Jeder Mensch hat Probleme. Mal mögen sie größer sein und mal kleiner, mal wichtiger und mal unwichtiger, mal selbstverschuldet und mal fremdverschuldet. Fakt ist aber: Einen Menschen ohne Probleme gibt es auf dieser Welt wohl nicht. Wichtiger als die Vermeidung von Problemen ist daher der richtige Umgang mit ihnen. Sie können sich den Problemen stellen, sie dramatisieren, in Selbstmitleid versinken oder nach einer zielgerichteten Lösung suchen. Oder aber Sie stecken sprichwörtlich den Kopf in den Sand und verfolgen die berühmte „Vogel-Strauß-Taktik“.

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Inhalt
1. Definition: „Vogel-Strauß-Taktik“ – Was ist der „Ostrich Effect“?
2. Exkurs: Steckt der Vogel Strauß wirklich seinen Kopf in den Sand?
3. Der „Ostrich Effect“ aus finanzieller Sicht
4. Tipps: Kopf aus dem Sand! So machen Sie Schluss mit der „Vogel-Strauß-Taktik“
5. Problem #1: Sie sind zu „nett“
6. Problem #2: Sie schieben die Schuld immer auf andere
7. Problem #3: Sie bearbeiten die „falschen“ Probleme

Definition: „Vogel-Strauß-Taktik“ – Was ist der „Ostrich Effect“?

Die „Vogel-Strauß-Taktik“ wird auf Englisch auch als „Ostrich Effect“ betitelt und bezeichnet das Phänomen, dass viele Menschen versuchen, Probleme zu lösen, indem sie diese ignorieren. Sie versuchen gemäß dem Motto

„Ich sehe Dich nicht, also siehst Du mich auch nicht“

den Problemen so lange aus dem Weg zu gehen, bis diese sich quasi von selbst auflösen, anstatt sich ihnen zu stellen. Dass das in den meisten Fällen allerdings nicht funktioniert, liegt auf der Hand. Zwar wird sich Ihr Problem, dass es heute regnet, obwohl Sie baden gehen wollten, früher oder später in Luft auflösen, ein Konflikt am Arbeitsplatz aber, wird meist nur schlimmer, je länger Sie ihn ignorieren. Die „Vogel-Strauß-Taktik“ kann deshalb zwar bei kleinen und unwichtigen Problemen sinnvoll sein, die es nicht wert sind, sich darüber aufzuregen oder überhaupt Gedanken zu machen. In den meisten Fällen verschlimmert der „Ostrich Effect“ die Situation aber nur. Wann es also sinnvoll ist,

„den Kopf in den Sand zu stecken“,

und wann nicht – genau diese Einzelfallentscheidung gilt es zu erlernen. Diese Redewendung sowie die Bezeichnung der „Vogel-Strauß-Taktik“ stammen übrigens aus dem Altertum. Damals entstand der weit verbreitete Irrtum, ein Strauß stecke den Kopf in den Sand, sobald ihm Gefahr drohe.

Exkurs: Steckt der Vogel Strauß wirklich seinen Kopf in den Sand?

Das stimmt natürlich nicht! Allerdings heben Strauße ihre Nahrung mit dem Schnabel vom Boden auf, weshalb sie oft mit dem Kopf in der Nähe des Bodens sind. Für die Menschen ist es dann aus einer gewissen Entfernung häufig nicht mehr möglich, den Kopf zu sehen, weil er entweder hinter dem Gras, einem Sandhügel oder der Luftspiegelung verschwindet. Dadurch sieht es tatsächlich so aus, als stecke der Strauß seinen Kopf in den Boden beziehungsweise in den Sand. Zudem können Strauße zwar bis zu 70 km/h schnell rennen, neigen in ihrer Nestbauphase aber stattdessen dazu, sich flach auf ihr Nest beziehungsweise ihre Eier zu legen, um diese zu schützen, sobald Gefahr droht. Wer das allerdings nicht weiß, hält das Verhalten des Vogels für unvernünftig, unlogisch oder auch ziemlich dumm.

