Jeder Mensch hat Probleme. Mal mögen sie größer sein und mal kleiner, mal wichtiger und mal unwichtiger, mal selbstverschuldet und mal fremdverschuldet. Fakt ist aber: Einen Menschen ohne Probleme gibt es auf dieser Welt wohl nicht. Wichtiger als die Vermeidung von Problemen ist daher der richtige Umgang mit ihnen. Du kannst Dich den Problemen stellen, sie dramatisieren, in Selbstmitleid versinken oder nach einer zielgerichteten Lösung suchen. Oder aber Du steckst sprichwörtlich den Kopf in den Sand und verfolgst die berühmte „Vogel-Strauß-Taktik“.

Anzeige

Definition: „Vogel-Strauß-Taktik“ – Was ist der „Ostrich Effect“?

Die „Vogel-Strauß-Taktik“ wird auf Englisch auch als „Ostrich Effect“ betitelt und bezeichnet das Phänomen, dass viele Menschen versuchen, Probleme zu lösen, indem sie diese ignorieren. Sie versuchen gemäß dem Motto

„Ich sehe Dich nicht, also siehst Du mich auch nicht“

den Problemen so lange aus dem Weg zu gehen, bis diese sich quasi von selbst auflösen, anstatt sich ihnen zu stellen. Dass das in den meisten Fällen allerdings nicht funktioniert, liegt auf der Hand. Zwar wird sich Dein Problem, dass es heute regnet, obwohl Du baden gehen wolltest, früher oder später in Luft auflösen, ein Konflikt am Arbeitsplatz aber, wird meist nur schlimmer, je länger Du ihn ignorierst. Die „Vogel-Strauß-Taktik“ kann deshalb zwar bei kleinen und unwichtigen Problemen sinnvoll sein, die es nicht wert sind, sich darüber aufzuregen oder überhaupt Gedanken zu machen. In den meisten Fällen verschlimmert der „Ostrich Effect“ die Situation aber nur. Wann es also sinnvoll ist,

Anzeige

„den Kopf in den Sand zu stecken“,

und wann nicht – genau diese Einzelfallentscheidung gilt es zu erlernen. Diese Redewendung sowie die Bezeichnung der „Vogel-Strauß-Taktik“ stammen übrigens aus dem Altertum. Damals entstand der weit verbreitete Irrtum, ein Strauß stecke den Kopf in den Sand, sobald ihm Gefahr drohe.

Exkurs: Steckt der Vogel Strauß wirklich seinen Kopf in den Sand?

Das stimmt natürlich nicht! Allerdings heben Strauße ihre Nahrung mit dem Schnabel vom Boden auf, weshalb sie oft mit dem Kopf in der Nähe des Bodens sind. Für die Menschen ist es dann aus einer gewissen Entfernung häufig nicht mehr möglich, den Kopf zu sehen, weil er entweder hinter dem Gras, einem Sandhügel oder der Luftspiegelung verschwindet. Dadurch sieht es tatsächlich so aus, als stecke der Strauß seinen Kopf in den Boden beziehungsweise in den Sand. Zudem können Strauße zwar bis zu 70 km/h schnell rennen, neigen in ihrer Nestbauphase aber stattdessen dazu, sich flach auf ihr Nest beziehungsweise ihre Eier zu legen, um diese zu schützen, sobald Gefahr droht. Wer das allerdings nicht weiß, hält das Verhalten des Vogels für unvernünftig, unlogisch oder auch ziemlich dumm.

