Transparente Gehälter – das ist ein Thema, welches in der Theorie zwar schön klingt, in der Praxis bislang aber nur selten Umsetzung findet. Doch die Diskussion um die „Gender Pay Gap“ ist brisant und wird derzeit durch den Internet-Giganten „Google“ zusätzlich angefeuert: Bis zu 40 Prozent Gehaltsunterschied soll es zwischen Männern und Frauen hier geben, doch das Unternehmen sträubt sich gegen die geforderte Offenlegung. Die Ausreden: kläglich! Die Frage, welche im Raum steht: Wann wird die Gehaltstransparenz endlich obligatorisch – in Deutschland, den USA und dem Rest der Welt?

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Inhalt
1. Ein harter Vorwurf: Google diskriminiert Frauen!
2. Definition: Gender Pay Gap
3. Hat Google finanzielle Probleme oder steckt doch mehr dahinter?
4. Transparente Gehälter: Ein Konzept nur für Mutige?
5. Vorteile: Ein Plädoyer für mehr Gehaltstransparenz
6. Gehälter dürfen kein Tabuthema mehr sein
7. Ein erster Schritt in die richtige Richtung: Das Entgelttransparenzgesetz
8. Können Mitarbeiter ihre Gehälter bald selbst bestimmen?

Ein harter Vorwurf: Google diskriminiert Frauen!

Als Tochterunternehmen der US-amerikanischen Firma Alphabet Inc. ist Google eine der weltweit größten Mächte des World Wide Webs – wenn nicht sogar die größte. Der Suchmaschinenriese genoss bislang international ein hervorragendes Image als attraktiver Arbeitgeber. Wer bei Google arbeitet, „hat es geschafft“. Momentan steht Google aber eher als Paradebeispiel dafür, wie schnell sich ein Image vom Positiven ins Negativ wandeln kann. Denn das Unternehmen weigert sich, seine Gehälter offenzulegen und sieht sich einem schweren Vorwurf ausgesetzt: Google diskriminiere Frauen und zahle ihnen bis zu 40 Prozent geringere Gehälter als Männern mit gleichwertiger Qualifikation und Position, so der Vorwurf einiger Kritiker.

Infografik: Was man bei Google verdienen kann | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Bei einem Blick auf die Plattform Glassdoor, wo Mitarbeiter ihre Gehälter anonym melden können, lockt der Arbeitgeber Google erst einmal mit hohen Gehältern von bis zu 320.000 US-Dollar pro Jahr. Doch auf den zweiten Blick eröffnet sich eine weitere und deutlich weniger schöne Erkenntnis: Die Gehälter von Frauen liegen bei Google im Schnitt 16 bis 40 Prozent unter jenen von Männern in derselben Position. Die Debatte um die „Gender-Pay-Gap“ ist damit neu entfacht.

Definition: Gender Pay Gap

Als „Gender Pay Gap“ oder „Gender Wage Gap“ wird der Verdienstunterschied zwischen Frauen und Männern in unserer westlichen Industriegesellschaft bezeichnet. In Deutschland verdient der weibliche Bevölkerungsanteil im Durchschnitt 21 Prozent weniger als der männliche. Die Gründe hierfür sind vielfältig:

Infografik: Weshalb Frauen weniger Geld verdienen | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Viele Frauen stoßen in ihrer Karriere ab einer bestimmten hierarchischen Stufe immer noch an eine gläserne Decke, vor allem, wenn sie sich eine Kombination von Beruf und Familie wünschen – anstelle eines Entweder-oders.

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Lese-Tipp: „Kinder – Das Aus für die Karriere?

Das wirklich Erschreckende an der Gender-Pay-Gap ist aber nicht nur, dass Frauen in ihrer Karrierelaufbahn mehr Steine in den Weg gelegt werden als Männern, sondern dass diese sogar dann noch finanziell benachteiligt werden, wenn sie sich dennoch auf dieselbe Stufe hochgekämpft haben. Fakt ist nämlich: Selbst bei vergleichbarer Qualifikation sowie in selbiger Position verzeichnen in vielen deutschen Unternehmen Frauen ein geringeres Gehalt als Männer.

Infografik: So viel verdienen Frauen weniger | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Dass es sich dabei aber längst nicht nur um ein deutsches Problem handelt, macht der Fall Google jetzt deutlich. 16 bis 40 Prozent weniger Gehalt soll der Internetriese den Frauen zahlen – das ist ein schwerwiegender Vorwurf.

Hat Google finanzielle Probleme oder steckt doch mehr dahinter?

