Obwohl häufig keine böse Intention dahintersteckt, klingen wir im Bewerbungsgespräch so, als würden wir was vom Pferd erzählen. Flunkern, übertreiben – oder einfach „kreativ mit der Wahrheit umgehen“: Wir alle wissen, wie es laufen kann. Wie du authentisch bleibst und trotzdem deine Stärken betonst.

„Faking“ ist keine Seltenheit

Sicherlich haben wir alle schon einmal etwas übertrieben mit der Wahrheit und diese ausgeschmückt, um an unser Ziel zu kommen. Das ist nicht verwerflich – im Gegenteil: Volker Sommer, Professor für Evolutionäre Anthropologie, beschreibt das Lügen gar als eine Art „Triebfeder der Intelligenz“ und evolutionär bedingt. Denn hinter der Kunst, eine Illusion glaubhaft hervorzurufen, stecke Unmengen an kreativer Energie. Was aber ist das Maß – vor allem im Bewerbungsgespräch?

Es ist allgemein bekannt: Wer authentisch ist, gewinnt am ehesten das Vertrauen seines Gegenübers. Und auch wenn das Ausschmücken von Wahrheiten Teil unserer Gesellschaft und tief in uns verwurzelt ist, ist es nicht immer ratsam.

Das sogenannte „Faking“ in Gesprächen geht eine Stufe weiter: Hierbei geht es nicht nur darum, ein kleines bisschen zu flunkern, sondern weitestgehend geschönte und auch falsche Informationen an den potenziellen Arbeitgeber zu übermitteln. Psychologische Forscher der Universität Ulm haben das Faking untersucht und kamen zum Entschluss, dass es manchmal sogar hilfreich ist. Denn, wie auch Anthropologe Sommer ähnlich vermutet, zeugt es von einer hohen kognitiven Leistung – und auch das schätzen Arbeitgeber und Personaler.

Es gibt aber ein Problem: „Fake it till you make it“ funktioniert nicht immer – und oft nur auf Zeit. Denn früher oder später merken unsere Chefs, dass wir doch nicht so „motiviert, flexibel, teamfähig, belastbar“ und eigentlich einfach perfekt sind, wie wir es geschildert haben. Wir sind schließlich Menschen – und keine Maschinen. Warum also nicht lieber bei der „ungeschönten“ Wahrheit bleiben und diese dennoch authentisch verkaufen? Und vor allem: Was ist der Schlüssel? Wie machen wir das?

Die „intrinsische Motivation“: Innerer Antrieb bringt uns weiter

JT O’Donnell, Karrierecoach und Autorin mit mehr als 15 Jahren Berufserfahrung, rät Bewerbern dazu, ihre sogenannte „intrinsische Motivation“ zu kennen, also die eigenen inneren Wünsche, nicht von außen beeinflusst – und diese im Gespräch zu beleuchten. Dabei solltest du dir selbst folgende Fragen beantworten können:

  • Was bereitet dir Freude im Leben?
  • Wofür stehst du morgens gerne auf?
  • Welche tieferen (nicht materiellen) Wünsche treiben dich an?
  • Welche Ziele verfolgst du für dein persönliches Wachstum?

Mit alten Floskeln und gängigen Antworten, die wir vor Bewerbungsgesprächen einüben, ist es nicht getan. Vielmehr geht es darum, dem Arbeitgeber ehrlich zu vermitteln, was unsere Ziele im Leben sind und warum unsere Motivation so gut zur Stelle passt. Anstatt das Unternehmen in den Himmel zu loben.

Aber: Was genau ist mit intrinsischer Motivation gemeint? Die Psychologin Prof. Dr. Marie Hennecke erforscht seit vielen Jahren das menschliche Handeln und warum wir das tun, was wir tun. Dazu gehört auch die sogenannte intrinsische Motivation, welche sich von der extrinsischen unterscheidet. Den Forschungstheorien nach sei die intrinsische Motivation demnach der „stärkere“ Faktor. Diese Motivation käme von innen.

