Du hast eine Einladung zum Vorstellungsgespräch erhalten, fühlst Dich aber plötzlich wie im falschen Film? Manchmal läuft es im Leben überhaupt nicht wie erwartet. Und dann hast Du durchaus das Recht, eine unangenehme Situation zu verlassen. Ein Bewerbungsgespräch vorzeitig zu beenden, trauen sich nur die wenigsten Bewerber. Doch wir sagen Dir heute nicht nur, wie Du frühzeitig gehen solltest, sondern vor allem wann.

Anzeige

Zeit absitzen im Vorstellungsgespräch: Eine Frage der Höflichkeit?

Kennst Du diese Situation: Du hast dich auf eine Stelle beworben, malst Dir in Gedanken bereits den neuen Traumjob aus, die netten Kollegen und die schönen Büroräume. Doch kaum betritst Du auf dem Weg zum persönlichen Kennenlernen das Gebäude, spürst Du:

„Hier bin ich nicht richtig. Eigentlich müsste ich das Bewerbungsgespräch gar nicht mehr halten. Diese Stelle anzutreten, kann ich mir ohnehin nicht vorstellen.“

Manchmal dauert es vielleicht auch etwas länger, bis Du dir sicher bist, dass dieser Job nicht der richtige für Dich ist. Eventuell hast Du beim Kennenlernen mit den zukünftigen Kollegen ein mieses Bauchgefühl oder der Personaler stellt im Vorstellungsgespräch unverschämte Fragen. Die meisten Bewerber fahren dennoch die Strategie, das Gespräch aus Gründen der Höflichkeit bis zum Ende auszusitzen.

Anzeige

„Höflichkeit: die angenehmste Form der Heuchelei.“
(Ambrose Gwinnett Bierce)

Höflichkeit in allen Ehren, doch manchmal ist es besser, ein Vorstellungsgespräch frühzeitig zu verlassen. Dennoch bedeutet das nicht, dass Du Dich unhöflich verhalten musst. Du kannst ein Bewerbungsgespräch nämlich auch auf eine höfliche Art und Weise vorzeitig abbrechen.

Wann Du ein Vorstellungsgespräch abbrechen kannst – und sollst!

Prinzipiell kannst Du ein Vorstellungsgespräch natürlich jederzeit abbrechen. Du kannst den Termin platzen lassen, dem Personaler bei der Begrüßung bereits wieder „Tschüss“ sagen oder den Raum nach fünf Minuten verlassen. Allerdings wäre das nicht nur unhöflich, sondern sogar respektlos. Und da sich auch Arbeitgeber sowie Personaler austauschen oder hin und wieder das Unternehmen wechseln, weist Du nie, ob Du ihnen nicht irgendwann wieder begegnest oder in welchen Kreisen Du deinen Ruf dadurch dauerhaft beschädigst. Ein Fauxpas Deinerseits kann zum herben Rückschlag für Deine Karriere werden.

Der Abbruch eines Bewerbungsgespräches sollte deshalb gut durchdacht sein. Im Zweifelsfall bleib lieber.

Dennoch musst Du dir andersherum auch nicht jede Respektlosigkeit bieten lassen. Du hast durchaus das Recht, Grenzen zu setzen und „Nein“ zu einem Job – oder einem Vorstellungsgespräch– zu sagen. Sieben Hinweise, dass Du lieber gleich Deine Sachen packen und gehen solltest, sind zum Beispiel:

Hinweis #1: Die Arbeitsbedingungen sind unzumutbar

Es kann durchaus sein, dass Du die Büroräume betritst und dich unwohl fühlst oder dass die potenziellen neuen Kollegen auf den ersten Blick unsympathisch wirken. Zwar solltest Du dieses Bauchgefühl nicht ignorieren, doch kann sich Dein Eindruck auf den zweiten Blick noch ändern. Gebe dem Vorstellungsgespräch daher die Chance, Deine Meinung zu revidieren. Es sei denn, Du bemerkst Sicherheitsrisiken an Deinem „zukünftigen“ Arbeitsplatz, siehst Deine Gesundheit in Gefahr oder sogar einen Gesetzesbruch.

