Er mag mittlerweile eher die Ausnahme als die Regel sein, doch der handgeschriebene Lebenslauf ist längst nicht ausgestorben. Im Gegenteil: Graphologie – die Lehre der Handschrift – liegt derzeit wieder voll im Trend. Wieso? Weil der Personaler mit etwas Knowhow eine Menge aus der Schrift eines Bewerbers ablesen kann. Was? Wir verraten es Ihnen!

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Inhalt
1. Definition: Graphologie – bei Handschrift zwischen den Zeilen lesen
2. Handgeschriebener Lebenslauf – Wann, wie und vor allem: wieso?
3. Handschriftenprobe: Die Alternative zum handschriftlichen Lebenslauf
4. Graphologie: Worauf achten die Personaler?
5. Beispiele: Graphologische Interpretation der Handschrift!
6. Wie sieht sie also aus – die Handschrift eines „Erfolgsmenschen“?
7. Fazit: Wie aussagekräftig ist die Graphologie wirklich?

Definition: Graphologie – bei Handschrift zwischen den Zeilen lesen

Bei der Graphologie handelt es sich um die Lehre der Handschrift. Die Schrift eines Menschen ist nämlich ebenso individuell wie seine Persönlichkeit – und sie verrät eine Menge darüber. Wer die Graphologie beherrscht, kann aus der Handschrift also wichtige Erkenntnisse über einen Menschen gewinnen. Klar, dass sich das auch manche Personaler bei der Bewerberauswahl zunutze machen möchten.

Zwar sind wissenschaftliche Studien zum Thema umstritten und ein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Handschrift und der Persönlichkeit eines Menschen konnten bislang nicht endgültig bewiesen werden, dennoch treffen erfahrene Graphologen in Untersuchungen immer wieder verblüffend treffende Aussagen über die Persönlichkeit eines eigentlich völlig unbekannten Menschen – allein aufgrund seiner Handschrift. Ob Sie an die Graphologie „glauben“ oder nicht, ist daher wohl schlussendlich Einstellungssache. Fakt ist aber: Immer mehr Personaler setzen (wieder) auf handgeschriebene Lebensläufe und deren graphologische Auswertung, um einen Bewerber besser einschätzen zu können.

Handgeschriebener Lebenslauf – Wann, wie und vor allem: wieso?

Prinzipiell sollten Bewerber nur dann einen handschriftlichen Lebenslauf einreichen, wenn dieser explizit in der Stellenausschreibung gefordert wurde. Bei einem handgeschriebenen Lebenslauf handelt es sich stets um einen ausformulierten, niemals also einen tabellarischen Lebenslauf. Viele Bewerber fühlen sich mit der Forderung eines handschriftlichen Lebenslaufes an ihre Aufsätze aus Schulzeiten erinnert und tatsächlich ist ihnen eine gewisse Ähnlichkeit nicht abzusprechen. Auch beim handgeschriebenen Lebenslauf sollte der Bewerber nämlich unbedingt darauf achten, einen leserlichen sowie rhetorisch schönen Text zu verfassen. „Und dann, und dann, und dann…“ oder ähnlich langweilige Formulierungen, die nicht unbedingt von Schriftstellerqualitäten zeugen, sind unbedingt zu vermeiden.

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Doch Ihre rhetorischen Fähigkeiten sind in der Regel nicht der Grund dafür, dass in einer Stellenanzeige ein handschriftlicher Lebenslauf gefordert wird – es sei denn, diese sind für die zu besetzende Stelle von Relevanz. Häufiger jedoch zielt diese Forderung nur auf eines ab: eine graphologische Auswertung durch einen internen oder externen Experten. Ist ein handgeschriebener Lebenslauf in der Stellenausschreibung gefordert, wird die Bewerbung in der Regel in Papierform eingereicht. Ein Einscannen und Versenden der Unterlagen via E-Mail oder Online-Formular ist eher ungewöhnlich.

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Handschriftenprobe: Die Alternative zum handschriftlichen Lebenslauf

Um den Aufwand sowohl für den Bewerber als auch den Personaler, der ja alle handgeschriebenen Lebensläufe lesen müsste, zu minimieren, wird manchmal in der Stellenausschreibung stattdessen um eine sogenannte Handschriftenprobe gebeten. Auch diese dient dem Zweck, die Persönlichkeit des Bewerbers mittels graphologischer Auswertung besser einschätzen zu können. Viele Bewerber sind sich allerdings unschlüssig, was sie bei so einer Handschriftenprobe eigentlich schreiben sollen. Zwar ist der Inhalt hierbei nur Nebensache, dennoch können Sie die DIN A4 Seite auch nicht einfach mit „Blablabla…“ füllen.