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Der „Ostrich Effect“ aus finanzieller Sicht

Zwar ist „Ostrich“ die englische Bezeichnung für den Vogel Strauß, dennoch ist der „Ostrich Effect“ im englischsprachigen Raum noch etwas näher definiert als die deutsche „Vogel-Strauß-Taktik“. Der Begriff wurde im Jahr 2006 von Dan Galai und Orly Sade geprägt und definiert als:

„The avoidance of apparently risky financial situations by pretending they do not exist.“
(Quelle: Journal of Business)

Der „Ostrich Effect“ beschreibt also konkret das Verhalten von Investoren, negative Prognosen oder Warnzeichen gezielt zu übersehen, obwohl diese sie vor finanziellen Verlusten schützen könnten. Die Betroffenen gaukeln sich also schlichtweg selbst vor, die offensichtliche Gefahr bestünde nicht. Niklas Karlsson, George Loewenstein und Duane Seppi konkretisierten den „Ostrich Effect“ im Jahr 2009 weiterhin als:

„Avoiding to expose oneself to information that one fear may cause psychological discomfort.“
(Quelle: Journal of Risk and Uncertainty)

Sie fanden zum Beispiel heraus, dass Skandinavier sich um bis zu 80 Prozent seltener über den Wert ihrer Investitionen informieren, wenn der Markt gerade schlecht steht. Es geht also nicht mehr nur darum, negative Informationen (bezüglich Finanzen) zu ignorieren und dadurch das Problem zu vermeiden, sondern von Vornherein sogar die Information an sich zu vermeiden, um überhaupt nicht in die unangenehme psychologische Situation zu kommen, sich einer Gefahr ausgesetzt zu sehen und diese zu ignorieren.

Denn so „dumm“ Sie sich auch stellen mögen: Eigentlich wissen Sie ganz genau, dass Sie gerade die „Vogel-Strauß-Taktik“ anwenden und oberhalb des Sandes eine Gefahr beziehungsweise ein Problem lauert.

Der „Ostrich Effect“ ist deshalb auch – aber längst nicht nur – auf Investoren und finanzielle Entscheidungen anzuwenden.

Tipps: Kopf aus dem Sand! So machen Sie Schluss mit der „Vogel-Strauß-Taktik“

Sowohl im Berufs- als auch im Privatleben ist der beste Tipp, den wir Ihnen mit auf den Weg geben können, deshalb: Stellen Sie sich Ihren Problemen! Nehmen Sie den Kopf aus dem Sand, blicken Sie dem Problem ins Auge und überprüfen Sie dann, ob es sich von selbst in Luft auflösen wird oder ob Sie es aktiv anpacken müssen.
Allerdings ist das nicht immer so einfach wie gesagt, denn viele Menschen wollen oder können Probleme eben einfach nicht sehen. Manchmal stecken Ängste dahinter, manchmal fehlende Empathie und manchmal haben Sie es auch einfach bisher im Leben noch nicht gelernt. Hilfreich kann dann die Hilfe eines Therapeuten sein.

Lese-Tipp: Empathie: Warum dieser Soft Skill so wichtig ist und wie Sie ihn trainieren können

„Typische“ Probleme im Arbeitsleben, die aufgrund der „Vogel-Strauß-Taktik“ häufig übersehen werden, sind zum Beispiel:

Problem #1: Sie sind zu „nett“

Klingt seltsam? Menschen, die immer nett, gut gelaunt und am Lächeln sind, sind häufig Meister der Verdrängung. Sie schweigen Probleme und Konflikte solange in Grund und Boden, bis sie sich nicht mehr vermeiden lassen. Doch dann ist eben dieser Boden häufig bereits verbrannt oder Konflikte sitzen zu tief, um noch aus dem Weg geräumt werden zu können. Wenn Sie also bei sich selbst solche Verdrängungsmechanismen beobachten, lässt das auf die „Vogel-Strauß-Taktik“ schließen.