Nehmen wir einmal an, gegen Sie würden solch harsche Vorwürfe die Runde machen. Was würden Sie tun? Lassen Sie uns raten: Sie würden sofort die Gehälter offenlegen, um der üblen Nachrede ein Ende zu bereiten. Dass Google das jedoch nicht tut, sich im Gegenteil sogar gegen die vom US-Arbeitsministerium geforderte Offenlegung sträubt, lässt mit gesundem Menschenverstand nur einen Schluss zu: Ganz haltlos scheinen die Diskriminierungsvorwürfe nicht zu sein.

Infografik: Google wird reicher und reicher | Statista Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Alles Humbug, verteidigt sich der Konzern. Die Begründung: Eine Offenlegung der Gehälter sei schlichtweg zu teuer. 100.000 US-Dollar würde die Gehaltstransparenz kosten, rechnet der Konzern vor, und das sei schlichtweg zu teuer. Bei einem Suchmaschinenmarktanteil von 94,52 Prozent sowie einem Umsatz von 89,5 Milliarden US-Dollar pro Jahr erscheint das wie eine eher lächerliche Summe. Der bittere Nachgeschmack bleibt und die ganze Welt beobachtet gespannt die laufende Gerichtsverhandlung.

Transparente Gehälter: Ein Konzept nur für Mutige?

Warum nicht gleich transparent? Das ist eine durchaus berechtigte Frage, die jetzt immer mehr Arbeitnehmer in den Raum werfen. In vielen Branchen gelten ohnehin mittlerweile tarifliche Regelungen für die Festlegung der Gehälter – und zwar gleichgeschlechtlich.

Lese-Tipp: „Gehaltsstudie: Wie viel verdient Deutschland?

Einige Unternehmen setzen mittlerweile sogar auf eine vollständige Transparenz, und zwar mit oder ohne Tarifvertrag. Wer wissen möchte, was der Praktikant, die Kollegin oder Manager verdienen, kann dies ganz einfach im Internet oder Intranet nachlesen. Konservativen Unternehmen, die ihren Mitarbeitern im Arbeitsvertrag noch verbieten, mit Dritten über ihre Gehälter zu sprechen, rollen sich bei diesem Gedanken die Fußnägel hoch. Neid und Missgunst könnten die Arbeitsatmosphäre vergiften, wenn ein Mitarbeiter sich ungerecht behandelt fühlt. Wir fragen: Wieso sollte er das, wenn er gerecht bezahlt wird – beziehungsweise sie?

Vorteile: Ein Plädoyer für mehr Gehaltstransparenz

Eine fehlende Transparenz bezüglich der Gehälter schreit stets nach Ungerechtigkeit, wie der Fall Google jetzt beweist. Allein dieser Gedanke kann die Arbeitsatmosphäre vergiften – auch, wenn die Bezahlung im Unternehmen vielleicht vollkommen fair abläuft.

Wer etwas geheim hält, hat etwas zu verbergen.

So lautet nun einmal die landläufige Meinung und diese hat gewiss ihren wahren Kern. Für immer mehr innovative Unternehmen und kreative Startups ist vollkommene Gehaltstransparenz deshalb ein wichtiger Faktor ihres Employer Brandings. Und in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels werden auch die anderen Unternehmen früher oder später nachziehen müssen.

Lese-Tipp: „Employer Branding: Wie der Arbeitgeber zur Marke wird

Denn die Arbeitnehmer erlangen mehr und mehr Macht, rücken in eine bessere Verhandlungsposition und fordern die Gehaltstransparenz ein – sowohl die Frauen als auch die Männer. Die Einzigen, die sich dagegen wehren, sind die wohlsituierten Fach- und Führungskräfte, welche viel zu gut bezahlt sind und um diese Ungerechtigkeit auch wissen. Überzogene Managergehälter sind in Deutschland seit längerer Zeit ein offenes Geheimnis. Gut, dass das „Proletariat“ sich nun endlich zu wehren beginnt. Denn die Erfahrung zeigt, dass transparente Gehälter eigentlich nur Vorteile mit sich bringen – und davon nicht gerade wenige:

  • Die Ehrlichkeit des Arbeitgebers erwirkt Vertrauen bei den Mitarbeitern.
  • Das steigert ihre Loyalität und Unternehmenstreue.
  • Die Arbeitnehmer empfinden ein hohes Maß an Fairness und Selbstbestimmung.
  • Geringverdiener können Gehaltsunterschiede besser nachvollziehen.
  • Sie wissen also exakt, weshalb sie weniger verdienen, und demnach auch, wie sie auf die nächste Gehaltsstufe gelangen können.
  • Die Mitarbeiter erhalten also quasi einen „Leitfaden“ für ihre Karriere an die Hand.
  • Dadurch steigt ihre Motivation.
  • Ein gesunder Wettbewerb zwischen den Teammitgliedern kann positive Dynamiken in Schwung bringen – ist aber mit Vorsicht zu genießen.
  • Es gibt weder zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern noch zwischen den Mitarbeitern Geheimnisse, was die Arbeitsatmosphäre verbessert und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkt.
  • Und zuletzt verhindert Gehaltstransparenz schlicht und ergreifend die Diskriminierung von Frauen, Minderheiten oder einzelnen Mitarbeitern.

Die folgende Infografik “10 wichtige Vorteile der Gehaltstransparenz” können Sie hier downloaden.

Infografik zu den Vorteilen transparenter Gehälter
Bild: Arbeits-ABC/Canva.com

Gehälter dürfen kein Tabuthema mehr sein

Unternehmen mit vollständiger Gehaltstransparenz gelten in Deutschland immer noch als „mutige Vorreiter“. Dabei ist die Offenlegung der Gehälter in vielen anderen Ländern gar nicht so unüblich. Eigentlich sogar in fast allen anderen Ländern. Eine Studie der Postbank fand nämlich heraus, dass sich kein anderes Land auf der Welt so schwer damit tut, über Geld zu sprechen. Einzig und allein in Deutschland scheinen Gehälter ein gesellschaftliches Tabuthema sein. Zumindest in finanzieller Hinsicht wachsen wir hierzulande in einer Kultur des Schweigens auf. Es ist an der Zeit, dieses Schweigen zu brechen und die Gehaltstransparenz per Gesetz verpflichtend einzuführen. Aber wie realistisch ist diese Forderung?

Ein erster Schritt in die richtige Richtung: Das Entgelttransparenzgesetz

Allzu unrealistisch scheint sie nicht zu sein, schließlich steht das Thema bereits auf der politischen Agenda. Der Entwurf zum Entgelttransparenzgesetz wurde vom Bundesrat gebilligt und wird voraussichtlich Ende Juni bis Anfang Juli des Jahres 2017 in Kraft treten. Es soll endlich für mehr Lohngerechtigkeit zwischen den Geschlechtern sorgen. Mitarbeiter können fortan Informationen zu den Kriterien einholen, welche über ihre Bezahlung bestimmen – aber eben nur auf Anfrage, nur bei Betrieben mit mehr als 200 Beschäftigten und nur für ihr eigenes Gehalt. Die Hauptgründe, weshalb das Gesetz auch eine Menge Kritik erntet. Unternehmen mit 500 oder mehr Mitarbeitern sind wenigstens verpflichtet, zusätzlich über den Stand der Entgeltgleichheit in ihrem Betrieb zu berichten. Als einen Durchbruch bezeichnet Familienministerin Manuela Schwesig das Gesetz. Wir finden: Es ist ein Durchbruch mit Lücken, aber zumindest ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Können Mitarbeiter ihre Gehälter bald selbst bestimmen?

Innovativ und kreativ ist die Gehaltstransparenz heutzutage eigentlich nicht mehr. Deutschland hat stattdessen gegenüber anderen Ländern großen Nachholbedarf. Wirklich innovative und kreative Unternehmen gehen derweil bereits einen Schritt weiter und leben nicht nur eine Gehaltstransparenz, sondern eine Art Gehaltsdemokratie. Im Berliner Startup „Einhorn“ beispielsweise, stimmen die Mitarbeiter halbjährlich über ihr Gehalt ab und verteilen Gehaltserhöhungen im Kollektiv.

Lese-Tipp: „Gehaltserhöhung: Die besten Tipps für Ihre Gehaltsverhandlung

Ob die Gehaltsdemokratie bald flächendeckend Einzug halten wird, ist fraglich. Die Offenlegung der Gehälter ist jedoch ein Thema, an welchem deutsche Unternehmen auf lange Sicht nicht vorbeikommen werden – und Google hoffentlich auch nicht.

Was denken Sie? Ist die Offenlegung der Gehälter Google wirklich zu teuer oder ist etwas dran an den Diskriminierungsvorwürfen? Plädieren Sie auch selbst für mehr Gehaltstransparenz in Deutschland und wieso – nicht? Diskutieren Sie mit uns in den Kommentaren!

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