Lese-Tipp:Handschriftenprobe

Experten raten: Bewerber sollten einen neutralen Text verfassen und nicht (!) ihre Informationen aus dem Anschreiben oder Lebenslauf wiederholen oder aus der Handschriftenprobe sogar ein Motivationsschreiben machen. Stattdessen ist es durchaus erlaubt, einfach einen Zeitungsartikel zu einem unverfänglichen Thema abzuschreiben, zum Beispiel aus dem Wirtschaftsteil einer namhaften Tageszeitung. Die Handschriftenprobe muss inhaltlich keinen positiven Eindruck schinden – sollte aber natürlich auch nicht negativ auffallen.

Graphologie: Worauf achten die Personaler?

Natürlich sind es in der Regel nicht die Personaler selbst, welche die graphologische Auswertung der handschriftlichen Lebensläufe oder der Handschriftenprobe vornehmen, sondern es handelt sich dabei um speziell ausgebildete sowie erfahrene interne oder externe Graphologen – je nach Betriebsgröße. Um sich ein Bild über die Persönlichkeit des Urhebers zu machen, achten diese in der Regel auf fünf verschiedene Komponenten:

  1. Wie ist das Schriftbild? Dazu gehören das Bewegungs-, Form-, Raum- und Strichbild. Diese werden in der Regel nach unterschiedlichen Merkmalen eingeteilt, zum Beispiel kraftvoll, dynamisch, rund, weitmaschig, plastisch und und und…
  2. Wie ist die Rhythmik? In diesem zweiten Schritt stellen die Graphologen die Bewegung des Schriftbildes (abgehackt, flüssig, unbeständig o.ä.) in Zusammenhang mit der Formung, dem sogenannten Versteifungsgrad und „Eigenartsgrad“ sowie der Einheitlichkeit der einzelnen Buchstaben.
  3. Welche Einzelmerkmale weist die Handschrift auf? Ebenso, wie jeder Mensch seine besonderen Talente aber auch Macken hat, finden Graphologen in deren Handschrift sogenannte Einzelmerkmale. Es handelt sich dabei also um individuelle Besonderheiten, die von der Masse abweichen und dem Graphologen aus diesem Grund direkt ins Auge springen, zum Beispiel verschnörkelte Großbuchstaben oder fehlende i-Punkte.
  4. Welche Persönlichkeitstheorien kommen infrage? Nach der Erfassung des Schriftbildes sowie der besonderen Merkmale der Handschrift, setzt der Graphologe eine erste Theorie über die Persönlichkeitsstruktur des Urhebers auf.
  5. Welches Gutachten lässt sich daraus erstellen? Schlussendlich werden noch einmal alle erfassten Schriftmerkmale sowie die zugehörigen Persönlichkeitstheorien im Gutachten zusammengefasst und in einer endgültigen Deutung aufgrund psychodiagnostischer Überlegungen festgehalten.

Ein guter Graphologe verfügt also über ausreichend Erfahrung auf der einen sowie ein fundiertes psychologisches Grundwissen auf der anderen Seite. Allerdings gibt es auch sogenannte „Wechselschreiber“, deren Handschrift je nach momentaner Stimmung unterschiedliche Merkmale aufweisen kann. Gerade bei ihnen kann die Deutung des Graphologen also durchaus zu Schwierigkeiten führen, indem die Persönlichkeit des Urhebers entweder falsch oder nicht vollständig erfasst wird.

„Die Launen unseres Gemüts sind noch seltsamer als die des Schicksals.“
(François VI. Duc de La Rochefoucauld)

Am effektivsten ist die graphologische Auswertung deshalb stets dann, wenn sie zusätzlich zu einem persönlichen Kennenlernen – zum Beispiel im Rahmen eines Vorstellungsgespräches – stattfindet. Personaler sollten deshalb über eine gute Menschenkenntnis verfügen und sich nach (!) Erstellung des graphologischen Gutachtens mit dem Experten austauschen. Nur so lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit ein wirklich aussagekräftiges Bild von der Persönlichkeitsstruktur des Bewerbers zeichnen.