Der „Ostrich Effect“ aus finanzieller Sicht

Zwar ist „Ostrich“ die englische Bezeichnung für den Vogel Strauß, dennoch ist der „Ostrich Effect“ im englischsprachigen Raum noch etwas näher definiert als die deutsche „Vogel-Strauß-Taktik“. Der Begriff wurde im Jahr 2006 von Dan Galai und Orly Sade geprägt und definiert als:

„The avoidance of apparently risky financial situations by pretending they do not exist.“
(Quelle: Journal of Business)

Der „Ostrich Effect“ beschreibt also konkret das Verhalten von Investoren, negative Prognosen oder Warnzeichen gezielt zu übersehen, obwohl diese sie vor finanziellen Verlusten schützen könnten. Die Betroffenen gaukeln sich also schlichtweg selbst vor, die offensichtliche Gefahr bestünde nicht. Niklas Karlsson, George Loewenstein und Duane Seppi konkretisierten den „Ostrich Effect“ im Jahr 2009 weiterhin als:

Anzeige

„Avoiding to expose oneself to information that one fear may cause psychological discomfort.“
(Quelle: Journal of Risk and Uncertainty)

Sie fanden zum Beispiel heraus, dass Skandinavier sich um bis zu 80 Prozent seltener über den Wert ihrer Investitionen informieren, wenn der Markt gerade schlecht steht. Es geht also nicht mehr nur darum, negative Informationen (bezüglich Finanzen) zu ignorieren und dadurch das Problem zu vermeiden, sondern von Vornherein sogar die Information an sich zu vermeiden, um überhaupt nicht in die unangenehme psychologische Situation zu kommen, sich einer Gefahr ausgesetzt zu sehen und diese zu ignorieren.

Denn so „dumm“ Du Dich auch stellen magst: Eigentlich weißt Du ganz genau, dass Du gerade die „Vogel-Strauß-Taktik“ anwendest und oberhalb des Sandes eine Gefahr beziehungsweise ein Problem lauert.

Der „Ostrich Effect“ ist deshalb auch – aber längst nicht nur – auf Investoren und finanzielle Entscheidungen anzuwenden.

Tipps: Kopf aus dem Sand! So machest Du Schluss mit der „Vogel-Strauß-Taktik“

Sowohl im Berufs- als auch im Privatleben ist der beste Tipp, den wir Dir mit auf den Weg geben können, deshalb: Stelle Dich Deinen Problemen! Nehme den Kopf aus dem Sand, blicke dem Problem ins Auge und überprüfe dann, ob es sich von selbst in Luft auflösen wird oder ob Du es aktiv anpacken müssen.
Allerdings ist das nicht immer so einfach wie gesagt, denn viele Menschen wollen oder können Probleme eben einfach nicht sehen. Manchmal stecken Ängste dahinter, manchmal fehlende Empathie und manchmal hast Du es auch einfach bisher im Leben noch nicht gelernt. Hilfreich kann dann die Hilfe eines Therapeuten sein.

Lese-Tipp: Empathie: Warum dieser Soft Skill so wichtig ist und wie Sie ihn trainieren können

„Typische“ Probleme im Arbeitsleben, die aufgrund der „Vogel-Strauß-Taktik“ häufig übersehen werden, sind zum Beispiel:

Anzeige

Problem #1: Du bist zu „nett“

Klingt seltsam? Menschen, die immer nett, gut gelaunt und am Lächeln sind, sind häufig Meister der Verdrängung. Du schweigst Probleme und Konflikte solange in Grund und Boden, bis sie sich nicht mehr vermeiden lassen. Doch dann ist eben dieser Boden häufig bereits verbrannt oder Konflikte sitzen zu tief, um noch aus dem Weg geräumt werden zu können. Wenn Du also bei dir selbst solche Verdrängungsmechanismen beobachtest, lässt das auf die „Vogel-Strauß-Taktik“ schließen.

Lösung: Prüfe, ob es im Team unterschwellige Konflikte oder sonstige Probleme gibt, die dringend angesprochen werden müssen. Wenn nicht: Super! Wenn doch: Suche vorsichtig entweder das Vieraugengespräch mit dem Betroffenen oder aber spreche Dein Anliegen im nächsten Teammeeting an. Bleibe dabei konstruktiv und zielorientiert. Werde niemals emotional und verstricke Dich nicht in Vorwürfen oder Selbstmitleid. Lerne stattdessen, bestimmt Grenzen zu setzen und auch hin und wieder „Nein“ zu sagen.