Anzeige

Das kann fehlende Sicherheitsausrüstung sein, diskriminierendes Verhalten oder auch eine Eiseskälte im Büro. Eventuell sind solche Verstöße sogar meldebedürftig. Dann heißt es natürlich: Nichts wie weg hier!

Hinweis #2: Der Job ist bereits anderweitig vergeben

Vielleicht weist Du auch bereits aus sicherer Quelle – oder erfährst im Vorstellungsgespräch – dass der Job eigentlich bereits vergeben ist. Dann musst Du natürlich nicht Deine wertvolle Zeit und Energie für eine Ausschreibung opfern, die gar nicht (mehr) existiert. Dennoch kann ein gutes Vorstellungsgespräch eine Empfehlung für Dich als Arbeitskraft sein. Wenn Du einen guten Eindruck hinterlässt, kommt der Arbeitgeber vielleicht das nächste Mal direkt auf Dich zu, sobald eine passende Stelle frei wird, oder Du hast bei einer weiteren Bewerbung im Unternehmen bessere Chancen. Wenn Du dich also wohlfühlst und gerne hier arbeiten würdest, kann dies auch ein guter Grund sein, trotzdem zu bleiben. Ein „Nein“ ist nicht immer endgültig!

Lese-Tipp:Nein sagen lernen: Grenzen setzen ohne zu verletzen

Hinweis #3: Die Stellenanzeige war zu realitätsfern

Im Sinne des Employer Brandings werden Stellenanzeigen von vielen Unternehmen ein wenig geschönt. Hand aufs Herz: Das hast Du bei Deiner Bewerbung gewiss auch getan. Doch wenn Beschreibung und Realität zu weit auseinanderklaffen, kann das für Dich ein Grund zum Abbruch des Vorstellungsgesprächs sein. Hake gerne noch einmal genauer nach, wenn die Tätigkeitsbeschreibung, Arbeitszeiten oder andere Informationen plötzlich von jenen in der Stellenanzeige abweichen. Kommst Du daraufhin zu dem Schluss, dass die vakante Stelle doch nicht so gut zu Dir passt wie gedacht, darfst Du ehrlich sein.

Lese-Tipp:Die „perfekte“ Stellenanzeige formulieren: Aufbau, Vorlage und Kosten

Anzeige

Hinweis #4: Der Personaler wirkt desinteressiert

Wenn Dir während des Bewerbungsgesprächs immer wieder die Frage in den Sinn kommt „Was mache ich hier eigentlich?“, solltest Du ebenfalls über einen Abbruch nachdenken. Hast Du Verständnis dafür, dass der Personaler unter Zeitdruck ist und vielleicht schon 20 andere Gespräche hinter sich gebracht hat. Doch ist er überhaupt nicht vorbereitet, hat Deine Bewerbung scheinbar noch nie gelesen und offensichtlich auch keinerlei Interesse an Dir, musst Du Deine Zeit nicht verschwenden. Bleibt die Wertschätzung bereits beim ersten Kennenlernen aus, wird das häufig auch im späteren Job nicht besser. Sie sind schließlich ein Mensch, nicht „Bewerber Nr. 123“ – und verdienen den entsprechenden Respekt.

Hinweis #5: Deine Fragen werden nicht (zufriedenstellend) beantwortet

Ebenso verhält es sich, wenn Dein Gesprächspartner Dir keinerlei zufriedenstellende Antworten auf Deine Fragen zur ausgeschriebenen Stelle geben kann. Dann ist er entweder nicht nur über Dich, sondern auch über die Position schlecht informiert, oder er lässt Dein Anliegen bewusst unter den Tisch fallen. Wieso? Weil die Antwort Dir nicht gefallen würde! Unternehme gerne noch einen zweiten oder dritten Anlauf. Doch erhälst Du dann immer noch keine Reaktion, handelt es sich vermutlich um kein Versehen, sondern um eine bewusste Strategie. Sagt Dein Bauchgefühl also „Hier ist etwas faul“, hat es vermutlich recht!

