Wenn Sie das Wort „Erfolgseigenschaft“ hören, woran würden Sie denken? Gewiss kommen Ihnen nun Begriffe wie Leistungsbereitschaft, Disziplin, Zielstrebigkeit oder Empathie in den Sinn. Und an was denken Sie, wenn Sie „Paranoia“ hören? Lassen Sie uns raten: an eine Krankheit. So weit so gut. Aber würden Sie diese beiden miteinander in Zusammenhang bringen? Laut Prof. Dr. Niels Van Quaquebeke sollten Sie das. Er fand jetzt in einer Studie heraus, dass Paranoia eine der wichtigsten Erfolgseigenschaften des Menschen sein kann – und machte mit dieser Entdeckung weltweit Schlagzeilen. Wir möchten Ihnen deshalb heute erläutern, was es mit den Forschungsergebnissen auf sich hat.

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Paranoide Führungskraft blickt durch die Jalousie
Bildnachweis: iStock.com/RapidEye

Inhalt
1. Definition: Was steckt wirklich hinter dem Begriff „Paranoia“?
2. Lautet die Formel also: Ein wenig Paranoia = viel Karriere?
3. Inwiefern kommt die Paranoia Führungskräften „zugute“?
4. Sind paranoide Menschen erfolgreicher oder erfolgreiche Menschen paranoid?
5. Fazit: Wie hängen nun also Erfolg und Paranoia zusammen?

Definition: Was steckt wirklich hinter dem Begriff „Paranoia“?

Viele Menschen – vor allem die Fans der Gruselfilme à la Hollywood – denken bei dem Wort „Paranoia“ an Personen mit Wahnvorstellungen, die vor unsichtbaren Verfolgern fliehen sowie nach und nach den Verstand verlieren. In der Realität sind hingegen nur die wenigsten von Ihnen wahrscheinlich schon einmal mit Paranoia in Berührung gekommen. Zumindest würden Sie das aufgrund Ihres verzerrten Bildes der Symptomatik denken. Sie haben es wahrscheinlich einfach nicht gemerkt. In Wahrheit steckt hinter der Diagnose „Paranoia“nämlich folgende Definition:

Als Paranoia werden psychische Störungen bezeichnet, bei denen ein systematisierter Wahn im Vordergrund steht. Die Betroffenen erleben ihre Umwelt als verzerrt und sind besonders misstrauisch. Außerhalb der wahnhaften Reaktionen kann durchaus eine geordnet erscheinende Persönlichkeit bestehen bleiben (Affekt, Sprache und Verhalten erscheinen normal). (Quelle: DocCheck Flexikon)

Wenn wir von „Paranoia“ oder dem Adjektiv „paranoid“ sprechen, handelt es sich also um Persönlichkeitszüge wie

  • Verfolgungsängste beziehungsweise Verfolgungswahn,
  • verzerrte Wahrnehmung einer feindseligen Grundhaltung des Gegenübers,
  • Ängstlichkeit oder Aggression,
  • Misstrauen,
  • Verschwörungstheorien oder
  • ständige Aufmerksamkeit bezüglich potenziell „schädlicher“ Situationen.

Die Paranoia kann von leichten, neurotischen Formen bis hin zu psychotischen Ausprägungen reichen, beispielsweise einer paranoiden Schizophrenie. In den meisten Fällen ist die paranoide Veranlagung eines Menschen aber eher subtil wahrzunehmen und wird als paranoide Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Sie äußert sich in Form von

  • einer hohen Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung,
  • einem übertriebenen Misstrauen,
  • der Annahme, das soziale Umfeld sei feindlich eingestellt,
  • Fehldeutungen menschlichen Verhaltens ins Negative,
  • einer erhöhten Alarmbereitschaft und Habachtstellung in sozialen Situationen sowie
  • einer Tendenz zur schnellen Kränkung, die Betroffene dem „Täter“ jahrelang nachtragen.

Klingt unsympathisch? Tatsächlich äußert sich Paranoia in ihrer milden Form vor allem durch einen übertriebenen Stolz, ein großes Ego und Verhaltensweisen, die einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung stark ähneln. Kein Wunder also, dass neben vielen Narzissten auch zahlreiche paranoide Menschen in den deutschen Führungsetagen sitzen.

