Viele Menschen haben Schwierigkeiten damit, die Frage zu beantworten, ob sie eher introvertiert oder extrovertiert veranlagt sind. Vielleicht kennen Sie das selbst: Unter Freunden und Bekannten treten Sie selbstbewusst auf und gehen offen auf neue Menschen zu. Doch im Berufsleben sind Sie plötzlich schüchtern und froh, wenn Sie sich bei Meetings & Co ruhig verhalten können und nicht auffallen (müssen). Die Einteilung von Menschen in entweder die Kategorie Extraversion oder die Kategorie Introversion ist völlig veraltet. Stattdessen macht der Modebegriff „ambivertiert“ momentan die Runde. Aber was steckt dahinter? Welche Vorteile hat die „Ambiversion“? Und verfügen Sie über diese? Wir verraten es Ihnen!

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Ambivertierte Frau, die sich schnell auf ihr soziales Umfeld einstimmen kann
Photo by Rokas Niparavicius on unsplash.com/@niparas

Inhalt
1. Der Mythos um Extraversion und Introversion
2. Was ist also besser: Introversion oder Extraversion?
3. Wieso sind ambivertierte Menschen erfolgreicher?
4. Sind Sie ambivertiert? Sieben Hinweise auf eine Ambiversion

Der Mythos um Extraversion und Introversion

In unserer deutschen Gesellschaft geht das Gerücht um, extrovertierte Menschen seien im Berufsleben erfolgreicher. Die Extraversion als Persönlichkeitseigenschaft wurde im Jahr 1921 zum ersten Mal vom Psychoanalytiker Carl Jung beschrieben. Ihren Gegenpart nannte er Introversion. Im Laufe der Jahre wurde das Entweder-oder aber zu einem Sowohl-als-auch. Der Psychologe Hans Jürgen Eysenck erweiterte das Modell Jungs um zahlreiche verschiedene Abstufungen zwischen Introversion und Extraversion. Er beschrieb extrovertierte Menschen als

  • impulsiv,
  • gesellig,
  • offenherzig,
  • wagemutig sowie
  • ausdruckstark.

Sie haben häufig eine geradezu magische Wirkung auf ihr soziales Umfeld, ziehen gerne und viel Aufmerksamkeit auf sich und leben sehr im Außen. Sie tragen ihr Herz auf der Zunge, verfügen über ein großes Selbstbewusstsein und können in Rekordschnelle Vertrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen aufbauen. Anders bei introvertierten Menschen, welche laut Eysenck eher

  • schüchtern,
  • in sich gekehrt,
  • scheu und
  • misstrauisch sind.

(Quelle: Psychomeda)

Sehr introvertierte Menschen werden auf den ersten Blick häufig als weniger sympathisch und charismatisch wahrgenommen und tatsächlich kann es vorkommen, dass sie sich aufgrund ihrer Schüchternheit zum Beispiel in Vorstellungsgesprächen deutlich schwerer tun als ihre extrovertierten Konkurrenten.

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In Extremfällen geht die Introversion mit sozialen Phobien einher. Das bedeutet aber keinesfalls, dass alle introvertierten Menschen unter Ängsten leiden und ebenso wenig, dass die Extraversion die „bessere“ Persönlichkeitseigenschaft sei. Diese geht nämlich ebenfalls in Extremfällen meist mit einer Persönlichkeitsstörung einher – beispielsweise dem Narzissmus. Deshalb wird bei einem Blick in die deutschen Führungsetagen schnell der Eindruck erweckt, Extraversion sei eine wichtige Erfolgseigenschaft. In Wahrheit ist es aber leider der Narzissmus selbst oder sogar eine Psychopathie, welche für den Erfolg dieser Persönlichkeiten sorgen. Mehr Informationen hierzu finden Sie im Artikel:

Lese-Tipp: Gruselkabinett im Büro: Ist Ihr Chef ein Psychopath?

Zum heutigen Stand der Forschung vermuten die Wissenschaftler, dass die Veranlagung zur Extraversion oder Introversion einerseits biologische und andererseits genetische Ursachen hat. Sie zählen den Grad der Extraversion zu den sogenannten Big Five – sprich den Hauptdimensionen der menschlichen Persönlichkeit – neben

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  1. der Aufgeschlossenheit,
  2. Rücksichtnahme,
  3. Labilität und
  4. dem Perfektionismus.

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Was ist also besser: Introversion oder Extraversion?

Eine Antwort auf die ewige Frage, welche der beiden Persönlichkeitseigenschaften nun eigentlich „besser“ sei, wird es wohl niemals geben. Jede mag in spezifischen Situationen einen Vorteil oder auch einen Nachteil bedeuten. Zudem hat bereits Eysenck richtig erkannt, dass kein Mensch auf der Welt wohl „nur“ extrovertiert oder „nur“ introvertiert ist. Es handelt sich stattdessen um zwei Extreme auf einer Skala und jede individuelle Persönlichkeit liegt irgendwo dazwischen. Doch auch dieser Wert ist alles andere als statisch. Stattdessen taucht neuerdings immer häufiger der Begriff der Ambiversion auf:

A condition or character trait that includes elements of both introversion and extroversion.