Das heißt: Wer intrinsisch motiviert handelt, tut das auch ohne Ziele wie Lob, Anerkennung oder Geld im Fokus zu haben.

Lese-Tipp: Kein Lob? Keine Anerkennung? 8 indirekte Anzeichen, dass Dein Chef Dich trotzdem mag

Das Interesse an der Aufgabe steht im Vordergrund. Extrinsisches Handeln ist das Gegenteil – denn hier geht es darum, etwas als Gegenleistung zu erhalten. Fehlt die intrinsische Motivation, also der innere Antrieb, verlieren wir womöglich schnell das Interesse. Im Umkehrschluss bedeutet das auch, dass ausschließlich extrinsisch motivierte Menschen einen kurzen Atem haben könnten und sich später doch wieder umentscheiden. Und das wollen Personaler bekanntlich vermeiden. Schließlich suchen Unternehmen in der Regel motivierte Mitarbeiter, die bleiben wollen – auch in schwierigen Zeiten.

Einige Beispiele zur Verdeutlichung

Um besser zu verstehen, was hinter einer intrinsischen Motivation stecken kann, haben wir hier einige typische Beispiele zusammengefasst, bei denen wir oft aus einem inneren Antrieb heraus handeln:

  • aus Interesse einer Freizeitbeschäftigung nachgehen
  • Sport machen, weil es dich innerlich erfüllt
  • ehrenamtlich tätig sein, um zu helfen
  • deine eigenen vier Wände aufräumen, weil du es gerne ordentlich hast
  • einem Job nachgehen, weil er dir Freude bereitet

Und was wären extrinsische Einflussfaktoren, von denen wir in einer Bewerbung lieber absehen sollten? Hier einige Beispiele:

  • Geld
  • Belohnungen
  • Prestige
  • Macht

Fakt ist: Wir alle sehnen uns nach Anerkennung und werden auch kaum einen Job annehmen, ohne dass auch extrinsische Reize damit verbunden sind. Anders sollte es nicht sein – denn damit laufen wir Gefahr, uns doch unter unserem eigentlichen Wert zu verkaufen. Zusammenfassend bedeutet es, dass zwar innere und äußere Einflussfaktoren eine Rolle spielen. Aber du entscheidest, was du davon im Bewerbungsgespräch präsentierst.

Emotional überzeugen und Vertrauen gewinnen – aber ohne Seelenstriptease

Übrigens: Wer über seine intrinsische Motivation redet, berührt sicherlich auch auf emotionaler Ebene. Mit unserem inneren Antrieb sprechen wir schließlich ehrliche Wünsche und Sehnsüchte an – und für Personaler, die es tagtäglich mit „eingeübten Floskeln“ zu tun haben, kann das erfrischend sein.

Lese-Tipp: Mit diesen 13 Adjektiven schießt du dich im Bewerbungsprozess selbst ins Aus

Natürlich sollten wir nicht unser ganzes Seelenleben offenlegen. Es geht immer noch um einen Job und nicht um eine Liebesbeziehung. Aber auch Arbeitgeber möchten deine ehrlichen Absichten kennen, um dir vertrauen zu können. Deshalb ist das richtige Maß gefragt.

Unser Tipp: Schnappe dir deine beste Freundin oder deinen Kumpel und sprich über deine persönlichen Wünsche und deinen Antrieb. Sobald wir unsere Gedanken aussprechen, können wir uns auch besser sortieren. So filterst du heraus, was zu deiner intrinsischen Motivation gehört.


Fazit: Um im Bewerbungsgespräch authentisch zu sein, sollten wir immer versuchen, bei der Wahrheit zu bleiben. Klar – hier und da ist es schon in Ordnung, auch mal etwas zu flunkern. Beachte aber, dass du Gefahr läufst, aufzufliegen. Deshalb gilt: Lerne dich selbst besser kennen und erörtere, was dich innerlich antreibt. Intrinsische Motivation ist das Stichwort. Wenn du dich gut kennst, kannst du dich gut verkaufen – ohne „unecht“ zu wirken.

Bildnachweis: Orbon Alija/istockphoto.com