Beispiele: Graphologische Interpretation der Handschrift

Ist die Schrift nach rechts oder links geneigt? Geschwungen oder kantig? Einheitlich oder zerworfen? Nicht nur für Personaler, sondern auch für alle anderen Menschen ist es gewiss spannend zu wissen, was die eigene oder eine fremde Handschrift über die Persönlichkeit des Urhebers aussagt. Die Graphologie in ihrer Vollständigkeit darzustellen, wäre hier leider unmöglich. Wir möchten Ihnen aber dennoch einen beispielhaften Einblick in die Lehre der Handschrift geben:

  • große Schrift: Großzügigkeit
  • kleine Schrift: Zuverlässigkeit
  • Anfangsbetonung von Wörtern: Selbstbewusstsein bis hin zu Egoismus
  • Endbetonung von Wörtern: Ehrgeiz
  • vereinfachtes Schriftbild: Intelligenz
  • verschnörkeltes Schriftbild: Eitelkeit
  • nach rechts geneigte Schrift: Kontaktfähigkeit, Extrovertiertheit, Impulsivität
  • gerade Schrift: Selbstkontrolle, „Kopfmensch“, Introvertiertheit
  • nach links geneigte Schrift: Zurückhaltung oder auch Unehrlichkeit
  • mindestens fünf verbundene Buchstaben: logisches Denken
  • unverbundene Schrift: Produktivität und Kreativität

Doch natürlich spielen bei der graphologischen Auswertung noch zahlreiche weitere Faktoren eine Rolle. Wenn Sie einen ersten Eindruck vom Ablauf einer graphologischen Untersuchung erhalten möchten, so können Sie unter www.graphologies.de einen 20-seitigen Selbsttest vornehmen, der aber immer noch kein (!) vollständiges Gutachten darstellt, wie es zum Beispiel bei Bewerbungsprozessen erstellt wird.

Wie sieht sie also aus – die Handschrift eines „Erfolgsmenschen“?

Je nach Bewerberprofil und vakanter Stelle suchen die Personaler in Bewerbungsprozessen via handgeschriebenem Lebenslauf oder Handschriftenprobe natürlich nach unterschiedlichen Eigenschaften: Soll die Idealbesetzung eher kreativ sein? Extrovertiert? Selbstbewusst? Diszipliniert? Dennoch gibt es klassische Soft Skills, die mit einem „typischen Erfolgsmenschen“ in der Managerlaufbahn in Verbindung gebracht werden.  Hierzu gehören

  • logisches Denken
  • Organisationstalent
  • Stressresistenz
  • Konzentrationsfähigkeit
  • emotionale Intelligenz
  • Willensstärke
  • Selbstbewusstsein

Und wie sieht nun die Schrift eines solchen „Erfolgsmenschen“ aus? Die Graphologen suchen bei diesem Bewerberprofil vor allem nach einer

  • einheitlichen,
  • geradlinigen,
  • schnörkelfreien,
  • vereinfachten sowie
  • rechtslastigen Handschrift.

Fazit: Wie aussagekräftig ist die Graphologie wirklich?

Rund 50 Dissertationen finden Sie im deutschsprachigen Raum mittlerweile zum Thema Validität der Graphologie. Nicht alle gelten jedoch als empirisch aussagekräftig, was zum Teil an der Versuchskonzeption liegt oder auch an einer fehlerhaften Durchführung der Untersuchung. Dennoch konnte Hans Jürgen Eysenck bereits im Jahr 1945 im „British Journal of Psychology“ die Schlussfolgerung ziehen:

„Taken together, these results seem to show fairly conclusively that it is possible for a skilled graphologist to diagnose personality traits from handwriting with better-than-chance success.“
(Quelle: Graphologie.de)

Auch 114 graphologische Gutachten, die allesamt am Institut für Psychologie der Universität Freiburg entstanden, lieferten nach langjährigen Beobachtungen und ausreichend Kontrollgruppen das Ergebnis: Die Einschätzung der Arbeitgeber hinsichtlich der Persönlichkeit des analysierten Mitarbeiters deckten sich zu 79 Prozent mit den graphologischen Ergebnissen. Der prognostische Wert eines graphologischen Gutachtens wird bei Personalentscheidungen daher durchaus als sehr hoch eingeschätzt.

Oder was denken Sie? Stehen Sie der Graphologie eher skeptisch gegenüber oder haben Sie als Personaler, Gutachter oder Bewerber bereits Erfahrungen mit einem graphologischen Gutachten gemacht? Wir freuen uns auf Ihre Diskussion zum Thema in den Kommentaren!


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