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Simpel ausgedrückt handelt es sich bei der von Prof. Dr. Niels Van Quaquebeke untersuchten Paranoia also um ein extremes Misstrauen, eine ständige Aufmerksamkeit bezüglich potenziell misslicher Situationen und die Grundannahme, das soziale Umfeld sei einem selbst gegenüber feindselig eingestellt. Und genau diese Eigenschaften sollen es laut der Studie „Paranoia as an Antecedent and Consequence of Getting Ahead in Organizations: Time-Lagged Effects Between Paranoid Cognitions, Self-Monitoring, and Changes in Span of Control“ sein, welche eine positive Wirkung auf Ihre Karriere haben?

Lautet die Formel also: Ein wenig Paranoia = viel Karriere?

Ja, sagt Prof. Dr. Niels Van Quaquebeke, welcher im Rahmen seiner Untersuchungen an der Kühne Logistics University in Hamburg 441 Angestellte über den Zeitraum von sechs Monaten beobachtete. Hierzu wählte er ein heterogenes Feld aus Testpersonen in unterschiedlichen Unternehmen, Branchen und Positionen. Eingangs wurden die Probanden mittels Fragebogen in verschiedene paranoide Stufen kategorisiert. Und tatsächlich kam Prof. Dr. Niels Van Quaquebeke zu dem verblüffenden Ergebnis, dass jene Probanden mit höheren Grundwerten der paranoiden Persönlichkeit einen schnelleren, steileren sowie höheren Aufstieg in der Hierarchie ihres Unternehmens erlebten. Kurz gesagt: Er konnte anhand des Grades der Paranoia eines Menschen dessen beruflichen Erfolg voraussagen.

Dies liegt laut Prof. Dr. Niels Van Quaquebeke vor allem in folgenden Wirkungsweisen begründet:

  • Menschen mit einem höheren Grad an Paranoia sind in sozialen Situationen aufmerksamer. Sie rechnen stets mit feindseligen Handlungen und reflektieren dadurch ständig sowohl sich selbst als auch ihr Gegenüber. Das mag anstrengend sein, sorgt aber dafür, dass paranoide Menschen in sozialen Situationen in der Regel besser „performen“ und – sollte es tatsächlich zu einem „Angriff“ kommen – sich schneller sowie konsequenter wehren.
  • Sie lassen sich demnach weniger schnell ausnutzen, belügen oder auf andere Art und Weise hintergehen. Sie sind Meister darin, das Verhalten, die Gestik, Mimik, Körpersprache und Worte ihres Gegenübers zu deuten – wenn auch (leicht) negativ verzerrt.
  • Gleichzeitig managen sie ihre Beziehungen so, dass es kaum Angriffspunkte für ihr Gegenüber gibt, was sie unter Kollegen und Vorgesetzten häufig sehr beliebt macht, trotz ihres inneren Misstrauens. Sie passen sich also der „Herde“ an. Ihre Paranoia ist derweil für das soziale Umfeld kaum bis überhaupt nicht ersichtlich.

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  • Menschen mit höheren paranoiden Grundwerten teilen ihre sozialen Kontakte in Rekordzeit in „Feind“ und „Freund“ ein und tauschen das Label je nach Situation schnell und gerne wieder aus. Sie befinden sich dadurch stets in „Habachtstellung“ und positionieren sich neu, wenn es nötig wird. Prof. Dr. Niels Van Quaquebeke bezeichnet dies als einen der wichtigsten Erfolgsfaktoren paranoider Persönlichkeiten.
  • Zeitgleich haben sie es perfektioniert, sich aus potenziell schädlichen Situationen herauszuhalten – sei es hinsichtlich ihrer Karriere, ihrer Person oder des gesamten Unternehmens. Menschen mit paranoiden Wesenszüge eignen sich deshalb nicht nur hervorragend als Führungskraft, sondern sogar als Selbstständiger beziehungsweise Unternehmer, so die Schlussfolgerung des Professors.

Inwiefern kommt die Paranoia Führungskräften „zugute“?

Lassen Sie uns den Zusammenhang zwischen einer paranoiden Persönlichkeit und der Eignung als Führungskraft noch einmal genauer unter die Lupe nehmen: Prof. Dr. Niels Van Quaquebeke ist sich sicher, dass vor allem Menschen in Führungspositionen sowie Unternehmer, CEOs & Co von paranoiden Persönlichkeitszügen profitieren. Zumindest lässt sich die Veranlagung bei ihnen in besonders hohem Maß feststellen und Personen mit paranoiden Wesenszügen sind im Untersuchungszeitraum auffällig häufig und schnell hierarchisch aufgestiegen. Die Erklärung lautet gemäß Van Quaquebeke wie folgt:

Führungskräfte mit höheren paranoiden Grundwerten sind stets auf das Schlimmste gefasst. Sie spielen im Kopf immer wieder sämtliche Szenarien – vor allem negativer Art – durch und können im Fall der Fälle entsprechend schnell sowie zielgerichtet reagieren. Dadurch wehren sie Angriffe jeder Art auf sich als Person, auf ihre Position, ihr Unternehmen oder auch ihre Kollegen, Mitarbeiter, Kunden & Co mit größerer Erfolgswahrscheinlichkeit ab, was sie zum geborenen „Leader“ macht, sei es als Führungskraft oder Unternehmer.