Lese-Tipp:Lernen Sie, Nein zu sagen: Grenzen setzen im Beruf, ohne zu verletzen

Problem #2: Du schiebst die Schuld immer auf andere

Du bist nicht zu nett, sondern legst Dichich im Gegenteil gerne mit allem und jedem an? Oder aber Du setzt ein gekünsteltes Lächeln auf und grollst innerlich? Natürlich gibt es sie, die nervigen, narzisstischen, unverschämten, egoistischen oder einfach viel zu lauten Kolleginnen und Kollegen. Wenn Du allerdings bemerkst, dass Du gleich mit mehreren – vielleicht sogar allen – Personen im Büro ein Problem hast, Dich ständig über andere aufregst und dabei niemals den Fehler bei Dir selbst siehst, schreit auch das stark nach dem „Ostrich Effect“.

Lösung: Übe Dich in Selbstreflexion, um einmal einen ehrlichen Blick auf Deine Rolle in den Konflikten zu werfen. Wenn Du nämlich immer wieder dieselben Probleme mit unterschiedlichen Personen hast – oder einfach viele Probleme mit vielen Menschen – liegt die Vermutung nahe, dass Du an dieser Situation nicht ganz unschuldig bist. Auch hier kann eine Psychotherapie kleine Wunder bewirken, um einmal einen objektiveren Blick auf Deine Situation zu erhalten und gegebenenfalls problematische Verhaltensweisen zu entdecken sowie zu ändern.

Anzeige

Problem #3: Du bearbeitest die „falschen“ Probleme

„Vogel-Strauß-Taktik“? Nein, die wendest Du nicht an! Schließlich stellst Du dich ja Deinen Problemen – denkst Du zumindest. Das Fiese am „Ostrich Effect“ ist, dass Menschen dazu neigen, sich kleineren oder „weniger gefährlichen“ Problemen zuzuwenden, sprich denjenigen, die weniger große Ängste, Selbstzweifel oder auch seelische Schmerzen hervorrufen, um dadurch den wirklich wichtigen Problemen aus dem Weg zu gehen. Du versuchst Dein Gewissen also in einer Art Prokrastination durch „Verdrängungsprobleme“ zu beruhigen, während Du aber bei den wirklich wichtigen Dingen dennoch die „Vogel-Strauß-Taktik“ anwendest.

Lösung: Lege einmal eine Liste all jener Probleme an, die Du in der jüngeren Vergangenheit gelöst hast oder an deren Lösung Du aktuell sitzt. Werfe anschließend einen ehrlichen Blick auf die Liste und ergänze sie um all jene Probleme, die Du (bislang) ungeachtet lässt. Teile diese nun in zwei Kategorien ein:

  1. Du unterlässt die Lösung des Problems, da es unwichtig ist und sich – wie bereits beschrieben – von selbst in Luft auflösen wird oder
  2. Du unterlässt die Lösung des Problems aufgrund der „Vogel-Strauß-Taktik“.

Die Probleme der Kategorie 1 kannst Du nun auf eine Beobachtungsliste setzen. Entweder sie sind irgendwann von selbst verschwunden oder sie verstärken sich und haben dann trotzdem Problemlösungsbedarf. Die Probleme der Kategorie 2 kommen hingegen ganz oben auf Deine To-Do-Liste!

Lese-Tipp:Prokrastination: Die 6 besten Tipps gegen Aufschieberitis

Welche weiteren typischen Beispiele einer „Vogel-Strauß-Taktik“ kennst Du – entweder aus eigener Erfahrung oder als Beobachter? Hast Du Tipps, Knowhow oder sonstige Anregungen zum Thema, die Du gerne ergänzen würdest? Dann bedanken wir uns für Deinen Input in den Kommentaren!

Anzeige

Bildnachweis: Moriz/Shutterstock.com

Newsletter

Für alle, die im JOB immer UP-TO-DATE sein wollen. Einmal wöchentlich, kostenlos und direkt in Deine Mailbox.

Du hast Dich erfolgreich eingetragen!