Bossing ist Mobbing von oben – und wohl die übelste Variante der Demontage, die einem Arbeitnehmer widerfahren kann. Und zudem ein Duell, das er nicht allein führen kann.

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Was ist Bossing?

Mobbing geht meist von Kollegen aus, aber es wird nicht selten von der Firmenleitung gebilligt oder zumindest geduldet. Bossing hingegen beruht auf einem Beschluss des Chefs und/oder der Personalleitung, einen Mitarbeiter systematisch kaltzustellen und aus dem Betrieb zu graulen. Wer z. B. Kündigungsschutz genießt oder aus anderen Gründen nur unter Schwierigkeiten entlassen werden kann, soll in die soziale Isolation gedrängt und eingeschüchtert werden. Häufig funktioniert diese Zerbmürbungstaktik, und mancher wirft von sich aus das Handtuch.

Wie sich die Zeichen deuten lassen

Meistens beginnt es mit Ungerechtigkeiten und Schikanen, bis der Mitarbeiter realisiert, dass der Boss einen Piek auf ihn hat. Die Signale häufen sich, in Gegenwart der Kollegen fallen Bemerkungen vom Kaliber “Da hat wohl jemand den Schuss nicht gehört!” oder “Herr X kennt sich damit bekanntlich nicht aus, der ist ja ein Vertreter des alten Europas!” Nach und nach werden dem Mitarbeiter alle Aufgaben entzogen, die ihm vertraut sind und mit denen er sich profilieren kann. Er wird entweder mit Hilfsarbeiten betraut oder aber gar nicht mehr in die Arbeitsprozesse einbezogen. Da die meisten wissen, dass es arbeitsrechtlich relevant ist, tagtäglich im Unternehmen zu erscheinen und die volle Arbeitszeit dort zu verbringen, gibt es Fälle, wo ein altgedienter Mitarbeiter in einem winzigen Einzelzimmer sitzt und Bücher liest. Nicht einmal einen PC oder ein Telefon hat er zur Verfügung.

Die gemeinen Tricks, mit denen beim Bossing operiert wird, sind von Firma zu Firma verschieden. Dahinter steht immer die Absicht, den Arbeitnehmer zu einer freiwilligen Kündigung oder zu einem Aufhebungsvertrag zu bewegen, auch wenn er noch gar nicht im Rentenalter ist. Die Sache wird durch die Tatsache erschwert, dass die Ursache für das Bossing nicht unbedingt in gesunkenen Leistungen zu sehen ist, sondern ebenso gut auf persönlichen Animositäten beruhen kann. Trotzdem wird dem Mitarbeiter, der auf der Abschussliste steht, jeder Fehler angekreidet und Unfähigkeit unterstellt.

Bossing-Opfer – ein Kampf gegen Windmühlen?

Niemand sollte auf Verbündete im Kollegenkreis setzen: Die meisten werden Angst haben, ebenfalls in Ungnade zu fallen und ihren Job zu verlieren. Wer sich entschließt, aktiv gegen das Bossing anzugehen, muss sich warm anziehen. Jede Hilfe sollte angenommen werden. Das reicht von der moralischen Unterstützung durch Familie und Freunde über Rechtsberatung, Betriebsrat, Gewerkschaft, psychologische Hilfe oder Coaching. Allein Berge zu versetzen, wird nicht gelingen.

Bossing-Opfer befinden sich rasant schnell in einem unheilvollen Laufrad der permanenten Rechtfertig und Beschwerde. Richtigstellungen und Protokolle kosten Zeit, und die Verschwörung wird damit in den seltensten Fällen aufgelöst. Meist ist auch das Klima bereits so vergiftet, dass es zu keiner echten Versöhnung kommen kann.

Die seelische Belastung nicht unterschätzen

Ein Bossing-Opfer muss dafür Sorge tragen, sich gegen die ständigen Anfeindungen und Drangsalierungen zu schützen. Niemand will sich schließlich mit Schimpf und Schande verjagen lassen, egal ob er am Ende oder erst am Anfang seiner beruflichen Laufbahn steht. Der Beruf ist ein bedeutendes Lebensumfeld, aus dem Menschen Anerkennung und Bestätigung beziehen.

Damit sich ein Mitarbeiter durch das Bossing keine Depressionen einhandelt, sollte er sich beim schon beim allerersten Anzeichen, dass eine Kampagne gegen ihn angezettelt wurde, so breit wie möglich aufstellen und sich auch nicht scheuen, objektive Berater und geschulte Lebensberater einzuweihen. Außerdem kann der Kontakt zu Menschen mit ähnlichen Erfahrungen hilfreich sein. Falls Existenzängste eine wichtige Rolle spielen, lassen sich durch eine Sofortberatung zum Thema Kündigungsschutz die finanziellen Konsequenzen beleuchten. Denn es bleibt letztendlich eine Frage der persönlichen Entscheidung, ob das Bossing-Opfer freilwillig geht. Eine Kapitulation kann eine Befreiung sein oder aber als Schmach empfunden werden – das ist abhängig vom Charakter.

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In die Offensive gehen?

Wer es sich zutraut, den Spieß umzudrehen, braucht starke Nerven und ein schlagkräftigres Team hinter sich. Vielleicht sitzt derjenige, von dem das Bossing ausgeht, gar nicht so sicher auf seinem Stuhl? Möglicherweise wartet man an noch höherer Stelle darauf, dass er sich etwas zu Schulden kommen lässt? Die Arbeitnehmervertreter werden darüber am besten Bescheid wissen und können unter Umständen raten, die Sache öffentlich zu machen – z. B. auf der nächsten Betriebsversammlung.