Lösung: Prüfen Sie, ob es im Team unterschwellige Konflikte oder sonstige Probleme gibt, die dringend angesprochen werden müssen. Wenn nicht: Super! Wenn doch: Suchen Sie vorsichtig entweder das Vieraugengespräch mit dem Betroffenen oder aber sprechen Sie Ihr Anliegen im nächsten Teammeeting an. Bleiben Sie dabei konstruktiv und zielorientiert. Werden Sie niemals emotional und verstricken Sie sich nicht in Vorwürfen oder Selbstmitleid. Lernen Sie stattdessen, bestimmt Grenzen zu setzen und auch hin und wieder „Nein“ zu sagen.

Lese-Tipp:Lernen Sie, Nein zu sagen: Grenzen setzen im Beruf, ohne zu verletzen

Problem #2: Sie schieben die Schuld immer auf andere

Sie sind nicht zu nett, sondern legen sich im Gegenteil gerne mit allem und jedem an? Oder aber Sie setzen ein gekünsteltes Lächeln auf und grollen innerlich? Natürlich gibt es sie, die nervigen, narzisstischen, unverschämten, egoistischen oder einfach viel zu lauten Kolleginnen und Kollegen. Wenn Sie allerdings bemerken, dass Sie gleich mit mehreren – vielleicht sogar allen – Personen im Büro ein Problem haben, sich ständig über andere aufregen und dabei niemals den Fehler bei sich selbst sehen, schreit auch das stark nach dem „Ostrich Effect“.

Lösung: Üben Sie sich in Selbstreflexion, um einmal einen ehrlichen Blick auf Ihre Rolle in den Konflikten zu werfen. Wenn Sie nämlich immer wieder dieselben Probleme mit unterschiedlichen Personen haben – oder einfach viele Probleme mit vielen Menschen – liegt die Vermutung nahe, dass Sie an dieser Situation nicht ganz unschuldig sind. Auch hier kann eine Psychotherapie kleine Wunder bewirken, um einmal einen objektiveren Blick auf Ihre Situation zu erhalten und gegebenenfalls problematische Verhaltensweisen zu entdecken sowie zu ändern.

Problem #3: Sie bearbeiten die „falschen“ Probleme

„Vogel-Strauß-Taktik“? Nein, die wenden Sie nicht an! Schließlich stellen Sie sich ja Ihren Problemen – denken Sie zumindest. Das Fiese am „Ostrich Effect“ ist, dass Menschen dazu neigen, sich kleineren oder „weniger gefährlichen“ Problemen zuzuwenden, sprich denjenigen, die weniger große Ängste, Selbstzweifel oder auch seelische Schmerzen hervorrufen, um dadurch den wirklich wichtigen Problemen aus dem Weg zu gehen. Sie versuchen Ihr Gewissen also in einer Art Prokrastination durch „Verdrängungsprobleme“ zu beruhigen, während Sie aber bei den wirklich wichtigen Dingen dennoch die „Vogel-Strauß-Taktik“ anwenden.

Lösung: Legen Sie einmal eine Liste all jener Probleme an, die Sie in der jüngeren Vergangenheit gelöst haben oder an deren Lösung Sie aktuell sitzen. Werfen Sie anschließend einen ehrlichen Blick auf die Liste und ergänzen Sie sie um all jene Probleme, die Sie (bislang) ungeachtet lassen. Teilen Sie diese nun in zwei Kategorien ein:

  1. Sie unterlassen die Lösung des Problems, da es unwichtig ist und sich – wie bereits beschrieben – von selbst in Luft auflösen wird oder
  2. Sie unterlassen die Lösung des Problems aufgrund der „Vogel-Strauß-Taktik“.

Die Probleme der Kategorie 1 können Sie nun auf eine Beobachtungsliste setzen. Entweder sie sind irgendwann von selbst verschwunden oder sie verstärken sich und haben dann trotzdem Problemlösungsbedarf. Die Probleme der Kategorie 2 kommen hingegen ganz oben auf Ihre To-Do-Liste!

Lese-Tipp:Prokrastination: Die 6 besten Tipps gegen Aufschieberitis

Welche weiteren typischen Beispiele einer „Vogel-Strauß-Taktik“ kennen Sie – entweder aus eigener Erfahrung oder als Beobachter? Haben Sie Tipps, Knowhow oder sonstige Anregungen zum Thema, die Sie gerne ergänzen würden? Dann bedanken wir uns für Ihren Input in den Kommentaren!


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