(Quelle: Collins Dictionary)

Der Großteil der Menschen ist also nicht entweder extrovertiert oder introvertiert. Und er ist auch nicht irgendeine Mischung daraus, sondern schlichtweg sowohl als auch. Das bedeutet: Sie sind vielleicht allgemein auf der Skala näher an der Extraversion, treten aber in gewissen Situation dennoch äußerst introvertiert auf. Unter Alkohol werden Sie hingegen extrem extrovertiert und am nächsten Tag sind Sie aufgrund Ihrer Müdigkeit – und des Katers – wieder eher in sich gekehrt. Auch diese Ambiversion ist bei einigen Menschen stärker und bei anderen schwächer ausgeprägt. Während die meisten Menschen also tatsächlich eher extrovertiert oder eher introvertiert sind und nur leichte Schwankungen aufweisen, pendeln andere zwischen den Extremen. Warum aber ist eine solche Ambiversion tatsächlich die „beste“ Persönlichkeitseigenschaft – zumindest im Job?

Wieso sind ambivertierte Menschen erfolgreicher?

Ganz einfach: Ambiversion bedeutet einen hohen Grad an Anpassungsfähigkeit und der kommt Ihnen im Berufsleben zugute. Je schneller und besser Sie sich angemessen in eine Situation einfügen können, umso professioneller treten Sie auf. Sie knüpfen durch Ihre Extraversion einerseits wichtige Kontakte, die für Ihre Karriere förderlich sein können, treten durch Ihre Introversion aber auch höflich und zurückhaltend auf, wenn es darauf ankommt. Sie passen sich schlichtweg in jeder Situation an die „Herde“ an – und weshalb sich das positiv auf Ihre Karriere auswirkt, können Sie in folgendem Artikel nachlesen:

Lese-Tipp: Wer Chef werden will, muss zur „Herde“ passen

Ambivertierte Menschen zeichnen sich also durch einen hohen Grad an Anpassungsfähigkeit und Flexibilität aus. Sie können sich auf ihr soziales Umfeld einstimmen und dadurch stets angemessen auftreten. Dies erleichtert das Knüpfen von Kontakten – was ebenfalls ein nicht zu unterschätzender Karrierefaktor ist.

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Wie bereits erwähnt, kann die Fähigkeit zur Extraversion bei Vorstellungsgesprächen oder im Rahmen einer Führungstätigkeit zuträglich sein. Dennoch treten ambivertierte nicht wie beispielsweise Narzissten stets übertrieben selbstbewusst und beinahe selbstdarstellerisch auf. Dadurch laufen sie nicht Gefahr, sich ein Image als Angeber oder „Dummschwätzer“ einzuheimsen. Alles in allem verfügen ambivertierte Menschen also meist über bessere soziale Kompetenzen – denn sie können optimal einschätzen, in welcher Situation Extraversion angebracht ist und in welcher Introversion.

Sind Sie ambivertiert? Sieben Hinweise auf eine Ambiversion

Da eine Ambiversion ebenso wie die Extraversion und Introversion genetisch beziehungsweise biologisch veranlagt ist, kann sie nicht erlernt werden. Zwar können Sie als introvertierter Mensch an Ihren sozialen Kompetenzen arbeiten oder sich als extrovertierter Mensch in Zurückhaltung üben, doch prinzipiell ist Ihre Veranlagung unabänderlich. Wenn Sie nun also wissen möchten, ob auch Sie eine ambivertierte Persönlichkeit sind, stellen Sie sich folgende sieben Fragen:

  1. Können Sie sich selbst einordnen? Wenn Sie spontan sagen würden, dass Sie ein extrovertierter beziehungsweise introvertierter Mensch sind, stimmt das in der Regel auch. Ambivertierte Personen haben hingegen häufig Probleme damit, sich selbst einzuordnen. Es gibt Tage, an welchen sie am liebsten in Menschenmassen baden – und andere, an denen es für sie nichts Schöneres gibt als einen einsamen Sofatag mit der Lieblingsserie. Unter Freunden und Bekannten sind Sie vielleicht die lauteste und auffälligste Person der Runde und unter Fremden plötzlich still und in sich gekehrt. Wenn Sie sich in diesen Beschreibungen wiederfinden, sind Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ambivertiert.
  2. Denken Sie viel über sich selbst und Ihr soziales Umfeld nach? Ambivertierte Menschen haben häufig ein großes Verständnis für soziale Situationen. Nach dem Zusammentreffen mit einer Freundin denken sie noch lange darüber nach, dass diese irgendwie traurig gewirkt hat. Bevor sie auf ein Konzert gehen, machen sie sich Gedanken darüber, wer dafür die passende Begleitung sein könnte und in einer großen Runde gehen sie stark in die Selbstreflexion und achten darauf, wie sie von ihrem Gegenüber wahrgenommen werden. Sie können ihr Verhalten dementsprechend so anpassen, dass sie auf beinahe jeden sympathisch wirken – sei es auf eine extrovertierte oder zurückhaltende Art und Weise. Gehören Sie also eher zu den „Denkern“ als zu den Personen, die ihr Herz auf der Zunge tragen? Dann sind Sie vermutlich ambivertiert.
  3. Können Sie gut und gerne alleine sein? Extrovertierten Menschen fällt schnell die Decke auf den Kopf, wenn sie Zeit alleine verbringen. Also packen sie ihre Tasche und gehen ins Fitnessstudio, verabreden sich mit dem Kumpel auf ein Bier oder suchen im Job das Gespräch mit Kollegen in der Kaffeeküche. Wenn Sie hingegen kein Problem damit haben, auch mal einen Abend alleine zu verbringen oder im Job selbstständig an einer Aufgabe zu arbeiten, ohne sich dabei von Hinz und Kunz ablenken zu lassen, könnte das ein Hinweis auf eine Ambiversion sein.
  4. Scheuen Sie aber auch nicht die Gesellschaft von (vielen) anderen Menschen? Dieser Punkt trifft vor allem in Kombination mit dem dritten zu. Wenn Sie zwar gut und gerne alleine sein können, ebenso aber die Gesellschaft anderer Personen genießen, sind Sie vermutlich ambivertiert. Sie würden sich durchaus als Teamplayer bezeichnen, verstehen sich mit den (meisten) Kolleginnen und Kollegen gut und pflegen auch im Privatleben viele Freundschaften. Sie haben kein Problem damit, unter Menschen zu gehen – selbst, wenn es sehr viele sind, wie beispielsweise bei einem Konzert oder einer Firmenfeier. Die Menschenmassen machen Ihnen nichts aus, während sie introvertierten Menschen hingegen meist viel Energie rauben, ja bei ihnen sogar eine Art „Kater“ verursachen können.
  5. Erhalten Sie immer wieder die Rückmeldung, sympathisch zu sein? Erhalten Sie immer wieder direkt oder indirekt die Rückmeldung, auf fremde Menschen besonders sympathisch zu wirken? Dann haben Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ambivertierte Züge, denn eine solch positive Wahrnehmung spricht dafür, dass Sie sich optimal auf soziale Situationen einlassen und an Ihr Gegenüber anpassen können. Vermutlich begeben Sie sich bei einem extrovertierten Gesprächspartner eher in die passive, sprich introvertierte Rolle und bei einem introvertierten Gegenpart übernehmen Sie hingegen die Gesprächsführung. In dieser Beschreibung finden Sie sich wieder? Dann deutet das auf eine Ambiversion hin!
  6. Brauchen Sie aber dennoch Zeit, um Vertrauen aufzubauen? Obwohl Sie mit fremden Menschen schnell warm werden und leicht neue Freundschaften knüpfen, nehmen Sie sich ausreichend Zeit, um Ihr Gegenüber kennenzulernen und richtig einzuschätzen. Sie fassen nicht innerhalb weniger Minuten Vertrauen zu einer Person, lassen aber dennoch ein unvoreingenommenes Kennenlernen zu, ohne sich übertrieben verschlossen beziehungsweise misstrauisch zu geben. Sollte das der Fall sein, haben Sie dank Ihrer Ambiversion vermutlich das richtige Maß aus Extraversion und Introversion gefunden.
  7. Haben Sie feine „Antennen“ für soziale Situationen? Überhaupt würden Sie sich selbst als Menschen beschreiben, der nur selten in soziale Konflikte gerät. Wieso? Weil Sie sich optimal an soziale Situationen anpassen können und mit beinahe jeder Person relativ gut klarkommen. Sie fallen dadurch nicht negativ auf und fungieren eher als Schlichter, wenn es zum Streit kommt. Sie können sich gut in andere Menschen hineinfühlen und wissen, wann Sie an Ihrer Meinung festhalten und wann lieber schweigen sollten. Dieser letzte Punkt erklärt auch, weshalb ambivertierte Mitarbeiter für Unternehmen so wertvoll sind – und warum diese beste Karrierechancen genießen.

Wie würden Sie sich selbst einstufen? Welchen Vorteil haben ambivertierte Menschen Ihrer Meinung nach? Oder halten Sie stattdessen die Extraversion beziehungsweise Introversion für „besser“ – und weshalb? Wir sind gespannt auf Ihren Beitrag zum Thema in den Kommentaren!