus persönlicher Überzeugung antreten zu wollen, kann dahinter auch etwas anderes stecken. Beispielsweise die gute Bezahlung. Oder der kurze Arbeitsweg.

Es muss also kein philosophischer Essay in Form eines Motivationsschreibens sein. Aber durchaus ein originelles Anschreiben und ein durchdachter, strukturierter Lebenslauf ohne Rechtschreib- und Grammatikfehler. Manchmal sind es eben doch die kleinen Dinge, die genügen, um den entscheidenden Unterschied aufzuzeigen.

Bildnachweis: Moyo Studio/istockphoto.com