Lese-Tipp:9 Fälle, in welchen sich eine Jobabsage schlussendlich als Glücksfall erweist

Hinweis #6: Dein Gesprächspartner ist Dir unsympathisch

Ist Dein Gesprächspartner deshalb oder aus einem anderen Grund unsympathisch, kannst Du das Vorstellungsgespräch ebenfalls abbrechen. Allerdings solltest Du zuerst noch einmal auf den Prüfstand stellen,

  • warum Dir dein Gegenüber unsympathisch ist und
  • ob das für Deine spätere Anstellung überhaupt relevant wäre.

Prüfe, was es ist, das Dich an Deinem Gesprächspartner stört. Erinnert er Dich an Deinen alkoholkranken Vater? Sieht die Personalerin Deiner Ex-Freundin ähnlich, die Dir das Herz gebrochen hat? Das sind sicherlich keine berechtigten Gründe, über einen Menschen vorschnell zu urteilen. Zeigt er hingegen Desinteresse, Arroganz, unangebrachtes Verhalten oder Du schätzt ihn als unehrlich, cholerisch oder narzisstisch ein, könnten das schon eher Argumente zum Abbruch des Bewerbungsgespräches sein.

Anzeige

Lese-Tipp:Gruselkabinett im Büro: Ist Ihr Chef ein Psychopath?

Doch auch dann steht noch die Frage im Raum: Würdest Du mit Deinem Gegenüber im Fall der Einstellung überhaupt zusammenarbeiten? Handelt es sich um Deinen direkten Vorgesetzten oder einen Teamkollegen, könnte das tatsächlich zu Konflikten führen. Einen Personaler, der nur das Vorstellungsgespräch leitet und anschließend den Papierkram erledigt, wirst Du im Arbeitsalltag hingegen selten zu Gesicht bekommen – wenn überhaupt. Du wirst es überleben. Schwierige Menschen gibt es schließlich überall!

Hinweis #7: Der Personaler stellt unerlaubte Fragen

Manche Vorstellungsgespräche laufen locker und beinahe freundschaftlich ab. In anderen setzt der Personaler Dich gezielt unter Druck, um Dein Verhalten in Stresssituationen zu testen. Die eine oder andere fiese Frage gehört dann zum Vorstellungsgespräch einfach dazu. Doch wenn Dir das Stressinterview zu „stressig“ wird, sprich zu unverschämt, oder der Personaler immer wieder unerlaubte Fragen stellt – trotz, dass Du diese abschmetterst – ist das ein guter Grund zum Gehen. Lese-Tipp:Unzulässige Fragen im Bewerbungsgespräch – Haben Lügen wirklich kurze Beine?” Wie kannst Du ein Bewerbungsgespräch „höflich“ abbrechen? Abhängig davon, welcher Dein Grund für den Abbruch des Vorstellungsgesprächs ist, sollte auch Dein Vorgehen sein. Ist der Personaler zu unvorbereitet, Du hast aber immer noch Interesse an der Stelle, kannst Du beispielsweise nach einem zweiten Termin fragen. Sag:

„Ich bedanke mich für Ihre Mühe, allerdings habe ich das Gefühl, dass Sie mir im Moment nicht alle wichtigen Informationen auf meine Fragen geben können. Wäre es daher vielleicht möglich, einen neuen Termin vereinbaren? So haben Sie die Möglichkeit, sich noch einmal tiefergehend zu informieren oder eine dritte Person hinzuziehen, zum Beispiel meinen zukünftigen Vorgesetzten oder einen Teamkollegen.“

Bewegen unverschämte oder verbotene Fragen Dich zum Gehen – woraufhin Du bei diesem Unternehmen gewiss auch in Zukunft nicht mehr arbeiten möchtest – kann Dein Abgang auch etwas forscher ausfallen.