Durch ihr negativeres Weltbild, vor allem hinsichtlich sozialer Verhaltensweisen, ist es schwierig, einen paranoiden Menschen eiskalt zu erwischen. Er ist stets für einen Kampf gerüstet und bestens vorbereitet, um diesen zu gewinnen. Er schätzt die Situation zudem pessimistischer und damit häufig auch realistischer ein als ein Mensch, der übertrieben positiv denkt. An dieser Stelle wäre also die stetig gelobte „Macht des positiven Denkens“ infrage zu stellen – aber das ist ein anderes Thema. Eine Frage, die stattdessen interessiert, ist:

Sind paranoide Menschen erfolgreicher oder erfolgreiche Menschen paranoid?

Es geht also um die Frage nach Ursache und Wirkung. Prof. Dr. Niels Van Quaquebeke hat seine Studienergebnisse deshalb auf zweierlei Wegen interpretiert: Er hat einerseits untersucht, ob tatsächlich die Paranoia der (Mit-) Grund für den Erfolg der betreffenden Persönlichkeiten war. Andererseits hat ihn interessiert, ob nicht vielleicht der Erfolg eines Menschen einen höheren Grad an Paranoia hervorruft. Für das einfachere Verständnis ziehen wir ein Extrembeispiel heran: Nehmen wir an, Sie seien Gründer und CEO eines Weltkonzerns mit 100.000 Mitarbeitern. Sie weisen erhöhte paranoide Grundwerte auf und Prof. Dr. Niels Van Quaquebeke möchte nun wissen:

  1. Wurden Sie aufgrund Ihrer Paranoia und den damit einhergehenden Verhaltensweisen so erfolgreich oder
  2. waren Sie zuerst erfolgreich und haben dadurch paranoide Wesenszüge entwickelt, beispielsweise aus Angst vor dem Verlust von Reichtum, Macht & Co?

In Anbetracht der vielen erfolgreichen Menschen, die nicht mehr ohne Bodyguard oder schusssichere Fenster im Auto aus dem Haus gehen, wäre die letztere Theorie durchaus naheliegend. Um eine Verzerrung der Kausalität zu verhindern, ist also eine Untersuchung beider Thesen notwendig.

Fazit: Wie hängen nun also Erfolg und Paranoia zusammen?

Prof. Dr. Niels Van Quaquebeke kam im Rahmen dieser Untersuchungen zu dem Schluss, dass durchaus erfolgreiche Persönlichkeiten dazu tendieren, eine Paranoia zu entwickeln. Diese resultiert aus den wachsenden „Gefahren“ im sozialen Umfeld, wie Neid oder Missgunst, die mit dem Erfolg einhergehen. Wer viel hat, kann viel verlieren – und nicht wenige Menschen wollen es wegnehmen. Logisch! Dennoch zeigt die Studie auch einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen paranoiden Wesenszügen und dem beruflichen Erfolg einer Person.

Nur, weil Du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter Dir her sind.

(Terry Pratchett)

Es handelt sich also um ein Ei-Henne-Problem: Paranoide Menschen sind tatsächlich erfolgreicher, während der Erfolg selbst die Paranoia befeuert. Was Unternehmen dagegen tun sollten? Nichts, so der Professor, denn wie bereits erwähnt sind paranoide Mitarbeiter aufgrund ihres hohen Maßes an Selbst- und Fremdreflexion sowie dank ihrer Fähigkeit, alle Eventualitäten sowie Risiken realitätsnah durchzuspielen, durchaus wertvoll für den Betrieb. Nur gilt es auch hier – wie so oft im Leben – das richtige Maß zu finden. Zu viele paranoid veranlagte Mitarbeiter im Unternehmen können nämlich aufgrund ihrer Negativität auch zur Bremse werden. Sie brauchen einen motivierten, optimistischen und vielleicht auch etwas impulsiven Gegenpol.

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Halten auch Sie Heterogenität für die beste Mitarbeiterstruktur in einem Unternehmen? Oder wie stehen Sie zum Thema Paranoia und Erfolg? Wir sind gespannt auf Ihre Meinung in den Kommentaren und bedanken uns im Voraus!