Anzeige

„Ich möchte mich bei Ihnen für das Gespräch bedanken. Allerdings haben mir Ihre Fragen in den vergangenen Minuten deutlich gemacht, dass wir für ein Arbeitsverhältnis leider nicht zusammenfinden. Ich bitte deshalb um Ihr Verständnis, dass ich unser Zusammentreffen nun beenden werde.“

Alles in allem solltest Du, wie bereits erwähnt, dennoch höflich bleiben. Wenigstens Deinem guten Ruf zuliebe. Lese-Tipp:Experten verraten: Nicht wer leistet, wird befördert. Sondern…?“ Wenn Du ein Vorstellungsgespräch abbrechen möchtest, geh deshalb wie folgt vor:

  • Unterbreche Deinen Gesprächspartner nicht, sondern warte, bis Du das Wort hast.
  • Beginne Deinen Satz anschließend stets damit, dass Du Dich für das Gespräch, die Mühe oder die Zeit Deines Gegenübers bedankst.
  • Bringe unmissverständlich Dein Anliegen vor, das Vorstellungsgespräch abzubrechen.
  • Begründe diese Entscheidung anschließend kurz. Je weniger Dein Gesprächspartner Deinen Wunsch nachvollziehen kann, umso unhöflicher wirkst Du.
  • Bleibe dabei unbedingt konstruktiv und werde niemals persönlich.
  • Fragt der Personaler noch einmal um Feedback, weshalb Du das Gespräch beendest, gebe es ihm gerne. Vielleicht kann er daraus für seine berufliche Zukunft lernen. Möchte er Dich hingegen aufhalten oder wird er wütend, verabschiede Dich unbeirrt.
  • Bedanke Dich noch einmal und verlasse den Raum.
  • Verhalte Dich professionell, bis Du das Unternehmensgelände verlassen hast und außer Sichtweite bist. Wutanfällen oder Heulkrämpfen kannst Du immer noch im Auto oder zu Hause Luft machen.

Leider wird Dir dein Gesprächspartner nicht immer mit derselben Höflichkeit entgegentreten, die Du beim Abbruch des Vorstellungsgesprächs (hoffentlich) an den Tag legst. Provokationen à la „Was fällt Ihnen ein?“ oder „Denken Sie, wir verschwenden unsere Zeit und Energie gerne für Bewerber wie Sie?“ kommen hin und wieder vor. Bleibe unbedingt ruhig, auch wenn Du innerlich tobst. Lasse Dich niemals auf Rechtfertigungen oder Schuldzuweisungen ein. Antworte also auf keinen Fall mit Phrasen wie

„Sie sind doch selbst schuld, wenn Sie solch unverschämte Fragen stellen. Fassen Sie sich lieber an die eigene Nase.“

oder

„Wenn Sie Ihre Hausaufgaben nicht machen und so unvorbereitet hier erscheinen, ist das ja wohl nicht mein Fehler. Ich finde das sehr unprofessionell!“

Wie sagt man so schön: Zum Streiten gehören immer zwei. Also bleibe ruhig und verhalte Dich professionell, reif und höflich. Antworte beispielsweise:

Anzeige

„Ich finde es schade, dass Sie meine Entscheidung nicht nachvollziehen können. Sie ist keinesfalls persönlich gemeint. Ich denke, es ist am fairsten für alle Beteiligten, wenn wir die Karten offen auf den Tisch legen. Ich werde mich deshalb jetzt verabschieden. Ich wünsche Ihnen und dem Unternehmen natürlich weiterhin alles Gute und bedanke mich noch einmal für die Chance, mich Ihnen persönlich vorzustellen, auch wenn es leider nicht gepasst hat.“

Lese-Tipp:Vorstellungsgespräch absagen oder verschieben? So geht’sWas denkst Du? Ist es Deiner Meinung nach ein absolutes No-Go, ein Vorstellungsgespräch frühzeitig zu beenden? Oder hast Du vielleicht selbst schon einmal ein Bewerbungsgespräch abgebrochen und wenn ja, wie? Wir freuen uns auf Deine Meinung zum Thema in den Kommentaren!

Bildnachweis: Photo by Daniel McCullough on Unsplash

Bewerte diesen Artikel - Danke!
[Bewertung: 4.4 Bewertungen: 7]